Rock ’n’ Roll, Sex, Viehwirtschaft

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Ich, wie wir alle, liebes Publikum, habe dieses Selbstmodell von mir als einer Whatever-makes-you-happy-Sorte von Person, das heisst als jemand, der seine Mitgeschöpfe so gelten lässt, wie sie sind, und natürlich, wie wir alle, tue ich ebendas nicht. Ich weiss, das überrascht Sie jetzt, meine Damen und Herren, wo Sie doch diese grenzenlose Duldsamkeit und Toleranz von mir gewohnt sind. Doch es ist wahr: Je mehr ich sehe und gesehen habe, desto skeptischer werde ich; desto weniger erdulde ich bei meinen Mitmenschen an Zumutungen in Bezug auf Umgangsform, Aufputz und Gequassel. Was den Aufputz angeht, muss ich mich wirklich langsam ein wenig zusammennehmen, damit ich nicht völlig so einer besonderen Art des Tourettesyndroms anheimfalle, nämlich Fashion Tourette (FT), d. h. der sofortigen, unwillkürlichen und mitunter sehr heftigen Bewertung der Erscheinung anderer Leute vermittels verbaler Äusserungen, drastischer Mimik oder eigenartiger Geräusche. Kennen Sie das? Wenn man eine Reaktion einfach nicht unterdrücken kann? So auch neulich, als ich in einer dieser Bars im neuen Berlin, zu der eine Condé-Nast-Freundin von mir den Schlüssel hatte, einen Herrn erblickte, der ungefähr so alt war, dass seine Tanzstundenbilder wahrscheinlich an irgendwelchen Höhlenwänden in Frankreich zu finden sind – und dieser Herr trug: eine schwarze Lederhose. Ich spürte, wie sich meine Skelettmuskeln anspannten, das Nebennierenmark Stresshormone in den Kreislauf ausschüttete, mein Zuckerspiegel in die Höhe rauschte, und um eine John-McEnroe-Reaktion mit möglicherweise schwerwiegenden psychosozialen Folgen für alle Beteiligten zu vermeiden, lenkte ich die Aversion in Sarkasmus um und sagte zu meiner Freundin: «Über 50 und in Leder? Das geht doch höchstens für eine Couch!»

Tatsächlich bin ich sogar mit einer noch strikteren Auffassung gross geworden, nämlich: In der Herrengarderobe dürfen nur sechs Dinge aus schwarzem Leder sein, ohne dass der Status des Besitzers leidet, und zwar: Gürtel, Schuhe, Taschen, Handschuhe, Kamerahüllen und Hundeleinen. Gilt das auch heute noch? Nun, auf jeden Fall gelten für Leder besondere Regeln, denn Leder ist ein besonderes Material mit besonderen Konnotationen: Rock ’n’ Roll, Sex, Viehwirtschaft. Leder ist ausserdem ein Material, dem man seine Qualität auf den ersten Blick ansieht. Aus all dem folgt, dass das Tragen von Leder nicht so sehr eine saisonale als vielmehr eine soziale Frage ist. Nehmen wir zum Beispiel Lederjacken. Was ist noch schlimmer als ein Blouson? Ein Lederblouson. Klassische Lederblousontypen sind Pierce Brosnan und David Hasselhoff, und wer illustriert besser als solche Herren das Diktum des 1830 verarmt und vereinsamt verstorbenen, brillanten Essayisten William Hazlitt: «Das Leben ist ein Kampf, das zu sein, was wir nicht sind, und das zu tun, was wir nicht können.» Etwas prosaischer ausgedrückt: Wenn man so viel Haarspray benutzt, dass man ohne Frisurenschäden auf der Ladefläche eines fahrenden Lastwagens zu Abend essen könnte, sollte man auf Glencheck umsteigen.

Hab ich schon was zu Stiefeln gesagt? Also: Ich bin ein Verehrer der Pet Shop Boys. Neulich traf ich sie zum Interview, und Neil Tennant, der kurz zuvor mit ungefähr Mitte fünfzig gerade seinen Autoführerschein erworben hatte, trug Bikerstiefel aus künstlich antiquiertem Leder, ungefähr so grob und gegerbt wie die Winterhaut von Donatella Versace. Nun, ich bin, wie gesagt, ein Verehrer der Pet Shop Boys, was aber nichts daran ändert, dass Bikerstiefel von Motorradfahrern getragen werden – und die Vorstellung von Neil Tennant auf einem Motorrad ist doch ungefähr so konsistent wie Betty White auf Crack. Und wieso erzähle ich Ihnen das? Weil all diese Beispiele dasselbe Thema illustrieren, nämlich: «Zwischen die Idee und die Wirklichkeit … fällt der Schatten.» So hat es T. S. Eliot ausgedrückt, aber ich möchte es wieder ein wenig prosaischer formulieren: Wer als Mann Leder ausserhalb der oben erwähnten sechs Kategorien tragen will, muss selbst sein wie Leder: natürlich, kräftig – und ein bisschen roh. Und ausserdem unter 40. Okay, 45. Auf jeden Fall ist die einzige Person über 50, die Lederhosen anziehen darf: Iggy Pop. Von bayrischer Folklore abgesehen. Obschon selbstverständlich meine Grundhaltung lautet: Whatever makes you happy.

Bild oben: US-Sänger Iggy Pop an einem Konzert in Frankreich, 13. Juli 1998. (Reuters/Gustau Nacarino)