War ich das?

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Neuerdings dreht sich ja alles um vernetzte Mobilitätskonzepte und multi-modale Wege im Rahmen integrierter urbaner Räume und so weiter, meine Damen und Herren, und das Auto verliert zwischen Pedelecs, Carsharing und Klimabewusstsein angeblich seine Bedeutung als Statussymbol, jedenfalls für jüngere urbane Menschen, während die Nutzung der neuesten digitalen Gadgets, inklusive Mobility Apps, als Statusindikator offenbar an Bedeutung gewinnt. Das mag alles sein oder nicht sein; fest jedoch steht, dass das Auto nie seinen Rang als Erinnerungsmotor und Zeitmarkensymbol verlieren dürfte; als Meilensteinsetzer individueller Biographie. Sie wissen, was ich meine: Man merkt, wie alt man ist – und auch, wie Autos altern –, wenn man die Autos seiner Jugend besichtigt; und dabei merkt man auch, wie sehr man bestimmte Epochen seines Lebens anhand der automobilen Kulisse identifiziert, wie sehr die eine oder andere Karosse ganz bestimmte Erinnerungen wachruft, Stationen markiert, Zeitpunkte gesetzt hat, und wie sehr der mobile Mensch, auch im 21. Jahrhundert, mit seinem Auto eine quasi-archetypische Beziehung mit ganz eigener Chronologie eingeht. Und es wird Zeit, deren wichtigste Punkte und Initiationsmomente einmal in eben ihrer Zeitlosigkeit zu würdigen. Here we go:

Moment 1: Das erste eigene Auto

Mein erstes eigenes Auto war ein Citroën Visa. Sie können sich, wenn überhaupt, an dieses Modell wohl nur erinnern, wenn Sie mindestens Mitte Dreissig sind. Der Visa war ein Kompaktwagen in Leichtbauweise und mit viel zu weichen Sitzen, wie alle französischen Autos, jedenfalls damals. Trotzdem war diese Karre mein Vehikel in die Freiheit; ich mischte Tapes für sein Tape Deck («mischen» ist wohl etwas euphemistisch dafür, dass ich sie von der Schallplatte aufnahm) und hielt beim Fahren mit der linken Hand das Lenkrad mit ausgestrecktem Arm am höchsten Punkt fest, weil ich glaubte, dass das cool aussah. Aah, das wunderbare, unnachahmliche, unwiederbringliche erste Autogefühl! Auch wenn man sich danach (hoffentlich) in der Qualität der Karosserien steigert, kriegt man das nie wieder!

Was wir daraus fürs Leben lernen:

Manchmal schaut man zurück und denkt sich: Wie konnte ich nur? Und trotzdem stimmte es damals.

Moment 2: Die erste Panne

Das wird sie vielleicht jetzt überraschen, lieber Leser, doch ich gehörte nie zu den Typen, die eine Motorhaube öffnen, einen Blick auf das dampfende Gewirr werfen und sagen: «Kolbenfresser!» (Gibt es das heute überhaupt noch?) Nein, falls bei meinem Auto irgendwas kaputt geht, brauche ich eine Bedienungsanleitung. Sowie am besten noch Stephen Hawking, um sie mir zu erklären. Insofern war die erste Panne für mich ein ganz besonderes Initiationsritual, zumal es sich dabei um einen platten Reifen mitten auf der Hamburger Reeperbahn handelte. (Don’t ask.) Ich war mit besagtem Visa (siehe oben) in die Reste irgendeiner Schaumweinflasche gefahren. Wie es der Zufall wollte, befand ich mich in Gesellschaft einer molligen Tribade namens Tina (don’t ask); und irgendwie, meine Damen und Herren, vermochte ich es, den Reifen zu wechseln. Auf der Reeperbahn. Mit einem Citroën-Wagenheber. Das war einer von diesen Vorgängen, vor denen man später fassungslos steht, bei denen man nachher nicht mehr weiss, wie man das geschafft hat, wie das überhaupt möglich war, wie wenn eine Oma einen Truck hochstemmt, weil ihr Enkelkind darunter gerollt ist. Es ist mir auch danach nie wieder gelungen. Als ich Jahre später wieder einen platten Reifen hatte, fuhr ich damit lieber noch 40 Kilometer bis nach Hause, quietschend und rauchend (der Reifen, nicht ich).

