Kein Oscar für Liza

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Wissen Sie, meine Damen und Herren, was für mich der beste Ausdruck des Charakters ist? Humor. Und als Zeichen von Charakterstärke gilt mir namentlich: Selbstironie. Und dies bringt uns zu den Oscars. Die sind ja nun über die Bühne, und eine der vornehmsten Aufgaben Hollywoods besteht bekanntlich seit jeher darin, uns mit wichtigen kulturellen Leitbildern zu versorgen, oder, in den prägnanten Worten von Stephen Fry: Hollywood is the thermometer that is thrust up the anus of the world’s sensibilities.

Es ist interessant, zu verfolgen, wie sich das ändert; also quasi die Temperaturschwankungen im Zeitgeist nachzuvollziehen, im Film und auch im Fernsehen: Homos, zum Beispiel, werden heute in amerikanischen Film- und Fernsehproduktionen ganz anders, nämlich viel differenzierter und unendlich viel positiver dargestellt als vor 20 oder gar 30 Jahren, während andererseits andere Fragen, etwa die Abtreibungsdiskussion, in den USA inzwischen dermassen fundamentalistisch aufgeladen sind, dass ihre Behandlung beispielsweise in Fernsehserien deutlich stärker tabuisiert ist als früher.

Zurück zu den Oscars. Heuer wieder mal von der bekannten Komikerin Ellen DeGeneres moderiert, und einer der Momente ihrer Moderation, den ich irre komisch fand, war gleich zu Beginn die Begrüssung von Liza Minnelli im Publikum: «Hello to the most amazing Liza Minnelli impersonator I’ve ever seen. Good job, sir!» Ich lag laut lachend vor dem Fernseher, beinahe wäre mir der Becher Ben & Jerry’s vom Bauch gefallen; und entsprechend überrascht war ich also anderntags in der «Washington Post» zu lesen, laut übereinstimmender Meinung der Internetgemeinde sei ebendieser Scherz von DeGeneres «fies» und «transphob» gewesen. Zitiert für diesen vermeintlichen «internet consensus» wurden dann allerdings nur die Tweets von drei Leuten, so peinlichen Wichtigtuern wie diesem Schmalspurfilmedreher, der sich Bruce LaBruce nennt und Ellens Kommentar ganz «gemein» fand. Sowie von irgendeinem Wesen, das ein Wort benutzte, was ich vorher gar noch nie gehört hatte (und ich darf sagen: das will was heissen), nämlich: «transmisogynist». Also, eingedeutscht: «transmisogyn». Dieser Liza-Minnelli-Scherz sei «transmisogyn» und eine Schande gerade für Ellen DeGeneres als «Lesben-Ikone”.

Wissen Sie was? Ich pfeife auf irgendeinen vermeintlichen «internet consensus»! Eff off, internet consensus! Und ich darf annehmen, dass Liza Minnelli auf derartige Fürsprecher verzichten kann, denen es ja auch überhaupt nicht um Liza ging, die gewiss einen Spass verträgt, wenn sie ihn überhaupt mitkriegt, das war womöglich nicht ihr bester Abend, dazu dann noch Bragate (= der fehlende BH), und dann schaffte sie es auch nicht auf dieses legendäre Selfie, herrje! Was aber unsere Twitter-Tugendhüter angeht, so sollten die sich vielleicht besser über andere Sachen echauffieren als über einen harmlosen (wenngleich ziemlich guten) Scherz, der sich schliesslich auch als Zeichen von post-diskriminatorischer Gelassenheit in der Multiminoritätengesellschaft verstehen lässt. Vielleicht sollte man sein Augenmerk lieber darauf richten, dass es immer noch genügend Flecken auf unserem armen gestauchten Planeten gibt, wo in der Tat sexuelle Minderheiten kriminalisiert, verfolgt und totgeschlagen werden. Oder, weniger drastisch: dass nicht nur Entwicklungsländer wie Russland, sondern auch hochzivilisierte Staaten beispielsweise Homosexuelle noch gesetzlich diskriminieren. Etwa die Schweiz oder Singapur. In Singapur ist Homosexualität, jedenfalls de jure, illegal, was wahrscheinlich jenen Warnhinweis auf der DVD-Verpackung der bekannten Serie «Mad Men» inspirierte, den ich oben für Sie fotografiert habe, kürzlich beim Einkaufen in Singapur. Wozu Ellen DeGeneres mutmasslich anmerken würde: Welches halbwegs interessante Leben enthält denn bitte nicht «some homosexual content and drug use»? Damit aber will ich nicht schliessen. Sondern nochmals mit Stephen Fry: Homophobia impacts on all of us. It diminishes our humanity. Genau. Genau wie Humorlosigkeit.