Hanteln im Geburtsbett

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Ach Frauen, seid doch nicht so gemein zueinander. Dieses gegenseitige Angiften immer, sobald mal eine etwas so macht, wie ihr es nicht machen würdet, dient niemandem. Zwar war in der hiesigen Sonntagspresse ausnahmsweise kein Artikel über Messerstecher-Mütter zu lesen, die das Lebensmodell von anderen schlechtmachen. Dafür widmete das amerikanische Frauenportal Jezebel einen hämischen Artikel einer gewissen Maria Kang, auch bekannt als Fit Mom.

Fit Mom ist eine kontroverse Figur. Warum genau, ist unklar, wenn man davon absieht, dass sie hübsch ist, in kurzer Zeit drei Kinder geboren hat und nicht müde wird, im knappen Dress mit ihrer körperlichen Topform zu prahlen. Dabei sieht sie aus, als hätte sie schon unter der Geburt mit Bauch-Crunches angefangen und dazu Gewichte gestemmt und während des Stillens damit weitergemacht. Das ist zwar unter Models und Schauspielerinnen der Normalfall. Nur Fit Mom ist kein Star, oder war es zumindest nicht, bevor sie eine Website ins Leben gerufen hat. «Whats your excuse?», fragt sie dort keck und sagt, sie beabsichtige bloss andere Mütter mit ihrem Beispiel zu ermuntern. Seit sie das tut, wird sie durch die Medien geschleift, mal bewundernd, mal kritisch, und daraus hat sie ein Geschäft gemacht. Sie wäre ja blöd, hätte sie nicht.

Einigen Frauen, gerade feministisch aufgeschreckten, geriet Fit Mom aber in den falschen Hals. Sie suggeriere mit ihrem Auftritt, auch nach drei Kindern müsse man perfekt aussehen, mäkeln sie. Sie diskriminiere Dicke und Fettleibige und alle, die nicht so aussehen wie sie. Fit Mom verteidigte sich, erinnerte sich in Interviews an die Zeit, als sie mit ihrem Körper nicht im Reinen war, gar bulimisch gewesen sei, bevor ihr persönliches Fitnessregime sie errettete. Das aber wollten die Kritikerinnen schon gar nicht hören und bemängelten, diese Fit Mom habe ja nicht einmal eine Therapie gemacht und sei wahrscheinlich so krank im Kopf wie zuvor, nur zeige sich das jetzt anders.

Ach Frauen, warum seid ihr so gemein? Nehmen wir zum Vergleich die Testosteron-Boys, über welche die Sonntagspresse berichtete: junge Männer, die im Dienste eines perfekten Körpers fanatisch Eisen pumpen. Dort sorgte man sich bloss ein wenig, sie könnten zu viele oder illegal erworbene Steroide konsumieren. Aber niemand bürdete diesen Jungs die Verantwortung für den gesellschaftlichen Stress auf, den ihr Beispiel auslösen könnte.

Ich finde auch, Frauen dürften sich mal locker machen mit ihren Ansprüchen an Perfektion. Gerade Mütter sollen sich nach der Revolution einer Geburt einfach mal dem Wunder widmen, das sich an ihrem Körper und oft auch ihrer Persönlichkeit vollzogen hat, und sich Zeit lassen. Andererseits haben es Revolutionen so an sich, dass es danach erst anfängt, die ganzen neuen Verhältnisse Schritt für Schritt in den Alltag implementiert werden müssen. Bei diesem Prozess spielt der Körper seine Rolle, und jede Frau muss ihre eigene Antwort finden auf das Rätsel, wer sie jetzt ist und wie sie das jetzt macht.

Figuren wie Fit Mom mögen manche Frauen unter Druck setzen. Aber eigentlich ist es ja eher umgekehrt, nämlich dass Frauen sich allgemein schnell unter Druck gesetzt fühlen und dann eifrig nach Orientierung suchen, nach Konzepten oder Figuren, die ihnen als Ventil dienen, positiv oder negativ. Zweifellos haben nicht alle Zeit und Lust, sich nach einer Geburt dumm und dämlich zu trainieren, aber es sind ja auch die wenigsten so blöd, das zu ihrer unverhandelbaren Priorität zu machen. Kurz: Ich finde, die weiblichen Nörgler an Fit Mom bürden der Frau die Verantwortung für einen gesellschaftlichen Druck auf, unter dem sie selber agiert.

Schliesslich ist sie nicht schuld an dem ganzen Fitness- und Gesundheitswahn, und wenn wir denn schon kritisieren, finde ich den allgemein akzeptierten Gesundheitswahn genauso übel. Diesen «Ach, ich bin ja gar nicht dünn, nur gesund»-, diesen «Ich trinke keinen Kaffee mehr, nur noch stilles Wasser und fühle mich wahnsinnig gut»-Wahn. Diesen «Ich ernähre mich neuerdings vegan und ich finde, Fleischesser sind auch nicht besser als nordkoreanische Arbeitslager-Wächter»-Wahn. Kriegt euch mal ein, macht, was euch guttut und haltet die Schnauze, solange ihr nicht gefragt werdet deswegen.

Da lob ich mir die neuen Testosteron-Boys, wenn sie sagen: Ich pumpe Eisen, weil ich die Chicks beeindrucken will. Das ist zwar auch nicht viel gescheiter, aber wenigstens ist es ehrlich.

Bild oben: Die Schwierigkeiten des Mutterseins mit Leichtigkeit gestemmt: Maria Kang aka Fit Mom. (mariakang.com)