No Fatties & Uggos, please!

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Eines der neueren Gesichter der BBC, meine Damen und Herren, ist Tyger Drew-Honey, ein englischer Schauspieler und Musiker, der, gerade 18 Jahre alt, seine eigene Dokumentationsserie auf BBC Three präsentiert, wo er sich, frisch und pfiffig, mit Phänomenen der spätmodernen Popkultur auseinandersetzt, namentlich den zeitgenössischen Konzepten von Pornografie, Liebe und dem Bild des perfekten Körpers.

Was den perfekten Körper angeht, so ist es nichts Neues, dass auch Männer sich heutzutage strikten Körpernormen gegenübersehen. Die Freiheit der körperlichen Natur des postindustriellen Menschen zeigt sich darin, sich selbst zu gestalten und damit auch (zumindest dem Anschein nach) Autonomie und Individualität zu realisieren. Manipulationen am Körper gelten dem Subjekt als Technologien des Selbst, und Männer sind für solche Technologien nicht weniger empfänglich als Frauen, vielleicht sogar mehr. Während die bürgerliche Moderne sich noch gegen Männer definierte, die ihre Reize zur Schau stellen (das waren dann zum Beispiel Dandys und Playboys und Künstler und andere mehr oder weniger am Rand stehende Figuren), erscheint die spätmoderne Kultur zusehends feminisiert. Jedenfalls wenn man «Feminisierung» als Oberbegriff dafür durchgehen lässt, dass körperliche Attraktivität überall thematisiert wird. Der spätmoderne Leistungsträger oder, wie es der Soziologe Ulrich Bröckling formuliert, «das unternehmerische Selbst» ist immer auf der Suche nach der Optimierung seines Potenzials.

Supplemente, Steroide, Schönheitschirurgie

Für Männer heisst das, jenseits von Wachsen, Färben, Bleichen, Bräunen, Botoxen, dass sie eine Odyssee in den Strudel dessen beginnen, was man als Sixpack-Dreieck bezeichnen könnte: Supplemente, Steroide, Schönheitschirurgie. Dabei geht es, wie wir von Tyger Drew-Honey erfuhren, bei weitem nicht nur darum, seine Attraktivität für das andere Geschlecht zu steigern. (Es ist, nebenbei, eine wohletablierte Tatsache, dass Frauen zum Beispiel übermässig muskulöse Männer gar nicht so besonders attraktiv finden.) «Viele Männer wollen andere Männer beeindrucken», erklärt Tyger, «das Urteil anderer Männer ist ihnen wichtiger als das von Frauen, nicht weil sie schwul wären, sondern weil sie die Sache als Wettbewerb auffassen.» Benchmarking, also. (Mit der Theorie der allgemeinen Verschwulung des männlichen Erscheinungsbildes muss man auch deswegen vorsichtig sein, weil die Homos natürlich schon wieder woanders sind: Das schwule Schönheitsideal bewegt sich derzeit in Richtung einer raueren Männlichkeit.)

Gerade dieser Aspekt des Wettbewerbs berührt die Pathologien der Sportgesellschaft, die wir in diesem Magazin schon besprochen haben: Muskel- und Fitnesssucht, Body Dysmorphic Disorder (BDD), Anorexia athletica, Orthorexia nervosa. Und so weiter. All diesen Störungen ist eins gemein: Der Körper wird Austragungsort eines gesteigerten Erlebens und steht damit paradigmatisch für die Glücksmöglichkeiten unter den Bedingungen der Zweiten Moderne, denn er ist Objekt der Disziplinierung und Kontrolle, Vehikel des Erfolges. Die Verabsolutierung dieser Rationalität ist tendenziell weitverbreitet, aber nichtsdestotrotz verrückt.

