Die Masse machts – oder doch nicht?

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Wir haben es schon festgestellt, sogar öfter, hier, in diesem Magazin, meine Damen und Herren: «Mode» und «Geschmack» werden häufig verwechselt. Mode bleibt aber die eine Sache, ein Angebot. Geschmack hingegen, also die talentierte Auslese des oder der Einzelnen aus diesem Angebot ist die andere Sache, und in der Tat scheinen die äusseren Freiheiten für diese Auslese heute grösser denn je. Vielleicht fallen deshalb so viele Menschen der Mode zum Opfer. Doch Freiheit hin oder her: Nach wie vor ist es der Zeitgeist, der bestimmt: Was genau spricht bei Kleidern an? Gegenwärtig lautet die Antwort: Marke, Farbe, Schnitt. Die eigentliche Qualität des Textils hingegen, die Qualität des Stoffs und der Verarbeitung ist heute nur noch für eingeweihte Zirkel ein Signal, ein Zeichen von Status und Geltungskonsum. Man könnte auch sagen: Die Qualität ist verstummt. Textilien von schlechter Qualität finden sich in allen Preisklassen. Was billig aussieht, muss nicht billig sein (siehe Bild oben). Populärkulturell gesehen ist die Qualität von Textilien heutzutage im Mainstream überhaupt kein Argument für Mode mehr. Qualität ist für die soziale Dimension des Textils weitestgehend irrelevant geworden.

Woran liegt das? Ich möchte die These wagen: Das liegt daran, dass wir uns überhaupt in Richtung einer Gesellschaft bewegen, die Qualität zugunsten von Quantität vernachlässigt. Die ubiquitäre Quantifizierung scheint mir geradezu ein Hauptmerkmal des Strukturwandels unserer zeitgenössischen Öffentlichkeit zu sein. In virtuellen sozialen Netzwerken, zum Beispiel, ist die schiere Anzahl sogenannter Freunde wichtiger als die Qualität der unterstellten Bindung. Und bei vielen politisch korrekten normativen Massgaben zur individuellen Daseinsgestaltung scheint die schiere Länge des Lebens sein einziger Wert zu sein: Man soll sich korrekt ernähren/benehmen/bewegen, weil das mutmasslich das Leben verlängere, egal welche Qualität ein solcherart extendiertes Dasein dann (noch) aufweist. Auch mit Hinsicht auf das zeitgenössische Selbstbild des Individuums manifestiert sich das, was ich das quantitative Paradigma nennen möchte: etwa in der sogenannten Quantified-Self-Bewegung bzw. dem Self-Tracking, also der kontinuierlichen Erfassung möglichst vieler Daten über den eigenen Körper mit mobilen, oft nano-elektronischen Gerätschaften. Das spätmoderne Subjekt kann sich mit einer grossen Auswahl digitaler Accessoires behängen, die seine Wach- und Schlafrhythmen aufzeichnen, seinen Herzschlag, die Schrittzahl, den Kalorienverbrauch und so weiter. In der guten alten protestantischen Tradition der Selbstoptimierung bleibt bei all diesen Phänomenen die persönliche Verbesserung stets das erklärte Ziel – wenn sie auch nun anscheinend auf rein quantitativem Wege erreicht werden soll.

Dazu passt die Wegwerf-Kleidung: Einweg-Kledage von zweifelhafter Qualität und Herkunft, Fast Fashion mit immer kürzeren Lebenszyklen, Kleidungsstücke, die dem momentanen Auftritt und der unmittelbaren Aufmerksamkeit statt der langfristigen Garderobenplanung dienen, dem Ich des Augenblicks statt einem gewachsenen Selbst. Das postindustrielle Subjekt begreift ja auch den eigenen Körper immer mehr als eine Sache, die der Verfügung des Ich unterstehe, also zum Beispiel trainiert, geliftet, geformt und sonst wie modifiziert werden kann, und das Textil wird sozusagen zu einem von vielen kurzlebigen Versatzstücken in dieser ständigen Neukonstruktion. Immer schneller, immer anders, immer neu. Aber irgendwie sprachlos.

9 Kommentare zu «Die Masse machts – oder doch nicht?»

  • Felix sagt:

    Wertvolle Gedanken, danke!

  • Carolina sagt:

    Wieder mal sehr anregend, Herr T. Diese ‚ubiquitäre Quantifizierung‘ – es ist ein Steckenpferd von mir, darauf hinzuweisen – erstreckt sich auch auf sog. News, Berichterstattung und Medienmitteilungen. Es gibt eine berühmte Studien aus dem Kommunikationsbereich, dass, wenn man Menschen fragt, ob sie glauben, dass es heute mehr Kindermorde gibt als früher, fast einhellig sagen, es gäbe klar mehr. Das stimmt nicht, es gibt heute weniger. Aber mit jeder Untat werden wir xmal berieselt und unser Gehirn addiert diese auf zu einer Vielzahl, so dass wir alle glauben, alles sei schlechter als früher.

  • Henry sagt:

    Ganz wunderbar Herr Doktor. Das unbewusste Leben der vielen, vielen „Menschendarsteller“ drückt sich wohl so aus. Früher gab es einen Modezwang, mit dem man sich anmutig auseinanderzusetzen hatte mit dem apodiktischen Wertemaß „Qualität“. Mode gehörte zur Konvention. Konventionen betrachte ich als Umgangregeln der Kultur resp. Zivilisation, wie auch z.B. den mehr oder weniger graziösen Gruß. Nun aber akklamiert man reflektionslos alles „Unkonventionelle“, also das Aufgeben von diesen dringend erforderlichen „Hilfen“, egal wie unsinnig und schrecklich die Konsequenzen daraus auch immer sind.

  • Anh Toan sagt:

    Wer kann sich Qualität leisten?

    Qualität ist teuer, das Grundmaterial, die Produktionsmethoden gehören auch zu Qualität in unsrer Zeit, aber eine Mittelklassfamilie kann sich Qualität nicht leisten. Oder die Quantität wird auf 2 Anzüge (Sonntag und Woche), 2 Paar Schuhe, 5 Hemden, Unterwäsche und Socken beschränkt.

    Im Basler Daig wusste man schon immer, Mercedes ist langfristig das billigste Auto, dank Qualität geringer Wertverlust. Sie Herr Doggter haben schon ähnlich argumentiert. Qualität sei langfristig billiger. Aber nicht mal der Basler Plebs hat das geglaubt.

  • Silvia Müller sagt:

    Da das Massenkleid und das Designerkleid in den gleichen Fabriken in China oder sonst einem Billigst-Schwellenland hergestellt werden, kaufe ich lieber billig ein. Ist meist sogar noch schöner als der teure Grossmutter-Stil.

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