Die Kunst der Beleidigung

wanda663

Unser Alltag ist voller Konflikte, meine Damen und Herren. Zu oft passiert es, dass man selbst in unserer scheinbar zivilisierten, hochbeschleunigten Welt mit seinen Mitgeschöpfen plötzlich in ein Urverhältnis gesetzt wird: in den Kampf ums Dasein in seiner nacktesten Form, zum Beispiel in der Schlange vor dem Schalter der Zürcher Bahnhofsapotheke oder beim Wettbewerb um ein Taxi oder beim Ringen um das letzte T-Shirts von The Hundreds. Dann kommt es zu einer Auseinandersetzung. Und zu oft passiert es, dass man die perfekte Put-Down-Linie, also den triumphierenden Abschlusstreffer für so ein Streitgespräch erst später findet. Ja, im Nachhinein fallen einem gerne die besseren Argumente, die geschliffeneren Pointen und treffenderen Charakterisierungen ein. Was super praktisch ist, sollte eines Tages die exakt gleiche Situation noch einmal auftreten. Oder eine Zeitmaschine erfunden werden.

«Wenn man merkt, dass der Gegner überlegen ist und man Unrecht behalten wird, so werde man persönlich beleidigend, grob. Diese Regel ist sehr beliebt, weil jeder zur Ausführung tauglich ist, und wird daher häufig angewandt.» Dieser sanft ironische Ausspruch stammt von Arthur Schopenhauer – und ist ein wertvoller Hinweis auf die Stilistik des richtigen Insults: Denn grob geht zwar in der Tat immer, ob man nun im Recht ist oder nicht, aber Grobheit ist nicht das, was eine gekonnte Beleidigung ausmacht. Wobei wir unter Beleidigung hier nicht Rufmord, Verleumdung oder üble Nachrede verstehen wollen, sondern die wohlplatzierte Zurechtweisung einer bestimmten Person in einer bestimmten Situation. Eine solcherart verstandene Invektive sollte dabei ihrem Opfer (und allenfalls anwesendem Publikum) deutlich machen, dass die betreffende Person nicht nur eine Peinlichkeit für die kultivierte Menschheit darstellt, sondern auch bloss einen Bruchteil des Geistes und Witzes desjenigen hat, der die Beleidigung ausspricht. Sie soll also Überlegenheit in jeder Hinsicht demonstrieren, aber ohne Anstrengung. Mit anderen Worten: Eine wirklich treffende Beleidigung ist gerade das Gegenteil von einem Ausfall. Sie ist ein kleines Kunstwerk, welches – jedenfalls theoretisch – sogar ihrem Opfer eine gewisse Bewunderung abringen sollte (dies ist in praxi freilich sehr selten der Fall).

Die kompetente Schmähung

Daraus folgt, dass das Rezept für die kompetente Schmähung im Grunde in einer Paradoxie besteht: Man muss sich auf die Stufe des Adressaten setzen, um verstanden zu werden, gleichzeitig aber überlegen wirken. Dieser immanente Widerspruch ist ein Grund dafür, warum die Verbalinjurie durch ausgesuchte, ironische Höflichkeit selten gelingt (namentlich im deutschen Sprachraum, dessen Ironiefähigkeit leider in den letzten 50 Jahren stark gelitten hat) – was nicht heissen soll, dass sie demjenigen, der sie ausspricht, nicht dennoch eine gewisse Befriedigung verschaffen würde; verbunden mit dem Vorteil, dass die äussere Form dem Anschein nach gewahrt bleibt. Der Engländer kennt ungefähr 22 verschiedenen Arten, die Worte «Excuse me» zu betonen – davon sind mindestens sieben mehr oder weniger beleidigend. Doch die angelsächsische Kultur ist der deutschsprachigen in den beiden Kategorien Ironie und Höflichkeit ohnehin überlegen und bringt daher auch bessere Insultationen zustande. So bemerkte der englische Schriftsteller, Komponist und Schauspieler Noël Coward (1899-1973) einst zu einer ziemlich schlicht daherkommenden Schriftstellerkollegin: «Edna, du siehst beinahe aus wie ein Mann.» Worauf Edna erwiderte: «Du auch.» Kurz und prägnant war ebenfalls die Einschätzung von Truman Capote (1924-84) in Bezug auf die Qualität der schriftstellerischen Hervorbringungen seines Rivalen Gore Vidal (1925-2012): «Das ist kein Schreiben – das ist Tippen!»

Diese Beispiele zeigen, dass eine gelungene Verbalinjurie sich sowohl auf das Aussehen wie auch auf die Aktivitäten des oder der Bezeichneten beziehen kann. Es gibt also a priori keine Tabus – aber Formvorschriften. Eine treffende Schmähung verdankt sich dem eleganten Florettstoss des Witzes – nicht der Keule primitiver Verunglimpfung. Besonders heikel wird die Beleidigung dann, wenn sie eine Eigenschaften des Kontrahenten zum Gegenstand hat, über die der Sprechende ebenfalls verfügt. Denn entweder verleiht man der Schmähung so eine selbstironische Färbung und steigt damit zur höchsten Form der Invektive auf. Oder aber man wird zu Stefan Raab: Wer selbst durch und durch peinlich ist, kann eigentlich überhaupt niemanden beleidigen.

Die gute Form der Invektive

Es gibt die Beleidigung durch Umschreibung (zum Beispiel «Frankfurter Steinewerfer» für den ehemaligen deutschen Aussenminister Joseph Fischer) und die indirekte Beleidigung, quasi im Vorübergehen. Indirekte Beleidigungen sind vorzuziehen, weil sie grundsätzlich weniger plump sind. «Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein A****loch!», rief besagter Herr Fischer bekanntlich vor über einem Vierteljahrhundert dem Vizepräsidenten des deutschen Bundestags zu – und das ist nun das Gegenteil von indirekt, mit Verlaub oder nicht. Hier haben wir einen Paradefall von einer versuchten Beleidigung, die durch ihre Ausfälligkeit vor allem denjenigen desavouiert, der sie vom Stapel lässt. Das A-Wort ist und bleibt ein Wort, was man auf keinen Fall zu anderen Menschen sagen sollte, selbst wenn sie einen mit einer Nadel pieken. Schon gar nicht, wenn man, wie damals Fischer, 36 Jahre alt ist. Fischer ist – wie Raab – zu alt für viele seine Schmähungen. Das ist peinlich. So wie der Mittelfinger von Herrn Steinbrück. Das ist keine Geste für einen biederen Greis (= indirekte Invektive). Übrigens müssen Insultationen nicht nur alters-, sondern auch kulturgemäss sein: der Titel «Asshole» zum Beispiel ist im angelsächsischen Sprachraum weniger schlimm als sein Äquivalent im deutschen. Und wir schliessen mit der goldenen Regel der Eristik: Wer austeilt, sollte selbst nicht zu empfindlich sein. Have a lovely weekend. Bye.

Bild oben: «To call you stupid would be an insult to stupid people!» Szene aus dem Film «Ein Fisch namens Wanda». Foto: PD