Aufstieg und Fall der Brigitte N.

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«Brigitte Nielsen sturzbetrunken und allein in einem Park nahe Hollywood», rief Bild.de. Und weiter: «In ihrer Hand: eine Flasche Wodka. Der Fusel kostet rund 5 Euro.» Die Bilder waren überall. Brigitte Nielsen sah ziemlich schlimm darauf aus. Ich liebe übrigens Brigitte Nielsen. Ich bin ein Fan. Immer noch. She can do no wrong in my eyes. Ich ignoriere alle Tiefpunkte und Peinlichkeiten wie den Wiener Opernball, den ganzen RTL-Schrott oder den sogenannten Modeschöpfer Harald Glöckler, all das Dumme, Ordinäre, die Hefe des Pöbels, das kann Gitte nichts anhaben in meinen Augen. Und jetzt ist sie wieder umgekippt. Buchstäblich. Im Park. Mit einer Fluppe im Mund und einer Flasche Fusel in der Hand. Sie kippt stellvertretend für uns alle.

Ich liebe Brigitte Nielsen seit 1987. 1987 war ein gutes Jahr. Jedenfalls für Gitte. Sie hatte, damals 24, gerade ihre Scheidung nach der 500-Tage-Ehe mit Sylvester Stallone hinter sich und war quasi auf Tournee: Sie zeigte der Welt (und Helmut Newton) im Hôtel de Paris in Monte Carlo ihre legendenumwobene Oberweite und sich selbst an der Seite ihrer vermeintlichen Fitnesstrainerin Kelly, der sie angeblich eine neue Nase spendiert hatte, auf einer Reihe von A-List-Partys an der französischen Riviera. Das war vor einem Vierteljahrhundert. Damals waren Gerüchte über lesbische Affären, Implantate und Nasenoperationen noch was Exotisches, und die Welt starrte fasziniert auf Brigitte Nielsen, denn sie war gebräunt, gewachst, blondiert, aufgepumpt, überdimensional und irgendwie ausserirdisch – die Inkarnation eines neuen Zeitalters: der Körper als Verfügungsmasse und Projektionsfläche für die Ambitionen des Ich.

Was dann folgte, war eine Art fünfundzwanzigjährige Red-Sonja-Odyssee, und die Liste blieb nicht immer A. Frau Nielsen nahm eine Platte auf (damals noch Vinyl), die neben mir vielleicht noch 15 andere Leute kauften, und ein Duett mit dem typisch österreichischen Phänomen Falco (einer im Gegensatz zu ihr eher flachen Figur). Es folgten weitere Alben und Filme, an die sich kein Mensch erinnert. Aber Brigitte war nie zimperlich und sich für wenig zu schade, wenn es ums Geldverdienen ging. Sie lebte frisch nach der Maxime «Another day, another dollar»; weder auf den Kopf noch auf den Mund gefallen, fand so die fünfsprachige Frau Nielsen zunächst ein gutes Auskommen im Fernsehen, besonders im italienischen, wo man riesige blonde Frauen schätzt. Doch die Zeit schritt voran, das Geschäft wurde härter, und die Formate wurden voyeuristischer – und Frau Nielsen, die über Selbstironie und eine Körpergrösse von 185 Zentimetern verfügt, machte mit. Überall. Sie trat an der Seite ihrer furchterregenden Ex-Schwiegermutter Jackie Stallone bei «Celebrity Big Brother» im englischen Fernsehen auf, ausserdem in der dänischen Version von «Big Brother VIP», ferner in der italienischen Ausgabe von «Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!», sodann bei «Fame Games» auf dem amerikanischen Sender VH1, einer Art Pseudo-Celebrity-Bootcamp an der Seite von 15-Minuten-Berühmtheiten, Ein-Hit-Wundern und Pornodarstellern. Realitystars, eben. Realitystar – dieses Oxymoron unserer Zeit schien auf Brigitte N. zu passen wie auf kaum jemanden sonst, jedenfalls in Europa. In den USA, wo sie ebenso zu Hause ist, fand sie einen ebenbürtigen Partner im Hip-Hop-Faktotum Flavor Flav, ihrem Vis-à-vis in den Realityshows «Surreal Life» und «Strange Love», und die Reality endete vorerst in einem obskuren Format des englischen Kanals Sky Travel mit dem Titel «Killing Brigitte Nielsen». Dies aber schien sie selbst zu erledigen, mit ungefähr 60 Zigaretten am Tag und jeder Menge Alkohol und God knows was sonst noch, weshalb sie folgerichtig vor laufenden Kameras in die «Celebrity Rehab» eincheckte.

