Machismo nervosa

Sport sollte eigentlich Freude machen: Dieser Bodybuilder hat sie offensichtlich verloren. (Foto: Keystone)

Am Sonntag enden die Olympischen Spiele. Dies nehme ich zum Anlass, meine Damen und Herren, liebe Kinder, heute eine alte Metapher zu hinterfragen, nämlich die vom Leben als Sport. Ist das Leben ein Sport? Well, fragen wir doch zuerst mal: Was ist Sport? Kommt drauf an. Lexikalisch werden unter dem Begriff «Sport» verschiedene Bewegungs-, Spiel- und Wettkampfformen zusammengefasst, die meist im Zusammenhang mit körperlichen Aktivitäten des Menschen stehen. Das Wort wurde im 19. Jahrhundert aus dem englischen «sport» entlehnt, das über das Französische auf das lateinische «disportare» (= «sich zerstreuen») zurückgeht. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts hat sich «Sport» zu einem umgangssprachlichen, weltweit gebrauchten Begriff entwickelt, einem Begriff mit alltagstheoretischer Prägung und mannigfachen Vernetzungen und Bedeutungszuweisungen, dessen präzise Abgrenzung schwierig ist. Für den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) steht beispielsweise die motorische Aktivität im Vordergrund. Denkspiele, die Dressur von Tieren, sowie Motorsport oder die sogenannten e-Sports entsprechen daher nicht dem Sport-Verständnis des DOSB. Dennoch hat der DOSB Schach als Sportart anerkannt; das Internationale Olympisches Komitee (IOK) sogar Schach und Bridge. Da wird sich meine Tante Loretta freuen.

Umgangssprachlich (oder eben alltagstheoretisch) wird hingegen mit Sport häufig vor allem Wettkampf und Leistung assoziiert. In einem derartigen Verständnis scheint zum Ausdruck zu kommen, dass wir in einer sportlichen Gesellschaft leben, oder, genauer: in einer sportisierten Gesellschaft. Leistung ist ein Ideal. Sport wird dabei in unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten ausgeübt oder konsumiert und bildet einen wesentlichen Teil der Freizeitgestaltung und Unterhaltungskultur. Es gibt mehr Sportarten als jemals zuvor (was durchaus nicht heisst, dass mehr Menschen Sport treiben als jemals zuvor) – von der Pflege historischer Disziplinen wie dem guten alten Tauziehen bis zum modernen Eskapismus sogenannter Extremsportarten. Überhaupt, und da wir von Eskapismus sprechen, ist zu konstatieren: der Sport mit seinem Kult und seinen Mythen hat vielerorts die Religion ersetzt: die kathedralisch anmutenden Stadien, die vergöttlichten Spieler, die kultischen Handlungen der Anhänger bis hin zu Massenpsychose und Ekstase, die Idolisierung der Überwindung von Widerständen (hier meist physischer Art). Gerade in dieser Idolatrie und Religionisierung wird eine Tradition der Moderne fortgeschrieben, vor allem eine ursprüngliche emanzipatorische Körpereuphorie, die sich in den zwanziger Jahren den Weg bahnte: damals brachte sich massenhaft eine «Besessenheit durch Idealkörper» zur Geltung (so die Diagnose des deutsch-amerikanischen Literaturwissenschaftlers und Stanford-Professors Hans Ulrich Gumbrecht), eine Bewegung, die sich am unmittelbarsten im Aufstieg des Sports zum populärsten Freizeitangebot der Zeit ablesen lässt. Dieser ursprüngliche, mit dem Sport verbundene Bildungsmythos, der in protestantischer Tradition auch eine Ideologie des Willens und der Askese impliziert, treibt im 21. Jahrhundert die bizarrsten Blüten: Als Muskeldysmorphie (auch: Muskelsucht oder Bigorexia nervosa oder auch Machismo nervosa) wird eine Störung des Selbst- und Körperbilds bezeichnet, die vorwiegend bei Männern anzutreffen ist und eine unzureichende Ausprägung der eigenen Muskulatur, gemessen an einer persönlichen Idealvorstellung, behauptet. Der Begriff wurde in den neunziger Jahren durch Studien des US-amerikanischen Psychiaters und Harvard-Professors Harrison Pope geprägt und populärwissenschaftlich auch im deutschsprachigen Raum als Adonis-Komplex bekannt.

