Ist Fernsehen stillos?

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Ich weiss noch sehr genau, wie es war, als unser letzter Fernseher kaputt ging, meine Damen und Herren. Das geschah nämlich zufällig an meinem Geburtstag, vor ein paar Jahren. Ich wandte mich an meinen Ehemann, den besten von allen, und sprach: «Richie, wir müssen sofort losgehen und einen neuen Fernseher besorgen. Oder ich bringe mich um.» – Damit möchte ich andeuten: Ich liebe Fernsehen. Ich finde, Fernsehen ist eine grossartige zivilisatorische Errungenschaft, ein famoses Instrument der Bildung und Unterhaltung, und ich möchte nicht ohne Fernseher leben. Natürlich bin ich gleichfalls der Auffassung, dass etwa die allermeisten deutschsprachigen Privatsender wegen würdeloser Volksverdummung verboten werden sollten und dass so Rummelplatzfiguren wie Stefan Raab und Oliver Pocher erbärmlich und verächtlich zugleich sind. Aber das ändert nichts an meiner grundsätzlichen Liebe zum Fernsehen. Ohne Dalia Royce aus «Suburgatory» hätte ich eine Heldin weniger.

Ich bin allerdings auch kein Geschäftsmann (nun, jedenfalls nicht im orthodoxen Sinne). Ich bin Schriftsteller und stehe an guten Tagen um etwa elf Uhr morgens auf und dann arbeite ich ein wenig und zwischendurch schlürfe ich ein bisschen Fortnum & Mason Breakfast Tea aus meinem riesengrossen Ralph Lauren Hampton’s Flag Mug und gehe durch jene etwa 25 Fernseh-Kanäle, die ich benutze von den rund 500, die mir zur Verfügung stehen. Das ist dufte. Indes scheint andernorts das Fernsehen eher schlecht beleumundet: in einem gewissen Segment eines sich so verstehenden Bildungsbürgertums, zum Beispiel («Und jetzt komm’ mir bitte nicht mit Arte!»). Oder eben unter Geschäftsleuten. Fernsehen, früher Medium der Massenunterhaltung und Volksbildung, ist, wir sagten es schon, heute zu einer Klassenfrage geworden, genau wie andere vormals klassenlose Erscheinungen, zum Beispiel Rauchen oder das Interweb.

Während also einige Technologien, namentlich das Mobiltelefon, in der ökonomischen Sphäre immer noch stark fetischisiert sind und vom Geschäftsmann nicht nur als Persönlichkeitsprothese, sondern geradezu als Extension des eigenen Ich verstanden werden, beschränkt sich andererseits die ökonomisch sanktionierte Nutzung der Technologie «Fernsehen» in diesem Milieu beinahe nur auf die Abfrage von vermeintlichen Breaking News übers Smartphone vor dem Einsteigen ins nächste Flugzeug. Das ist kulturvernichtend und uncool. (Ich ignoriere hier mal die Vertreter kreativer und semi-kreativer Sparten, die «Mad Men» als Download konsumieren, denn die betrachten sich nicht als Geschäftsleute.) Und während es im sogenannten Bildungsbürgertum gern synonym mit «Abstumpfung» und «Verrohung» genannt wird, rangiert Fernsehen unter Geschäftsleuten gleichbedeutend mit «Zeit haben» – und das gilt in dieser Sphäre nicht als Statusausweis. «Business» kommt nämlich von «busy», die proliferierende Effizienzhysterie der total mobilen Non-Stop-Gesellschaft verlangt ständiges Beschäftigtsein, oder wenigstens dessen Anschein: ständige Präsenz. Im angelsächsischen Sprachraum spricht man von «presenteeism», also «Präsentismus», für diesen sowohl beruflichen wie gesellschaftlichen Druck, stets da und erreichbar zu sein. Damit zusammenhängende Geschäftsmann-Neurosen wie «holiday guilt», die Phobie vor Abwesenheit, spiegeln dabei interessanterweise genau jenes Ideal wider, was das private Unterschichtenfernsehen seinen Zuschauern vorgaukelt, denn hier wird andauernd Präsenz mit Prominenz gleichgesetzt und Abwesenheit mit Anonymität verwechselt (und Anonymität ist für manche Leute schlimmer als Armut).

Stattdessen sollte man sich lieber darauf besinnen, dass das gute alte Fernsehen doch ein wunderbares Mittel zur Förderung von Soft Skills und Entschleunigung darstellt, ein Mittel des gepflegten Absentismus, zum Rückzug in Quality Time, die zum Beispiel bei mir und dem besten Ehemann von allen so aussieht, dass wir in sogenannten Trainingshosen vor der neuesten Folge von «Veep» liegen und dazu nährstoffarme Kalorienbomben aus Polyethylenverpackungen vertilgen (die sogenannte South Central Diet). Ach, der häusliche Segen. Das ist besser als der ganze Wellness-Schmellness-Kram! Das ist die Kunst der Abwesenheit als Lebens- und Geisteshaltung, getreu den Worten von Bertrand Russell: «I think that there is far too much work done in the world.»

Carly Chaikin als Dalia Royce (links) und Jane Levy als Tessa Altman in der US-Sitcom «Suburgatory». (Bild: Warner Bros.)