Brigitte Nielsen ist immer zuallererst über ihren Körper definiert worden. «Every Body Tells a Story» hiess ihr erstes Album und ihr grösster Hit – und dies galt zweifellos für ihren. Und nachdem dieser Körper irgendwann nicht mehr «Playboy»-tauglich war, weil er auch schon mehr als vierzig Jahre auf dem sich womöglich abzeichnenden Buckel hatte und etwelche Verschleissspuren zeigte, war es nur konsequent, dass seiner öffentlichen Entgiftung die öffentliche Instandsetzung folgte: Facelift, Augenlift, Fettunterspritzung und -absaugung, Bruststraffung, neue Zähne: Gitte liess sich für rund 100’000 Franken generalüberholen, und RTL hielt die Kamera drauf. Der Mehrteiler «Aus alt mach neu: Brigitte Nielsen in der Beauty-Klinik» wurde 2008 ausgestrahlt, dem Jahr von Frau Nielsens 45. Geburtstag. Von RTL mit grotesker Heuchelei vermarktet als «ein Fanal gegen den verlogenen Schönheitswahn in Hollywood». Danach war Gitte reif für «Let’s Dance». Another day, another dollar.

Diesem Leitspruch folgend watete Frau Nielsen, vierfache Mutter und fünffache Ehefrau, unverdrossen weiter, knietief durch den Morast, zuletzt nicht nur metaphorisch, sondern mal wieder buchstäblich, im Fernsehdschungelcamp bei RTL, diesem peinlichen, voyeuristischen und menschenverachtenden Format, das man verbieten sollte – wie RTL überhaupt. Knietief. Und bei ihrer Grösse will das was heissen. Sie wurde Dschungelkönigin. (Für viele war sie nie was anderes gewesen.) Aber es blieb eine Distanz. Um Roseanne Barr zu paraphrasieren: «She went through the fire and emerged with only a tan.» Brigitte blieb immer – ein wenig entfernt; selbst wenn sie mitten drin war, und das war sie oft. Warum? Einerseits, weil sie aus einer anderen Zeit kommt, wo das Wort «Celebrity» noch was zu bedeuten hatte, anderseits, weil sie, im Gegensatz zur üblichen Reality-Komparserie, Beverly Hills und das Weisse Haus tatsächlich von innen kennt. Erfahrung macht immer glaubwürdig. Und manchmal vielleicht doch verdrossen. Unglücklich. In ihrer Autobiografie ist von einem Selbstmordversuch die Rede. Brigitte Nielsen ist eben kein Realitystar. Sie wird nie einer sein.

Und zugleich – darin besteht die Tragik – schienen wenige Charaktere den Rummelplatzcharakter der neuen Mediengesellschaft so zu verkörpern wie sie. Ihr Körper nämlich war stets ein Symbol, sie wurde Pin-up und Pionierin des Self-Enhancement, Kategorien wie Alter und Scham transgressierend, in ihrem Sein und Dasein stets das Prinzip zur Geltung bringend, das sie darstellt und das so alt ist wie ihre allerersten Implantate: Die physische Erscheinung als endloses Selbstschöpfungsprojekt, als Spiegel und Manifestation des vermeintlich selbst gemachten Ich. Frau Nielsen ihrerseits sah das sympathischerweise allerdings immer viel nüchterner (no pun intended): «Es ist, als würde eine Horde Handwerker ein altes Haus in Schuss bringen», sagte sie zu ihrem öffentlichen Fettabsaugen.

Das alte Haus, es wankte wieder mal. Und kippte. «Woran ist Brigitte Nielsen zerbrochen?», fragte Bild.de. Und lieferte die Antwort scheinbar schon im Obertitel: «ALKOHOL, TRASH-QUEEN, PEINLICHE TV-AUFTRITTE». Eben. Gitte kippt für uns alle. Sie ist eine Schimäre der Identifikation in einem Zeitalter der geistlosen Prominenzierung, wo jeder Trottel seinen peinlichen TV-Auftritt haben kann. Und dann: «Brigitte Nielsen lacht wieder! Erstes Foto nach Absturz im Park.» Natürlich auf Bild.de.