Was wir daraus fürs Leben lernen:

1.) Nicht jede Lesbe kann reifenwechseln.

2.) Man kann immer auch beim Automobilclub anrufen

3.) Zur Not: Geben Sie den Wagen auf und kaufen Sie einen neuen.

Moment 3: Die erste Busse

In unserer schönen Schweiz dürfte die Politessendichte bekanntermassen ungefähr so hoch sein wie in Nordkorea. Nur die Bussen sind höher. Ich weiss noch, wie ich meine erste Busse bekam, im lieblichen Städtchen St. Gallen, wo ich seinerzeit studierte. Es handelte sich um eine Parkbusse wegen abgelaufener Parkzeit, eine, wenn Sie mich fragen, besonders herzlose Form der Sanktion. Man steht ja noch nicht mal im Parkverbot. Apropos: Die beste Busse meines Lebens war die Folgende: Richie, der beste Ehemann von allen, und ich verliessen irgendwann spätabends die Autobahn, um bei Cindy’s einen Cheeseburger zu essen. Weil alle Plätze vor dem Lokal belegt waren, stellten wir den Wagen etwas entfernter ab, nicht wissend, dass wir ein Parkfeld benutzten, das für Automobile mit Anhänger reserviert war. Es blieb auch auf jenem Parkfeld noch Platz für ungefähr 7 Automobile mit ganz langen Anhängern, von denen im übrigen nicht ein einziges in Sicht war. Mit anderen Worten: Es war alles leer. Es war ja auch spätabends. Auf einem Autobahnparkplatz. Trotzdem hielt dann irgendwann später extra ein Polizeiwagen, um uns eine Busse auszustellen. – Doch inzwischen, liebe Leser, habe ich meinen Anteil an Diskussionen mit Ordnungsorganen gehabt; und soundsoviel Debatten später weiss man: Es geht hier, wie überall im Leben, vor allem darum, die Ruhe zu bewahren. Mehr Gelassenheit, wie mein Idol Frank Costanza sagen würde. Serenity now.

Was wir daraus fürs Leben lernen:

Es ist wichtig, das Leben als Spiel zu begreifen. Das lernt man, zum Beispiel, im Umgang mit Politessen. Und wenn Sie wollen, können Sie diese Stimmung proaktiver Gelassenheit auf sämtliche Daseinsphären ausdehnen. Muss aber nicht sein, sonst gewinnen am Ende die Falschen.

Moment 4: Der erste Blechschaden

Etwas zu zerstören ist immer eine einschneidende Erfahrung. Besonders, wenn es sich um etwas handelt, was einem am Herzen liegt: elterliches Vertrauen, das Leben eines Meerschweinchens namens Dorky – oder das eigene Auto. Ja, ich habe all diese Phänomene zerstört; manche davon für immer (poor Dorky). Besonders schlimm ist es, wenn es sich dabei um das erste eigene Auto handelt. Ich bin schon wieder bei dem Visa. Und wenn man wirklich niemand anderen dafür verantwortlich machen kann. Weil es an der Garageneinfahrt passiert, so wie mir, mit dem Visa, den ich versuchte, in die elterliche Garage zu lenken, wobei ich zunächst beinahe Dorky überfahren hätte und dann touchierte ich, etwas ungeübt, wie ich war, ganz leicht die Garagenwand, und das ist ein Euphemismus für: Ich rammte diesen französischen Kompaktwagen ins Mauerwerk wie Mutter Brody diesen Schoner namens «Neptun’s Polly» in den rachsüchtigen Weissen Hai rammt, am Ende von «Jaws IV». Es folgte ein hässliches Geräusch (wie am Ende von «Jaws IV») – und die Feststellung, dass bei diesem Auto nicht nur die Sitze, sondern irgendwie auch die Blechteile weich waren.

