Unauflösbare Widersprüche

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Heute vorweg dies, meine Damen und Herren: Unsere schöne Schweiz wird schon wieder von der rechtsextremen deutschen NPD als «Vorbild» bezeichnet, diesmal auf den NPD-Plakaten zum Europawahlkampf, wo eine «Volksabstimmung» zur Begrenzung der sogenannten Masseneinwanderung gefordert wird. Das ist peinlich. Und nun zu was ganz anderem: Auf dem Foto oben, aufgenommen am Zürcher Hauptbahnhof, sehen Sie das, was man philosophisch wie alltäglich einen unauflösbaren Widerspruch nennt: eine Anzeige, die anzeigt, dass sie nichts anzeigt. Which is obviously brilliant. Und ein bisschen beunruhigend. Beinahe so beunruhigend wie der Umstand, dass ich neulich geträumt habe, dass Kim & Kanye unsere Wohnung besichtigen und mieten wollen. Was mich auf Folgendes bringt: Immer wenn ich einen Trailer für die Kardashians sehe, haben wieder sämtliche Mitglieder dieser unausweichlichen Familie irgendwie neue Gesichter, und irgendwie sind die Mitglieder dieser ununterdrückbaren Sippe immer schwerer auseinanderzuhalten, vielleicht haben alle denselben Chirurgen.

Was mich wiederum darauf bringt, dass ich kürzlich in der «New York Times» dieses Stück über Fredric Brandt las, jenen Pionier der plastischen Chirurgie, den wir hier auch schon diskutiert haben, und der von etwelchen Sachverständigen als Repräsentant spätmoderner Alterslosigkeit dargestellt wird, nach Meinung anderer Sachverständiger aber eher aussieht wie nach einer II-b-gradigen Brandverletzung (no pun intended). Was uns, meine Damen und Herren, auf einen weiteren Widerspruch aufmerksam macht, der im obenerwähnten Artikel wie folgt umrissen wird: «Beim gegenwärtigen Stand der plastischen Chirurgie steht der Betrachter vor einem Rätsel: Wird hier Jugend idealisiert? Oder Schönheit? Oder einfach Technologie?» Und es wird eine Dame zitiert mit der zutreffenden Beobachtung, dass man es nach all den Fortschritten in der Schönheitschirurgie schliesslich mit einer wachsenden Gesellschaft von manipulierten Gesichtern zu tun habe, die am Ende weder alt noch jung aussehen, sondern einfach: mehr oder weniger gleich, verharrend in jener unklaren Kohorte zwischen 40 und 70 (sogar, wie ich hinzufügen möchte, wenn die Gesichter noch nicht mal 40 sind, wie die allermeisten Kardashians).

Das also wäre eine ganz andere Art der Agonie des Realen. Und dies wiederum leitet über auf die interessante Ansicht, dass für die erschöpften Wellnesssubjekte in der nachbürgerlichen Leistungsgesellschaft die plastische Chirurgie bloss ein weiteres Tool zur Ich-Optimierung darstellt: Die äussere Attraktivität wird zum Ausdruck des Seelendesigns, der Selbsterschaffung. So wie vor einem runden halben Jahrhundert die Psychoanalyse massenattraktiv wurde als Methode der Veränderung (= Verbesserung) der vorher scheinbar unveränderlichen Psyche, so erlaubt heute für breitere Bevölkerungsschichten die plastische Chirurgie eine Modifizierung (= Perfektionierung) des vorher mutmasslich unveränderlichen körperlichen Erscheinungsbildes. Die Beziehung zwischen Patient und Psychotherapeut einerseits und Patient und Schönheitschirurg andererseits ist durch die Fantasie der Wiedergeburt ähnlich gestaltet: Der Patient überträgt seinen Wunsch nach Verwandlung auf den Chirurgen und meint damit nicht nur seinen Körper, sondern sein gesamtes Selbst. Das habe ich irgendwo im Internet aufgelesen. Ebenso Folgendes: Sind innere Ideale in einem gewissen Alter nicht erreicht worden, so scheint eine schönheitschirurgische Transformation die Möglichkeit darzustellen, sich gewissermassen über einen Umweg resp. auf einem anderen Schauplatz doch noch ein ideales Ich zu kreieren. Damit wird die Kränkung durch die Verfehlung des internalisierten Ich-Ideals abgewehrt durch die Adaptation an ein extern vorgegebenes Körperideal. Supi, oder?

Plastische Chirurgie wäre demzufolge also: Psychotherapie mit dem Skalpell. Damit wäre ein weiterer Widersprich aufgezeigt. Nämlich der zur alten Ansicht Sigmund Freuds: Anatomie ist Schicksal. Und über Leute, die da nicht mitmachen, wird man wohl bald sagen: They live openly old. So weit meine alltagskulturellen Observationen für heute, Mittwoch. Have a lovely day, folks. Bye.