Kein Sex?

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Die allermeisten Menschen haben viel weniger Sex als wir denken. Aber das ist nicht der einzige Mythos, der mit Sex verbunden ist. Da wäre zum Beispiel noch der Mythos, dass Sex, der länger als 15 Minuten dauert, automatisch guter Sex ist. Oder all die anderen Dinge, die sich immer viel schöner anhören als sie eigentlich sind, zum Beispiel Sex im Auto. Oder: «Los, tun wir’s auf dem Boden!» Das muss nicht sein. Es gibt Ausweichmöglichkeiten zur Erleichterung des freiwilligen oder unfreiwilligen Sex-Verzichts. Aber nicht alle sind gleich effektiv. Zum Beispiel können Sie in den Narzissmus flüchten. Sie können Ewigkeiten damit verbringen, sich im Spiegel zu betrachten, Ihren Körper zu pflegen, Bilder von sich anzuschauen. Die liebende Sorge um sich selbst als Ersatz nicht nur für Sex, sondern für jeglichen Bezug zur Aussenwelt ist in unserer auf Äusserlichkeiten fixierten Nonstopgesellschaft längstens sanktioniert. Beachten Sie vorsorglich: a) Der ursprüngliche Narziss liebte sich selbst so sehr, dass er sterben musste. Das wollen Sie ja nun auch nicht, oder? b) Wenn man anfängt, den eigenen Raucherhusten erotisch zu finden, wird die Verabredung mit sich selbst zu einem ganz billigen Date. Da muss es doch noch was Besseres geben. Ja. Deshalb folgt hier nun für Sie die Bewertung der fünf gängigsten Ersatzbefriedigungen. Ansonsten: Trösten Sie sich vielleicht damit, dass viele erfolgreiche Leute total asexuell wirken, zum Beispiel Edmund Stoiber, Corine Mauch oder Elfriede Jelinek.

  1. Essen

    Essen ist Liebe und orale Gratifikation. Essen ist leicht zu beschaffen und stellt keine Ansprüche, höchstens an die Verdauung. Es ist bekannt, dass etwa der Verzehr von Schokolade denselben chemischen Prozess im Körper auslöst wie Sex. Andere Speisen, zum Beispiel Austern, sollen aphrodisierend wirken und sehen irgendwie auch schon nach Sex aus. Das Problem bei aphrodisierenden Speisen ist allerdings, dass man nach deren Verzehr logischerweise noch mehr essen muss, sofern man Essen als Ersatz für Sex einsetzt.
    Ersatzwert: 9/10
    Risiko: Kirstie Alley

  2. Kultur

    Falls Michelangelo ein erfülltes Sexualleben gehabt hätte, hätte er die Sixtinische Kapelle wahrscheinlich schlicht weiss ausgemalt. Damit ist gesagt, dass unsere Kultur ihre grössten Leistungen der Sublimierung zu verdanken hat, d.h. der schöpferischen Tätigkeit als Ersatz für Sex. Aber Achtung: Nicht jeder Anstreicher wird ohne Sex zu Michelangelo. Kompensieren Sie im Zweifel lieber rezeptiv: Lesen Sie ein Buch. Am besten eins von Jackie Collins
    Ersatzwert: 6/10
    Risiko: Sie fangen an, schwarze Rollkragenpullover zu tragen. Oder Leopardenprint.

  3. Sport

    Nutzen Sie die aufgestaute Energie für sportliche Aktivität. Grundsätzlich ist jede Sportart geeignet. Beachten Sie aber, dass die Ausübung von Sportarten, deren Anhänger üblicherweise lächerliche Sonnenbrillen tragen (Klettern, Inline Skating, Nordic Walking, Radfahren), dramatisch Ihre Chancen reduziert, überhaupt jemals wieder einen Sexualpartner zu finden.
    Ersatzwert: 6/10
    Risiko: siehe oben

  4. Fernsehen

    Leicht zu erreichen, billig zu haben, aber von ständig sinkender Qualität. Das Vormittagsprogramm für Leute mit Tagesfreizeit ist höchstens ein Ersatz für ganz schlechten Sex.
    Ersatzwert: 3/10
    Risiko: Sie stehen nie wieder auf.

