Beautiful

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Eine pulsierende Grossstadt wie Zürich, meine Damen und Herren, besteht aus Unregelmässigkeit, Wechselhaftigkeiten, dem Nicht-Schritthalten, dem Zusammenstossen von Dingen und Angelegenheiten, bodenlose Punkte der Stille dazwischen, der einzigen Verstimmung und Verschiebung aller Rhythmen gegeneinander, Sie wissen, was ich meine. Und so stand ich neulich am Flughafen vor dem Spiegel im Waschraum und frug mich, ob ich mehr und mehr graue Haare kriegte. Und dann fiel mein Blick auf diesen Aufkleber, den ich selbstverständlich sofort für Sie fotografiert habe. Siehe oben.

Im Flugzeug nach Berlin las ich dann «Tatler»; Sie wissen ja, dass ich das im Flugzeug gerne lese, und, siehe da, dort wurde das Problem der ergrauenden Haare behandelt. Es ging zwar im engeren Sinne um Schamhaare, und Frauen, aber was soll’s. Man darf beim Lernen nicht kleinlich sein.

Bei Tucholsky hingegen las ich kürzlich Folgendes: «Es ist so schwer, von Berliner Humor zu sprechen, weil eine Unzahl kleinbürgerlicher Schmieranten sich auf diesem Gebiet niedlich machen. Eine mit Glacé oder Zwirn behandschuhte Rechte fasst vorsichtig die ‹kleinen Leute› am Schlafittchen und führt sie dem geschmeichelten Bürgerpublikum vor, immer mit dieser fatalen Attitüde vermeintlicher Echtheit, mit dem falschen Ton von Mitleid, dem falschen Grausen, dem falschen Humor, vor dem Gott erbarm.»

Und das mehr als ein halbes Jahrhundert vorm Privatfernsehen! Verschiebung aller Rhythmen gegeneinander, Sie wissen, was ich meine. Die Unterschiede zwischen Zürich und Berlin sind mannigfaltig, lassen sich aber wie folgt zusammenfassen: Berlin lässt sich duzen; Zürich muss man siezen. Immer, wenn ich zurück nach Berlin komme, werde ich sofort wieder zum Berliner. Wieder Zürcher zu werden, geht langsamer. Der Herr am Schalter der Berliner Verkehrsbetriebe wollte mir einen Stadtplan überreichen, mit dem Titel «Berlin entdecken», den ich ihm zurückgab mit den Worten: «Nee, danke, ick hab Balin schon entdeckt.»

«Und?», erkundigte sich darauf der Herr. «Ham Se wat jefunden?»

«Geht so.»

«Doll is dit ja ooch nich, wa?»

11 Kommentare zu «Beautiful»

  • Adrian Humboldt sagt:

    Typisch für Zürich, dass sogar unsere Kolumisten für die Berliner schreiben. «Es ist so schwer, von Zürcher Kultur zu sprechen, weil wir gleich immer assimilieren, diese kurze Femtosekunde vom Erkennnen des Anderen bis zum „switch“ auf seine Kulter, das ist Zürich. Oder wie Thiel es nannte „In Zürich kann man unhöfliche Leute aus der ganzen welt treffen“

    • Grace sagt:

      Kultur basiert doch seit jeher auf Einflüssen aus anderen Kulturen. Keine Kultur wird aus der Retorte gehoben und gedeiht abgeschottet. Kulturen sind eher Zufallsprodukte aus verschiedenen Elementen. Wer versucht, eine Kultur künstlich aufzubauen, scheitert grandios, wie die Geschichte zeigt. Wenn also einer behauptet, von z.B. Zürcher (oder sonst einer) Kultur könne man nicht reden, so sieht er nicht richtig hin oder er ist ein trauriger Mensch. Dass ihm die Zürcher Kultur nicht gefällt, ist eine andere Sache. Und unhöfliche Menschen „aus der ganzen Welt“ gibts auf der ganzen Welt.

    • Gaudenz Loris sagt:

      Richtig. Das liegt daran, dass Zürich keine echte Grossstadt ist. Berlin, Paris, Rom – hat man mal da gelebt, braucht man bloss einmal ein und auszuatmen und schon ist man wieder „da“. Diese Städte haben ihren eigenen Rhythmus, Charakter, Energie, durch die Jahrhunderte hindurch verfestigt und ausgeprägt, die Körper und Geist des Rückkehrers sofort neu kalibrieren. Zürich hingegen ist eine Neureiche auf der Suche nach einer Identität, die sie immer wieder verpasst, weil sie nicht den Mut aufbringt, sich von den grossen Metropoplen abzusetzen, zu denen sie doch unbedingt dazugehören möchte.

    • Katharina I sagt:

      Mensch, jetzt macht ma hier nich son Feez!

  • Philipp Rittermann sagt:

    der unterschied ist, dass die berliner sich im gegensatz zu den züzis nicht ganz so ernst nehmen. wir züzis wollen in allem immer perfekt sein und recht haben; sogar beim humor wird da eine gewisse ernsthaftigkeit erwartet. also mir persönlich gefallen ja die bündner; egal was sie sagen, es klingt immer irgendwie nett. ah ja. tucholsky hatte im übrigen schon recht.

    • Hans Hugentobler sagt:

      @rittermann: die bezeicheichnung züzis ist definitiv nicht züridüütsch! das problem ist wohl, dass es in zürich kaum noch zürcher gibt. sondern nur noch berner, st. galler, bündner, etc.

      und dann bezeichnen sie sich als züzis…manchmal vermisse ich das zürich von vor 10 Jahren…Als die Zürcher noch in Zürich lebten…

    • Katharina I sagt:

      Erm, Herr Rittermann, bezieht sich das mit den Bündnern auch auf EWS? Dies nur, weil Sie doch kürzlich von den SVP-Partys gesprochen haben.

    • Adam Gretener sagt:

      Werter Rittermann, da haben Sie den Nagel auf den Kopf getroffen. Dieser bereits pathologische Perfektionismus in Züri, aber auch in der ganzen Schweiz, kann eine zuschnürende Wirkung entfalten, bei mir jedenfalls. Jedes Bushäuschen ist gebaut wie ein Luftschutzbunker, und wohl genau so teuer. Etwas mehr Improvisation würden uns schon gut tun.

  • Katharina I sagt:

    Ein Beamter der Berliner Verkehrsbetriebe will Ihnen freundlicherweise (!) ungefragt einen Stadtplan überreichen, weil er denkt, Sie seien ein Tourist? Ein freundlicher Mitarbeiter der Berliner Verkehrsbetriebe, der nett ist zu Touristen?? Nee, nee, die Jeschichte gloob ick Ihnen nich, Herr Tingler! Dit könnse uffm Paradeplatz erzählen, aber nich mir. Trotzdem: Tingler ist knorke! Und knorke ist viel besser als dufte!

  • Henry sagt:

    Privatfernsehen? Na da unterhält aber der 3.Stand den „4.Stand“ mit dessen bemitleidenswerten Lebensinhalten…….

  • irene feldmann sagt:

    else weil….:)

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