Was ist ein gelingendes Leben?

BM - Wizard 663

In dem 2011 entstandenen Film «The Pervert’s Guide to Ideology», meine Damen und Herren, erkennt der slowenische Psychoanalytiker und Kulturkritiker Slavoj Žižek den Geist des Westens als beherrscht von «distractive consumerism», also ungefähr: einem auf Ablenkung (vom Eigentlichen) ausgerichteten Konsumismus, mit einer «seltsamen Pflicht zu Genuss» und dem «Verlust von Verlangen als ultimativer Melancholieerfahrung». (So weit, so klar. Unklar blieb mir der Titel des Films, wenn man davon absieht, dass Žižek, der sich leider gehen lässt, ein Aussehen hat, mit dem man in Aufklärungsfilmen der Fünfzigerjahre höchstwahrscheinlich als pervert gecastet worden wäre.)

Es ist offensichtlich, dass Žižek unter einem gelingenden Leben was anderes vorschwebt. Folgt man dem Philosophen Michael Hampe von der ETH Zürich, hat ein gelingendes Leben etwas mit Fortsetzbarkeit zu tun; es müssen sich ein Rhythmus und eine biografische Gestalt ergeben, deren Perpetuierung dem Einzelnen möglich und wünschbar scheinen. Dann trägt das Dasein Hampe zufolge sich selbst. Im Gegensatz zu einer Existenz, die nur aus dem Sammeln von «Kicks» besteht. (Ich bin allerdings immer etwas skeptisch, wenn Leute, die selbst ein wenig … farblos daherkommen, gegen das «Sammeln von Kicks» zu Felde ziehen. Schlimmer ist nur noch folgender Fall: Nerds, die sich für das Sammeln von Kicks aussprechen.)

Fortsetzbarkeit ist gewiss ein wichtiges Kriterium, übersieht aber gerade in der Betonung der Kontinuitäten den Umgang mit Kontingenzen. Kontingenztoleranz, also die innere Freiheit gegenüber dem, was einem zustösst (und was man ist), muss aber nicht nur als Kennzeichen jedes echten Realismus, sondern natürlich auch als Fundament des gelingenden Lebens gelten. Egal, ob man das, was man ist und was einem zustösst, nun dem entfesselten Zufall zuschreibt oder dem Zwangszusammenhang einer höheren Vorsehung, die durch alle Dinge hindurchreicht.

Ganz prägnant auf den Punkt gebracht hat das Kriterium für ein gelingendes Leben: Jerry Springer. Nämlich in Form eines Angebots von oben und der Antwort, die man darauf gibt. Ausgerechnet Jerry Springer. Springer hat einen Ruf als Krawallnudel, als Vater des Rummelplatzfernsehens, jener nach ihm benannten Talkshow, die geradezu zum Eponym wurde für sämtliche medialen Formate der Enthemmung, wo Gäste aufeinander einprügeln, nachdem sie just damit konfrontiert wurden, dass ihre Schwester früher ihr Vater war und inzwischen mit einem Pferd zusammenlebt. – Doch Jerry Springer ist nicht nur das. Er ist ein liberaler Progressiver, einer der frühesten Unterstützer von Obama, und war mal Bürgermeister von Cincinnati für die Demokraten. Nun sass er neulich aus Anlass seines 70. Geburtstags als Gast in der BBC-Talkshow «Hardtalk», und natürlich wurde da auch die Frage nach der Zufriedenheit mit seinem Lebensweg gestellt, und Springer erwiderte darauf: «Wenn Gott auftauchte und mich fragte: Gerald, du kriegst ein zweites Leben, willst du dein jetziges noch mal oder willst du dein Glück ganz neu versuchen, inklusive Geburt und Ausstattung? Dann würde ich antworten: Wo muss ich unterschreiben, um noch mal dasselbe zu kriegen?»

Aus Springers Antwort spricht eine Souveränität, die sich der Heiterkeit verdankt. Heiterkeit als Rüstung. Das hat natürlich auch was mit Freiheit zu tun. In den Worten von Karl Jaspers: «Der Mensch findet in sich, was er nirgends in der Welt findet, etwas Unerkennbares, Unbeweisbares, niemals Gegenständliches, etwas, was sich aller forschenden Wissenschaft entzieht: die Freiheit.» Und, auch von Jaspers: Der Mensch muss die Unbegreiflichkeit seines Daseins bejahen. Camus hingegen verdanken wir die Einsicht: Gerade die Absurdität (und das ist ja nichts anderes als die Kontingenz) vermag, wenn der Mensch sie akzeptiert, ihm grösstes Glück zu schenken. Insofern konnte auch Sisyphos in seiner Arbeit Befriedigung finden. Oder ich, wenn ich hart an der Burn-out-Grenze für Sie an diesem Blog schufte. Um nochmals Herrn Springer zu zitieren: «Would I sign on? Hell, yeah!»

Bild oben: Gerade die Absurdität vermag dem Menschen grösstes Glück zu schenken – wenn er sie akzeptiert. Szene aus dem Film «The Wizard of Oz» mit der Vogelscheuche, die gerne Verstand hätte, dem Blechmann, dem das Herz fehlt, Dorothy und dem feigen Löwen. Foto: PD