Und das verweist auf einen interessanten Zusammenhang: den zwischen Selfies und Selbstbild. Selfies, jene Selbstbildnisse, die wohl für zukünftige Generationen bald die Hauptform der popkulturellen Hinterlassenschaft unserer Ära von Smartphones und Social Networks darstellen werden, sind ja regelmässig nur vorgeblich spontan: Sie werden vor ausgewählten Kulissen aufgenommen, in ausgewählter Bekleidung und Begleitung, mit attraktiven Requisiten und einem schmeichelndem Filter. Kein Fehl darf zu sehen sein. Das schafft nicht nur die Anerkennung der virtuellen Crowd (sowie deren Missgunst, etwa im Phänomen des Facebook-Neids) – sondern auch ein unerreichbares Selbstbild, dem die Leute dann ständig hinterherrennen müssen. No fatties & uggos – diese uralte Pausenhofregel wird zum universellen Dogma der globalen Selfie-Community. Wunderbar veranschaulicht im Video #SELFIE der Chainsmokers. Oder durch neue Dating Sites wie «Im Gegenteil». Das Problem bei Letzteren ist weniger, dass, wie beispielsweise die «Zeit» monierte, die Darstellung der Singles auf pure Oberflächlichkeit reduziert wird, weil nicht mal mehr irgendein Profilabgleich stattfindet. Dating Sites sind meistens pure Oberfläche, und das ist auch nicht schlimm, das Kennenlernen im richtigen Leben ist es schliesslich ebenfalls. Das Problem ist vielmehr die Missrepräsentation: Die Partnersuchenden können mit ihrer Inszenierung nicht mithalten.

Scham und Charme

Was ist schön? Auch diese Frage haben wir hier schon behandelt. Ist schön, was im Dienste sozialer Imperative nach optimaler Gestaltung des Körperrohstoffs aussieht? Die Obsession mit Körperlichkeit schürt eine Illusion von Unsterblichkeit, physischer Unsterblichkeit, welche die immaterielle Unsterblichkeit abwertet, die bisher der Geist für sich reklamieren konnte. Die Grenze zwischen Selbstoptimierung und Selbstzerstörung ist schmal und oft schwer erkennbar. Dabei ist nicht nur entscheidend, was man seinem Körper zufügt, sondern auch, wie viel Gewalt die Bilder über Körper gewinnen, d. h. ob der spätmoderne Mensch vor allem als Bild im virtuellen Raum existieren und überleben will – und dann konsequenterweise das Leben selbst, dies bisweilen hässliche Monster, als Zerstörung der Bilder, als Angriff auf die Dominanz der glatten Oberflächen und Ich-Idealisierungen wahrgenommen und – gemieden wird.

Das Aussehen wirkt peinlich, sobald das Anpassungsinteresse allzu sichtbar wird. Wie bei der operierten Nase von Conchita Wurst. Grazie verträgt sich nicht mit Intentionalität. Echte Schönheit erzeugt Schamhaftigkeit, hat Thomas Mann gesagt, der heute Geburtstag hat und zu einem Schlag von Schriftstellern gehörte, die noch von Schönheit Ahnung hatten. Ebenso wie Heinrich von Kleist, dessen viel zitierter Essay «Über das Marionettentheater» von 1810 den Leser darüber aufklärt, dass tatsächliche Anmut nur demjenigen vorbehalten sei, der sich seiner Wirkung selbst nicht bewusst ist. Wirklich schöne Menschen verfügen über eine Anziehungskraft, die an Grazie mindestens heranreicht, und Grazie ist bekanntlich das körperliche Gegenstück zum Geist, ein Komplement, über das übrigens ohne weiteres auch völlig geistlose Menschen verfügen können. (Aber nicht müssen: Mit Kanye West und Kim Kardashian, zum Beispiel, hat sich ein Paar gefunden, dass weder Geist noch Grazie aufweist.) In der Tat treffen sich die beiden leider selten – Geist und Grazie, meine ich. Oder vielleicht ist das ein Glück. Womöglich wär’ das nur schwer auszuhalten. Wenn sie sich aber doch treffen, dann nennt man das: Charme. Für mich persönlich sehr einnehmend dargestellt in der namenlosen Gestalt jenes jungen Mannes, der, von Tyger Drew-Honey dazu befragt, ob er nicht auch mit dem Zähnebleichen und Melanotan-Injektionen anfangen wolle, erwiderte: «I can’t be arsed.»

Im Bild oben: Screenshot aus dem Video zu «Let Me Take a Selfie» von The Chainsmokers. (Youtube)