Erkältet zur Arbeit – muss das sein?

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Wie sagt man seinem Mitarbeiter, dass man es total asozial findet, dass er durch und durch erkältet ins Büro kommt? Workload schön und gut – aber es geht doch nicht, dass man mit einem Gesicht aufkreuzt, das aussieht, als hätte man das Wochenende durchgeheult, und dann niest und schnäuzt wie ein Weltmeister! P. S.

Liebe Frau S., strecken Sie ihm ein Taschentuch hin. Drücken Sie ihm ein Bonbon in die Hand. Oder ein Heissgetränk. Schauen Sie besorgt. Nehmen Sie Anteil an seiner «schweren» Krankheit. Lauschen Sie geduldig den detailreichen Schilderungen seines Zustandes und der grauenvollen Nacht, die er hinter sich hat. Und dann lassen Sie ihn lächelnd wissen, dass es rücksichtslos und unanständig ist, sich der Umgebung in einer derartigen Verfassung zuzumuten.

Lächeln Sie weiter. Erklären Sie, schnäuzende, hustende, röchelnde Menschen gehörten ins Bett – aus einem gesundheitlichen und einem präventiven Gedanken heraus (bezüglich Letzterem muss man festhalten, dass man oftmals schon vorher ansteckend ist, aber da kann man ja nichts dafür, weil man es dann meist noch nicht merkt; zudem fällt dieser leidende Gesichtsausdruck weg). Führen Sie weiter aus, dass die durch das Siechtum geräuschvoll produzierten Sekrete bitte ausserhalb der Hörweite von Arbeitskollegen abgesondert werden mögen, da es sich dabei um Lärmemissionen unappetitlichen Ausmasses handle.

Lächeln Sie dann noch ein bisschen mehr, und sagen Sie, es sei, pardon!, vor allem auch noch einigermassen dumm, was er da tue. Weil er einem Irrtum unterliege. Dass hinter seiner vermeintlichen Tapferkeit der völlig absurde Gedanke stecke, ohne ihn würde der Laden zusammenbrechen. Diese Vorstellung der eigenen Unverzichtbarkeit sei amüsant, aber leider kreuzfalsch.

Und dann setzen Sie zum vernichtenden Schlag an. Sagen Sie: Es dürfe nur mit einer Erkältung ins Büro kommen, wer heldenhaft still in sich hinein krank sei und sich nichts anmerken lasse. Wer die hohe Schule des Am-Arbeitsplatz-Krankseins nicht beherrsche, müsse das zuerst daheim üben.

Und jetzt solle er sich von dannen machen.

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