  5. Einkaufen

    Geld heisst Kontrolle, und das Verschleudern von Geld ist in unserer kapitalistischen Glitzerwelt ein gesellschaftlich vollkommen anerkannter Sex-Ersatz (wie übrigens auch das Anhäufen von Geld). Der Besitztrieb gilt im protestantischen Kulturkreis für weitaus weniger anstössig als der Sexualtrieb. (Solange man sein Geld nicht gerade für Crack und Prostituierte ausgibt.) Nachteil: Wer Geld längerfristig verschleudern will, muss es auch vorher irgendwie angehäuft haben. Oder jemanden heiraten, der dies tat. Oder die Tochter von Bernie Ecclestone sein.
    Ersatzwert: 8/10
    Risiko: Sie sitzen in einem 123-Zimmer-Anwesen namens The Manor in Holmby Hills und wissen nicht recht, was Sie machen sollen.

10 Kommentare zu «Kein Sex?»

  • Simi Golan sagt:

    Interessant! Aber irgendwie sind diese Ersatzhandlungen doch sehr anstrengend. Da bleiben meine Frau und ich lieber beim „Original“. Vieleicht machen ja die Anderen etwas falsch? Ach ja, ich habe keine Schweizerin geheiratet, sondern eine Brasilianerin die den Begriff von Erotik nicht zuerst im Duden oder im Tagi nachschlagen muss 😉

    • Cybot sagt:

      Ist Sex etwa weniger anstrengend als Essen oder Fernsehen? Dann machst du entweder beim Sex oder bei den anderen Sachen irgendwas falsch.

    • Columbo sagt:

      Angeber … eh, ich meine Lucky Bastard 🙂

    • Urs sagt:

      Das Problem ist einfach, sie hat einen Schweizer geheiratet und der muss, mindestens in deiner Denkweise, ja wohl jedes mal Erotik nachschlagen.

  • Meredydd sagt:

    Oh mein Gott wie wahr, das mit dem Selbstverliebt sein stimmt! Ich kann es durch mich selber bestätigen. Selbstverliebt zu sein hat immer so einen schlechten Nachgeschmack und wird oft als Synonym von eingebildet verwendet, aber es ist nicht das Selbe. Ich würde es als unendliche Dankbarkeit und Zufriedenheit bezogen auf die Möglichkeit zu leben beschreiben.
    Man sagt damit nicht, dass man der beste Mensch ist, sondern ist einfach gottenfroh, dass man das wurde was man ist. Und diesen Selbstrespekt und Selbstliebe hält ein Tatsächlich von so manchem ab!

  • marie sagt:

    nun hr t! bei all diesen ersatzbefriedigungen weiss man, was man hat, was einem erwartet und gegen die konsequenzen, weiss man idr auch, was zu machen ist.
    bei einem(r) sexpartner(in) hingegen ist das eher schwierig voraus zu sehen – oder man hat etwas aus gummi zu hause, dass pflegeleicht im wollwaschprogramm zu reinigen ist.
    aber unter uns: essen ist doch immer gut, auch mit sexpartner(in), oder nicht? das sah doch bei und mit m rourke anno domini 1986 doch sehr ansprechend aus.

  • Columbo sagt:

    Sollte ich mir vielleicht bookmarken, falls ich je in die „nicht schon wieder voegeln, gibt’s da nicht noch was anders“ Situation komme … aber andererseits – nein, kann mir definitiv nicht vorstellen, dass dies im jetzigen Leben jemals passiert.

  • Tom Müller sagt:

    Ich würde noch Gärtner als tolle, phasenweise sogar sinnliche, Ersatzbefriedigung nennen. Was gibt’s schöneres als im Dreck zu wühlen und Pflanzen beim Blümchen-Sex äh im meinte natürlich beim Wachsen zuzugucken 😉

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