Pathologien der Sportgesellschaft

Bei der Muskelsucht handelt es sich also um eine spezifische Störung der Wahrnehmung des eigenen Körperbilds, wie sie in unserer körperfixierten Gesellschaft weit verbreitet sind. Im Falle der Bigorexia könne, den Forschungen Popes zufolge, diese Störung so weit gehen, dass sich sogar ein ausgeprägt muskulöser Bodybuilder als zu schmächtig empfinde (eine sogenannte Body Dysmorphic Disorder (BDD) analog zum Magersüchtigen, der sich stets zu dick vorkommt; wobei übrigens heutzutage immer mehr Männer magersüchtig werden, ein Phänomen, das vulgärwissenschaftlich als Manorexia bezeichnet wird). Die genauen psychischen und physiologischen Ursachen der Muskelsucht, die einige Psychologen auch als übersteigerten Narzissmus beschreiben, sind noch weitgehend unerforscht. Ein breiteres Symptombild zeigt hingegen die sogenannte Sportsucht (auch als Fitnesssucht bekannt). Hier leiden die Betroffenen unter dem inneren Zwang, sich täglich oder mehrmals wöchentlich sportlich zu betätigen, wobei die erbrachte Leistung eine wichtige Rolle spielt und kontinuierlich gesteigert wird. In den USA ist der Begriff seit etwa zehn Jahren gängig. Bei einem Teil der Sportsüchtigen liegt gleichzeitig eine Essstörung (Anorexia athletica) vor; in diesen Fällen dient intensives Trainieren vor allem dazu, das Körpergewicht zu reduzieren und ein bestimmtes Figurideal zu erreichen. Die sportliche Betätigung wird dabei ein zentraler Lebensinhalt; bei erzwungenem Verzicht auf Sport treten somatische Symptome wie Nervosität und Magenschmerzen auf, oder psychische wie Schuldgefühle oder Depressionen. Körperliche Warnsignale vor Überlastung werden ignoriert, soziale Kontakte werden wegen des Sports vernachlässigt oder aufgegeben. Hier pervertiert und verabsolutiert sich ein Wellness- und Gesundheitsideal, das sich beispielsweise auch in jener Essstörung namens Orthorexia nervosa zeigt: dem Zwang, nur noch (anscheinend) gesunde Nahrung zu sich zu nehmen. Daran sind schon Leute verhungert. All diesen Störungen ist eins gemein: Der Körper im Sport wird Austragungsort eines gesteigerten Erlebens und steht damit paradigmatisch für die Glücksmöglichkeiten unter den Bedingungen der Zweiten Moderne, denn er ist Objekt der Disziplinierung, in diesem Falle durch die (Pseudo-)Rationalität irgendeiner Trainingsroutine. Die Verabsolutierung dieser Rationalität ist tendenziell weit verbreitet, aber nichtsdestotrotz verrückt.

Mit Blick auf die Ursachen solcher Pathologien wird von Sportpsychologen auch ein Zusammenhang mit den Idealen in den westlichen Leistungsgesellschaften angesprochen. Leistung hat einen hohen sozialen Stellenwert und ist positiv besetzt, hinzu kommen die vorherrschenden Schönheitsideale, die sich zunehmend auch auf Männer beziehen. Sport ist längst nicht mehr nur motorische Bewegung und körperliche Ertüchtigung, sondern wird als Ausdruck eines Lebensgefühls vermarktet. Sämtliche Lebensbereiche scheinen erfasst, allen voran die Mode mit ihrer Vorliebe für die Jugend und all ihren Konnotationen von Spektakel, Idolen und Körperkult. So wird einerseits Sport zur Mode – und andererseits die Mode selbst zum Sport: Vor dem Hintergrund einer Gesellschaft, die das Format des Wettkampfs zum Leitbild erhoben hat, wird der junge, athletische Körper (genauer: der jung und athletisch aussehende Körper) als Norm sozialisiert und die Jagd nach Street Credibility in einem wildem Eifer des kompetitiven Konsumismus ihrerseits zu einem Massensport gemacht. Was ist geschehen? Nun, philosophisch gewendet könnte man sagen: der abendländische Topos der Körper-Geist-Dualität kommt uns abhanden. Die Obsession mit Körperlichkeit schürt eine Illusion von Unsterblichkeit, physischer Unsterblichkeit, welche die immaterielle Unsterblichkeit abwertet, die bisher der Geist für sich reklamieren konnte. Die ewige Jugend scheint zum Greifen nah, und die Kehrseite ist: der Tod. Die Kehrseite ist natürlich immer der Tod, aber in diesem Falle einer körperkultbesessenen, am Selbsterschaffungswahn leidenden Gesellschaft ganz besonders. Wir sind fixiert auf die Jugend und gleichzeitig auf bizarre Art fasziniert vom Tod, und hier immer mehr, der Tendenz zur allgemeinen Prominenzierung der Populärkultur folgend, vom Tod von Berühmtheiten, die offenbar immer mehr nicht nur stellvertretend für uns alle leben, sondern auch sterben müssen.

