Je pushier, desto besser

bm

Das hatte niemand erwartet. Vergangene Woche wurde Jill Abramson, die erste Frau an der Spitze der traditionsreichen «New York Times», Knall auf Fall entlassen und räumte ihr Büro noch am selben Tag.

Der Zufall wollte es, dass mich diese Nachricht während der Woche erreichte, da ich selber zum ersten Mal in unserer Onlinetagesleitung Chef spielen durfte. Auch wenn ich am Anfang am liebsten davongelaufen wäre, von Versagensängsten geplagt wurde und mich furchtbar exponiert fühlte, sagte ich mir am Ende: Dranbleiben ist alles, denn Chefsein macht Spass.

Auf einem Chefposten ist man exponiert. Und gerade in unserer Branche ist es alles andere als ungewöhnlich, dass Chefredaktoren entlassen werden. Meistens nicht aus Gründen, für die sie wirklich entlassen werden sollten. Etwa dass sie Praktikantinnen nachstellen oder Substanzen missbrauchen. Sondern weil es mit dem Titel nicht rundläuft. Weil die Branche in der Krise ist und niemand weiss, welches das richtige Rezept ist.

Ich weiss nicht, warum Abramson gehen musste. Wohl kaum, weil sie eine Frau war. Sicher ist jedoch, dass die «New York Times» Probleme hat, sich zu erneuern, weil man noch immer dem alten Printmodell von Journalismus huldigt und Front-Page-Fetischismus betreibt. Wenn Abramson tatsächlich für diesen Kurs stand, dann war es vielleicht richtig, dass sie gehen musste. Aber das schreibt ja niemand. Stattdessen bekommt man wieder mal das alte Gender-Liedchen zu hören: Ihr Führungsstil sei «ruppig» gewesen. Also nicht fordernd, wie man es vielleicht einem Mann attestiert hätte, sondern ruppig. Sie war nicht entschlossen, sondern «pushy». Und was mit «wenig zugänglich» gemeint ist, will ich mir lieber gar nicht genauer überlegen.

Der plausibelste Grund für Abramsons Abgang dürfte aber die Sache mit dem Lohn gewesen sein. Glaubt man den Kolportagen, war der deutlich niedriger als derjenige ihrer Vorgänger, obschon das Blatt unter ihrer Führung seine Auflage stabilisieren konnte. Abramson nahm sich einen Anwalt deswegen.

Natürlich wäre es geschickter gewesen, die Chefredaktorin hätte vor Stellenantritt die richtigen Lohnforderungen gestellt – aber das wäre womöglich wieder allzu pushy gewesen. Mich macht das wütend. Und noch wütender machten mich die Leserkommentarschreiber im Netz, die unbefleckt von jeglichem Wissen über die Probleme der NYT von einem «Frauen-Bonus» und «fehlender Leistung» Abramsons schwafelten. Als würden Männer allein durch die Tatsache diskriminiert, dass es tatsächlich auch Frauen gibt, die an die Spitze wollen.

Vielleicht sollten wir einfach mal festhalten, dass Frauen aus ganz vielen Gründen Chef werden wollen, so wie Männer auch. Und dass sie auch aus allerlei Gründen scheitern können, weil Menschen nun mal scheitern. Was sie nicht davon abhalten soll, es zu versuchen. Und zwar je pushier, desto besser.

Bild oben: Jill Abramson trifft im Weissen Haus ein zum Staatsdinner für Frankreichs Präsident François Hollande am 11. Februar 2014.

14 Kommentare zu «Je pushier, desto besser»

  • George Mendeles sagt:

    Grundsätzlich einverstanden. Nur dynamisch wäre mir lieber, als „pushier“. Es tönt einfach menschlicher….

    • Kurt Brot sagt:

      Leider bedeutet es auch etwas komplett anderes…

    • George Mendeles sagt:

      @Brot: Ja, es bedeutet etwas anderes. Viel menschlicher eben. „Chefliche“ Dynamik ist in der Lage, Mitarbeiter zu begeistern und mitzuziehen. Also nichts mit Egotrip, Boss spielen oder Selbstverwirklichung. Und eben auch geschlechtsunabhängig.

  • Darja Rauber sagt:

    Dem ist nichts mehr beizufügen. Thumbs up, Frau Binswanger!

  • Susanne Reich sagt:

    Super Artikel – Chapeau! – und sehr zutreffend. „Als würden Männer allein durch die Tatsache diskriminiert, dass es tatsächlich auch Frauen gibt, die an die Spitze wollen.“ Diesen Satz finde ich Spitze, nur glaube ich, dass die Männer – lange alleinige Vorherrscher und praktisch nicht bedroht in ihrer Position, nun wachsende Konkurrenz seitens der Frauen bemerken und zu ihrem grossen? Erstaunen feststellen, dass Frauen durchaus fähig sind, diese Arbeit zu leisten. In dem erwähnten Fall gab wahrscheinlich die Lohnforderung den Ausschlag. Gleiche Arbeit = gleicher Lohn = selbstverständlich.

    • Xavier Olbrist sagt:

      nein, die Männer haben schon verstanden dass sie Konkurrenz von der Frau bekommen haben.

      Die Frauen haben sich einfach noch nicht daran gewöhnt wie Konkurrenz behandelt zu werden.

  • Marcel Zufferey sagt:

    Der menschliche Makel hat kein Geschlecht. Kritik übrigens auch nicht.

  • Ricco Morales sagt:

    Je pushier desto besser? Ist die Kritik oder Entlassung einer Frau wegen ihres Führungsstils immer frauenfeindlich, nie gerechtfertigt? Vielleicht war ja Frau Abramson tatsächlich ruppig, und nicht fordernd, woher wissen wir das so genau? Auch Männer werden dafür kritisiert, siehe Steve Jobs. Es muss möglich sein, Angestellte aufgrund des Führungsstils oder persönlicher Differenzen zu entlassen. Auch Frauen.

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