Another day, another dollar.

17 Kommentare zu «Aufstieg und Fall der Brigitte N.»

  • Christof sagt:

    Süffiger Artikel, danke.
    Was bitte ist „transgressierend“?

    • Heinz Kistler sagt:

      Geschrieben, als wäre sie ein Opfer unserer Gesellschaft. Dabei hat sie jeden Entscheid selber gefällt. Sie allein ist verantwortlich was sie macht. Und wenn dass das Bloss stellen in jeglicher moderner Form ist: sie hätte jederzeit Nein sagen können…

    • Roger sagt:

      „transgressieren“: Ich würde sagen „transgredieren“ von Lat „gradior“=ich schreite, „transgredior“=ich überschreite, mit den Stammformen „transgredior, transgressus sum, transgredi“.
      Wahrscheinlich hat Herr Tingler das ursprünglich lateinische Verb aus dem Englischen (to transgress) re-importiert.

    • Steve Johnson sagt:

      Einen geilen Body? Ei, ei, ei, Herr Rittermann!

    • Christof sagt:

      Danke Roger, jetzt komme ich mir noch blöder vor. 😉

    • Philipp Rittermann sagt:

      ou ja. tschuldigung herr johnson. ich weiss, für einen hirten wie mich ziemt sich meine etwas volksmundige wortwahl nicht….ich bin wohl für einen moment in meine jugendzeit abgedriftet – werde schauen, dass das nicht mehr vorkommt. übrigens – kennen sie rachel ward in „against all odds“? – mensch, das war vielleicht eine heisse stute!!! ouu nein…schon wieder…… 🙂

  • Philipp Rittermann sagt:

    nun ja. im gegensatz zu absturz-sternchen wie lohan, doherty und co. hat nielsen wenigsten klasse und inszeniert ihre abstürze medienwirksam. ich denke die frau ist gar nicht so blöd. ausserdem hat sie nach wie vor einen geilen body…oder so.

  • Markus Mühlemann sagt:

    Dank Nielsen schaffte ich es erstmals, den Dschungelcamp mit anzusehen. Früher musste ich immer gleich wegzappen. Und ohne Nielsen werde ich auch wieder wegzappen müssen. Aber mit Nielsen war es eine ganz erstaunliche Erfahrung. Die watete durch den grössten Sumpf, und dies mit einer Klasse und einer ganz tollen Haltung. Ich denke, die Welt fällt, aber Nielsen bleibt stehen.

  • Thomas Maurer sagt:

    Nur eine kann Brigitte Nielsen das Wasser reichen: Grace Jones!

    • Philipp Rittermann sagt:

      i fully agree!! 🙂

    • Philipp Tingler sagt:

      Ja, Thomas, Grace Jones ist auch nicht übel, verfügt aber über sehr viel weniger Selbstironie als Frau Nielsen. Ich habe sie mal bei einer Preisverleihung getroffen: Sie ist sehr klein. Geradezu zierlich. Doch zweifellos waren sie und Dolph Lundren neben Gitte und Sly das zweite ikonische Achtziger-Jahre-Paar, und ich habe immer bedauert, dass Grace und Gitte kein Duett aufgenommen haben.

    • Philipp Rittermann sagt:

      ….und ich war dem prinz immer neidig auf seine 2 superschüsse apollonia und vanity! so apropos 80er-jahre ikonen.

    • Chrigu Scheidegger sagt:

      Apropos ikonische 80er Jahre Paare: Thomas Anders und Nora…. haha, kleiner Scherz… 😉

    • Philipp Rittermann sagt:

      „nein tomas – du gehst jetzt keinen mehr trinken mit dem diete‘ – du kommst jetzt sofort nach hause!!“ 🙂

  • Chrigu Scheidegger sagt:

    Heeeeeeee! Heeeee! Falco war höchstens im direkten Oberweiten-Vergleich mit Brigitte Nielsen flach… ansonsten ist Hans Hölzel aka Falco ein adäquater Held der 80er Jahre. Bitteschön 🙂

    • Philipp Rittermann sagt:

      stimmt absolut herr scheidegger, aber es geht im artikel nun mal um brigitte. falco ist für mich aber auch ganz bestimmt epochemachend!

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