Sport als kulturelle Praxis

Das heisst: die Metapher vom Sport als Flucht vor dem Leben ist eine verhängnisvolle Verbindung eingegangen mit der Metapher vom Leben als Sport. Beide Denkformen sind uralt. Sportgeschichte ist Kulturgeschichte. Vor knapp zweitausend Jahren in der römischen Kaiserzeit prägte der Dichter und Satiriker Juvenal den heute noch gern zitierten Ausdruck für die Flucht in den Sport: panem et circenses (wörtlich: «Brot und Wagenrennen»; im Deutschen meist gebraucht in der Übersetzung «Brot und Spiele»). Gemeint ist, dass eine verunsicherte Bevölkerung sich ihrer institutionalisierten Mitwirkungsrechte willentlich begibt und sich ängstlich und entpolitisiert nur noch diese beiden Dinge wünscht: Brot und Spiele. Die Metapher vom Leben als Sport hingegen lässt sich ihrerseits unmittelbar zurückführen auf den olympischen Gedanken des antiken Griechenland, in der Neuzeit formuliert durch den französischen Historiker, frühen Sportfunktionär und Olympia-Wiederbeleber Pierre de Coubertin: «Bei den Olympischen Spielen geht es nicht ums Gewinnen, sondern ums Dabeisein. So wie nicht der Triumph, sondern der Kampf im Leben das Wichtigste ist.»

Coubertin wollte ganz explizit, dass der im späten 19. Jahrhundert exponentielle soziale Fortschritt durch ein sportliches Rekordstreben nach dem Motto «Citius, altius, fortius» (also: «Schneller, Höher, Stärker») symbolisiert und gespiegelt würde. Und tatsächlich scheint ja das Bild vom Leben als Sport zunächst einiges für sich zu haben: wie das zivilisierte gesellschaftliche Leben, so wirkt der Sport als rational organisierte Konkurrenz. Die Wettkampfregeln sind schriftlich fixiert und publiziert; über ihre Einhaltung wacht ein unabhängiges Aufsichtsorgan, lizenziertes Fachpersonal sanktioniert Regelverletzungen und stellt die Sieger fest. Im Spiel geht es um die Erreichung des Ziels, ob als Einzelner oder als Mannschaft. Die Fähigkeiten zur Zielerreichung werden durch Training und Disziplin systematisch geschult. Es gibt Gewinner und Verlierer. Das Geheimnis der Sieger liegt in ihrer Konzentration auf das Ziel, ihrer Determination.

Durch die Prinzipien Steigerung, Technisierung und Beschleunigung sind Sport und Moderne eng verknüpft, begleitet von Körperkult, modernen Medien und der zivilisatorischen Trennung von Arbeitssphäre und Freizeit. Was aber, wenn nun der Sport als körperliche und kulturelle Praxis quasi selbst das Ziel wird, die Bewältigungsstrategie für alle Vorgänge des Lebens, von der Liebe über die Kunst bis zum Geschäft? Nicht nur, dass wir alle aussehen müssen wie Pornostars, die Sex als Sport betreiben, wir sollen auch private oder geschäftliche Niederlagen wegstecken wie Athleten: Die Verlierer gehen nach Hause, reicher an Erfahrung und stärker in ihrer Entschlossenheit, sich zu verbessern. So wie der Sieg nicht das Ende ist, so ist die Niederlage nur der Anfang. So nimmt man Verluste sportlich. Und das hält auf Dauer kein Mensch aus.