Was wir daraus fürs Leben lernen:

Leider so gut wie gar nichts. Höchstens: Es kann überall passieren. Aber das haben wir auch irgendwie vorher schon gewusst.

Moment 5: Das erste Mal verfahren

Mit oder ohne Satellitennavigation – irgendwann passiert’s. Man ist irgendwo – meist nirgendwo, beziehungsweise buchstäblich: in the middle of nowhere, und hat keine Ahnung, wo. Oder in welche Richtung. Und kann auch niemanden fragen, ausser den texanischen Truckern in diesem Highway Truck Stop, der ein bisschen aussieht wie «Chuck’s Cafe» aus «Duel» (die Trucker entpuppen sich dann aber als supi nett und hilfsbereit). Und man erlebt zum ersten Mal diesen Moment. Diesen Augenblick der existenziellen Geworfenheit, wenn die nörgelnde Frauenstimme aus dem Navigationscomputer ohne Unterlass quakt: Bitte wenden, bitte wenden, bitte wenden … Man fühlt sich allein, verloren, verlassen, aber man weiss zugleich: Schon bald wird man die Story erzählen und sich darüber amüsieren. Wenn man hier je wieder rauskommt.

Was wir daraus fürs Leben lernen:

1.) Konfliktlösungsverhalten (zum Beispiel, wenn man als Beifahrer nicht so gut in Wegbeschreibungen ist – oder als Fahrer nicht so gut in der Verarbeitung derselben; weshalb Richie, der beste Ehemann von allen und damit zusammenhängend Engländer, neulich vom Beifahrersitz aus die Frage an mich richtete: Has anyone ever successfully explained something to you?)

2.) Improvisationstechniken

 

– So. Das waren die Stationen der automobilen Lebensreise, und zwar, was Sie hoffentlich nicht störte, anhand meiner eigenen kleinen Autogeschichte; ich möchte wetten, Ihnen sind Ihre eigenen Haltestellen dabei eingefallen, nicht wahr? Natürlich ist die Sache nicht abschliessend oder abgeschlossen, natürlich sind da weitere Stationen: die erste Autobahnfahrt, das erste Rummachen im Auto, und, natürlich: die Fahrprüfung… Ereignisse, die sich an der Chronologie des eigenen Lebens aufreihen wie eine glänzende Perlenschnur, zeitlos durch ihren Erlebnischarakter (und mögliche Traumatisierungen), schön und schrecklich, allgemein gültig und doch jedem ganz eigen. Und was bedeutet das, um auf unsere einleitenden Gedanken zurückzukommen, für die Automobilindustrie? Nun, vielleicht das: die Zukunft der Automobilindustrie kann nicht bloss darinnen liegen, dass sie sich zum Anbieter wandelt für vernetzte Mobilität, intelligente Connectivity-Schnittstellen, Mobility Apps und integrierte Buchungs- und Abrechnungsdienstleistungen. Sondern vor allem auch darin, dass sie Automobile anbietet und entwirft, an die man sich irgendwie noch erinnern kann, mit denen man sich irgendwie anfreunden kann, mit denen man durchs Leben gehen will. Pardon: fahren. Und was bedeutet das für uns? Nun, vielleicht das: Wenn es auch gewiss, wie Herr Knigge einmal sagte, «alte Narren gibt sowie hie und da weise Jünglinge», so gibt es doch gleichfalls, wieder nach Knigges Worten, viele Dinge in der Welt, die sich durchaus nicht anders als durch Erfahrung lernen lassen. Also durchs Machen. Fahren. Leben. Oder, in den Worten dieser einen Freundin von Holly Madison, die Pepper oder Candy oder Angel heisst: I’m a good driver; I just need to avoid the bad ones.

Bild oben: Altes Werbeplakat für den Citroën Visa.