Soll man Frauen ohrfeigen dürfen?

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Ich las den Artikel nur, weil ich Lust hatte, mich aufzuregen: «Plädoyer für die Ohrfeige» war der Titel. Der Weltwoche-Journalist Alex Baur vertritt darin die Meinung, dass die Ohrfeige zu Unrecht in Verruf geraten sei. Kunstgerecht ausgeführt könne so eine Watsche manchmal Wunder bewirken, so Baur. Um seine unzeitgemässe Ansicht argumentativ zu unterfüttern, zitierte er den Fall eines Ehestreits, der neulich im Kanton Aargau die Polizei auf den Plan gerufen hatte: Die Nachbarn hatten nach heftigem Geschrei und Geklirre die Ordnungshüter alarmiert, doch bei ihrem Eintreffen war bereits alles ruhig. Der Mann habe die Frau geohrfeigt, «um sie wieder zur Vernunft zu bringen», wie Baur schreibt. Damit habe er ein Problem akkurat erledigt, das die Frau selber auf «Hormonstörungen im Zuge der Wechseljahre» zurückgeführt habe.

Ein solcher Artikel ist natürlich als verbale Ohrfeige an die Adresse all jener gedacht, die mit zimperlicher Hysterie auf alles reagieren, was auch nur entfernt nach Gewalt aussieht. Natürlich will Baur provozieren, und in meinem Fall ist ihm das auch gelungen. Ich regte mich auf, weil er mit einem Beispiel häuslicher Gewalt argumentiert. Seines mag harmlos sein, aber es ist auch die grosse Ausnahme. Wer weiss, was Frauen so erleben, bevor sie in Frauenhäuser flüchten, kann über so etwas nur den Kopf schütteln. Umgekehrt sind auch schlagende Männer oft verzweifelt. In Männerbüros versuchen sie dann Strategien zu lernen, Konflikte anders anzugehen – ich glaube nicht, dass all diese Leute Baurs Text besonders inspirierend finden. Natürlich ist eine Ohrfeige, «sofern kunstgerecht ausgeführt», wie Baur schreibt, kein Weltuntergang. Aber die wohlplatzierte Watsche mit dem Effekt eines chirurgischen Eingriffs, der ein einmaliges Problem zu lösen versucht, ist wohl auch etwa so weit verbreitet wie Albino-Eichhörnchen.

Das heisst nicht, dass es sie nicht gibt. Ich habe selber einmal eine eingefangen, wie mir einfiel, nachdem ich mich wieder abgeregt hatte und nochmals darüber nachdachte. Ich arbeitete damals zusammen mit einem ziemlich impulsiven Mann in einem öffentlichen Projekt. Wir hätten zusammen etwas transportieren sollen und bekamen Streit. Ich muss zugeben, dass ich mich wirklich schlecht benahm und rumpöbelte, worauf er sich irgendwann vor mich hinstellte und mir eine wischte. Die Ohrfeige hatte den von ihm gewünschten Effekt: Ich gab sofort Ruhe und versuchte ihn in die Eier zu treten. Leider erfolglos. Ich war auch wahnsinnig empört. Schliesslich bekam aber auch ich Genugtuung, denn die Sache sprach sich herum und kam schliesslich den Geldgebern zu Ohren, die es noch viel furchtbarer fanden als ich. Schliesslich musste der Mann so lange vor ihnen zu Kreuze kriechen, bis ich mich selber bei ihnen meldete und sagte, so schlimm sei das auch nicht gewesen. Am Ende versöhnten wir uns und beide hatten etwas gelernt.

Ausgeteilt habe ich noch nie, auch wenn ich daran glaube, dass bei Frust, Schock oder Empörung eine weibliche Ohrfeige manchmal besser ist als endloses Geschrei. Wegen der Symbolkraft. Aber genau wegen der Symbolkraft finde ich es auch falsch, wenn Journalisten für das Recht plädieren, Ohrfeigen zu verteilen. Gewalt ist nie der richtige Weg – auch wenn es Ausnahmen gibt, die die Regel bestätigen.

Bild oben: Eine Watsche als Problemlöser? Lino Ventura und Isabelle Adjani im Spielfilm «Die Ohrfeige». (Foto: PD)