Merkel macht es vor

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Am Wochenende verstummten für einmal auch ihre grössten Gegner. Denn der fulminante Wahlsieg von CDU/CSU war der eigentliche Sieg einer Politikerin: Angela Merkel.

Ich bin keine Expertin für deutsche Politik, aber das muss man auch nicht sein, um anzuerkennen, dass Angela Merkel ein beispielloses Phänomen ist. Eine Jahrhundertpolitikerin, wie es sie in Deutschland zuvor nicht gab – und wohl auch sonst nirgends. Wie sie das geschafft hat, das Mädchen aus dem Osten, darüber wurden schon Dutzende Bücher geschrieben. Wirklich geknackt hat man das Rätsel Merkel aber nicht. Am Ende hat jeder grosse Politiker seinen ganz charakteristischen Stil, den er perfektioniert und zum mehr oder weniger effizienten politischen Werkzeug drechselt. Männer bewegen sich dabei immer in einer bereits vorgegebenen Palette von Rollenmodellen. Frauen aber müssen in einer Führungsrolle ihr je eigenes Modell erfinden, ganz simpel deshalb, weil der weibliche Machtanspruch, der Anspruch auf eine so exponierte Position, noch immer die Ausnahme ist.

So auch Merkel. Lang ist die Liste der Eigenschaften, die man ihr zuschreibt: Kühl berechnend sei sie, mit einem untrüglichen Machtinstinkt, eine Teflonpfanne, an der nichts kleben bleibt, nüchtern, sparsam, effizient und prinzipientreu, gleichzeitig aber auch opportunistisch, pragmatisch und integrativ. Im Auftritt eher ungelenk und schüchtern, hat sie bislang jeden Machtkampf mit Bravour bestanden. Und so einigen sich die Kommentatoren schliesslich darauf, dass das kollektive Unterbewusstsein ihres Volkes sie als Übermutter akzeptiert, alleinerziehend noch dazu: Mutti Merkel – so figuriert sie nach ihrem Wahlsieg auch in der ausländischen Presse.

«Triumphator ist ein Wort, das es eigentlich nur in der männlichen Form gibt; Angela Merkel macht das Wort weiblich», schrieb gestern die «Süddeutsche Zeitung». Was irgendwie nicht ganz richtig erscheint, denn Merkel hat die Gender-Karte eben genau nicht gespielt, nie. Sie tritt als Person auf, als Kanzlerin, als Überfigur der CDU. Aber nicht als Frau, die sich über Eigenschaften definiert, die man Frauen gewöhnlich zuschreibt: Charme, Raffinesse, Sex-Appeal, Emotionalität. Das deutsche Satiremagazin «Titanic» macht sich darüber schon seit Jahren lustig und nennt sie konsequent «das Merkel», was genauso an ihr abprallt wie die gelegentlichen Karnevalfiguren, die sie als Muttersau oder Pin-up-Girl zeigen. Merkel hat das Kunststück geschafft, ihr Geschlecht zur Quantité négligeable zu machen, so nebensächlich wie Sarkozys Kleinwüchsigkeit oder George W. Bushs abstehende Ohren.

Das ist bewunderungswürdig. Fraglich bleibt, inwiefern sie für Frauen so als Vorbild dienen kann. Denn obschon so sagenhaft erfolgreich, ist Merkel eines nicht: Eine Identifikationsfigur, ein Poster-Girl für aufstrebende junge Frauen, eine feministische Ikone. Obschon sie das doch eigentlich sein müsste. Denn sie ist, wie bereits erwähnt, eine Ausnahmepolitikerin mit einem beeindruckenden Leistungsausweis: Sie ist ein diplomatisches Genie, weiss genau, wann sie taktierend abwarten muss, wann Härte zeigen, wann integrativ wirken. Sie kann sich durchsetzen, ohne dass der Partner das Gesicht verliert. Nicht zuletzt brummt Deutschlands Wirtschaft, die Arbeitslosigkeit ist tief und Merkel eine Integrationsfigur für die europäische Idee. Ihr Führungsstil, den man gern als genuin weiblich identifiziert, ist eben das genau nicht. Denn wie die meisten grossen Frauen, will sie nicht in erster Linie in irgend einer Rolle als Frau wahrgenommen, sondern für das anerkannt werden, was sie erreicht und geleistet hat. Und damit müsste sie eigentlich ein Vorbild für Frauen auf dem Weg nach oben sein.

Bild oben: Angela Merkel nach ihrem Wahlsieg, 23. September 2013. (AP/Matthias Schrader)