Die Bedeutung von Spiel und Distanz

Das Leben als Sport und Wettkampf ist eine legitime Auffassung, doch sie bringt nur dann mentale Bereicherung, wenn wir uns auf einen ihrer spezifischen Inhalte zurückbesinnen, nämlich den des Spiels. Für die Geschichte des Sports ist bedeutend, dass er ursprünglich als Spiel dem Ernst einer Erwerbstätigkeit oder einer kriegerischen Auseinandersetzung gegenübergestellt wurde. Das bringt uns zurück zur ursprünglichen Bedeutung von disportare: sich vergnügen. Sport als vergnügliche Bewegungskultur, deren Regelhaftigkeit und Säkularität sie interkulturell kommunikationsfähig und damit grenzüberwindend machen. So liegt die Heiligkeit des Sports paradoxerweise gerade in seiner Profanität, in seiner Echtheit und Jetztzeit. Das wiederholbare sportliche Spiel erlaubt die Austragung von sozialen Konflikten quasi stellvertretend. Sport wird damit einerseits zum Medium der Moderation und individueller und kollektiver Selbstvergewisserung, andererseits schafft er idealerweise einen geschützten Raum für die Mediation, die Konfrontation von Eigenem und Fremden. Und nebenbei macht er Spass. So wie das richtig gelebte Leben.

To be a jolly good sport – so lautet bis heute eine wichtige Maxime der englischen Aristokratie, die das Leben seit jeher als Sport und Spiel betrachtet und den institutionalisierten Sport für die Neuzeit quasi wiedererfunden hat, mit den gepflegten games and pasttimes, die England seit dem 18. Jahrhundert in eine rationale Form gebracht und dann in alle Teile des Empire exportiert hat. «To be a good sport», das bringt einen weiteren englischen Gedanken ins Spiel, der im Sport wie im Leben von zentraler Bedeutung ist: Fairness. Dass der Gedanke der Reziprozität bei vielen Menschen eine überaus wichtige Motivation darstellt, ist empirisch längst umfassend belegt, in der Ökonomie beispielsweise durch Experimente im Rahmen der sogenannten Spieltheorie. Das Konzept der Fairness impliziert dabei vier Gesichtspunkte: Achtung vor dem Spiel (schliesst auch Achtung vor den für die Regeln verantwortlichen Institutionen ein), Achtung vor anderen, Selbstachtung und schliesslich den gerechten Wettkampf. Ein Aspekt ist diesen vier Punkten gemeinsam: Selbstbeherrschung zu jeder Zeit. Nicht immer leicht zu bewerkstelligen (tell me about it), aber ein hehres Ziel allemal.

Und, da wir von Zielen sprechen: ein weiteres Kennzeichen der Geisteshaltung der englischen Aristokratie ist der Umstand, dass sie sich nicht mit der Zukunft befasst. So haarsträubend dies in politisch korrekten Ohren klingen mag (und so sehr es für den wirtschaftlichen Ruin der britischen Upper Class verantwortlich war), so gewinnbringend kann eine Zulassung dieser Perspektive sein: weg von der sportlichen Zielfixierung. Es schadet gar nichts, bisweilen ein wenig auf der Bank zu sitzen und dem Spiel zuzusehen. Das ist die Perspektive des Schriftstellers, des Philosophen: Betrachten der Wettkampfkultur, Kritik ihrer Regeln. Das Sitzen auf der Bank ist die Freiheit der Distanz. Selbstverständlich muss man auch regelmässig mitspielen, um Kritik üben zu können, doch für die Kritik selbst ist stets die Trennung von Körper und Geist Voraussetzung, und diese realisiert sich: auf der Bank, aus der Distanz. Die Dichotomie von Körper und Geist zeichnet den Menschen vor allen anderen Lebewesen aus; eine Trennung im Gleichklang, nicht als Abspaltung, wie bei Muskel- und Fitnesssüchtigen; eine Trennung als souveräner Abstand des Geistes zum Leben. Mit einem Worte: Ironie. Das bringt uns zurück zum römischen Dichter Juvenal. Aus dessen Werken stammt nicht nur die Sentenz von Brot und Spielen, sondern auch das ebenso häufig wie missverständlich zitierte «mens sana in corpore sano», richtig aus dem Zusammenhang wie folgt zu übersetzen: «Um einen gesunden Geist in einem gesundem Körper sollst du beten.» Des weiteren findet sich bei Juvenal: «Difficile est satiram non scribere.» Also: Es ist schwierig, keine Satire zu schreiben. Dem ist nichts hinzuzufügen, auch nach zweitausend Jahren nicht.

Im Bild oben: Teilnehmer an den Schweizermeisterschaften im Bodybuilding, Basel 2011.