Wird Zürich überschwänglich?

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Also, meine Damen und Herren, neulich sitze ich so in Zürich im Tram und halte mich an die kulturell angemessene Blicknavigation in öffentlichen Verkehrsmitteln und denke über die Kontingenzerfahrungen der Spätmoderne nach sowie darüber, wie schockierend dieses Windkanalgesicht von dieser einen Mutter von den Real Housewives of Miami aussieht – da passiert Folgendes: Es gibt eine Durchsage. Aber nicht eine dieser üblichen Chaosmeldungen der Leitstelle, sondern seitens des Fahrers. Und zwar spricht der Fahrer wie folgt: «Grüezi mitenand! Wir begrüssen Sie herzlich an Bord der Linie 11. Wir freuen uns, dass Sie mit uns fahren, und wünschen Ihnen eine gute Reise.» Ich paraphrasiere aus dem Gedächtnis. Ich war zu geschockt, um das gleich aufzuschreiben. Und nicht nur ich. Ich sah mich um. Alle Fahrgäste sassen da mit dem Gesicht von Laura Dern aus Jurassic Park (dem sogenannten Spielberg Face).

Was war geschehen? Wieso diese Durchsage, deren Freundlichkeit beinahe schon angelsächsische Qualität erreichte? Ich meine, üblicherweise ist doch die Stimmung im öffentlichen Raum unserer protestantischen Metropole bekanntlich von entschiedener Reserviertheit geprägt, einer Reserviertheit, der dann und wann gar eine gewisse Martialik anhaftet, die wiederum gelegentlich unwillkürlich komisch wirkt, wie auf obigem Bild, das ich am Flughafen in Zürich-Kloten für Sie aufgenommen habe.

Die wahrscheinlichste Antwort war: Der Tramchauffeur hatte momentan die Fassung verloren. Also nichts wie raus. Ich rettete mich in Sprünglis erste Etage. Wo Zürich noch Zürich ist. Das ist ungefähr einen Monat her. Seitdem habe ich nie wieder so eine Durchsage gehört. Ich hoffe, der arme Mann ist nicht gefeuert worden. Wahrscheinlich war er aus Ostdeutschland.