Wem gehört die Armlehne?

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Sie sehen hier, meine Damen und Herren, eine Szene, die ich neulich, als ich von Zürich nach Paris fuhr, in der Ersten Klasse des TGV aufgenommen habe: eine Passagierin lässt ihren Schalenrollkoffer neben sich im Gang stehen, womit sie den ohnehin nicht breiten Korridor zusätzlich verengt, und die Folge waren ungefähr 17 strauchelnde oder hängenbleibende Mitreisende. Sowas ist natürlich sehr unhöflich. Und verletzt das oberste Gebot der guten Umgangsform, das immer gilt, besonders aber auf Reisen: Distanz, Distanz, Distanz!

Bei Benutzung jeder Art von öffentlichen Verkehrsmitteln geht es ja vor allem darum, den Raum seiner Mitreisenden zu respektieren. Zunächst im physischen Sinne. Wie Sie sehen, können Platzprobleme in jeder Beförderungsklasse entstehen. Das klassische Platzproblem in öffentlichen Verkehrsmitteln ist das Armlehnenproblem. Dies stellt sich im Zug etwas weniger scharf als im Flugzeug, und hier am schärfsten in der Economy Class. Wenn Sie sich im Flugzeug eine Armlehne mit Ihrem Nachbarn teilen müssen, gilt folgende Anspruchshierarchie:

1. Die (deutlich) ältere Person hat den Vorrang.

2. Bei ungefähr gleichaltrigen Personen hat die Dame den Vorrang.

3. Bei ungefähr gleichaltrigen Personen ungefähr gleichen Geschlechts gilt: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.

Aber stets gilt: Zurückhaltend bleiben. Benehmen Sie sich nicht wie Naomi. Man kann sich die Armlehne auch teilen. Im übrigen hängen die Ansprüche auf die Armlehne richtigerweise auch von der Lage des Sitzes ab. Ich für meinen Teil möchte mich hier ausdrücklich der Meinung anschliessen, dass bei Dreierreihen, wie sie die meisten Kurzstreckenmaschinen in Economy aufweisen, der Person auf dem Mittelsitz zwei Lehnen gebühren. Denn dieser Platz ist ohnehin schon der undankbarste und beengteste. Einzelfälle und Besonderheiten sind, wie stets bei Fragen der richtigen Umgangsform, als solche vor Ort zu lösen, am elegantesten mit Rücksichtnahme auf allen Seiten. Und dann noch dies: Falls Sie Economy fliegen, ziehen Sie zwei imaginäre Linien von Ihren Armlehnen zu den Armlehnen des Sitzes vor Ihnen. Lassen Sie Ihre Knie diese Linien nie durchbrechen. Nie.

Ich komme nun zu den Lehnenkippern. You know who you are. Jene Individuen im Zug oder Flugzeug, die sich gerne abrupt in die Entspannungslage begeben, indem sie ihre Rückenlehne nach hinten fallen lassen, worauf unter beengten Platzverhältnissen für den Hintermann praktisch die einzige Möglichkeit, weiterzuatmen, darinnen besteht, ebenfalls nach hinten zu kippen – und so weiter. Die Kippwelle. Sie kennen das. Zunächst: Das rücksichtslose Nach-hinten-Fallen ist keine gute Form. Es ist sogar sehr unmanierlich. Und wenn Ihnen jählings die Glatze des abgetakelten Geschäftsmannes vor Ihnen auf dem Schoss landet, ist es natürlich schön, wenn Sie Ausweichmöglichkeiten haben. Dazu ein Hinweis: Die Mittelplätze in der Economy-Sektion werden in der Regel von vorne nach hinten besetzt, so dass Ihre Chancen, dass der Mittelplatz neben Ihnen frei bleibt, Sie also mehr Platz haben, grösser sind, wenn Sie eine der hinteren Reihen wählen. Fernerhin gilt, dass Mittwochs- und Mittagsflüge tendenziell auch zur Hochsaison weniger voll sind, d. h. mehr Platz bieten, und dass bei Buchungen über Preisvergleichsseiten online die (Nonstop-)Flüge mit den billigsten Tickets auch die leersten sind. Und falls Sie Economy fliegen und gegen rücksichtslos zurückklappende Rückenlehnen allergisch sind, besteht natürlich auch eine Ausweichmöglichkeit darinnen, ganz vorne zu sitzen. Dann haben Sie, jedenfalls bei Kurzstrecken, entweder eine Wand oder die Business Class direkt vor sich, und diese Leute haben fürs Lehnenklappen wenigstens bezahlt! Oder ihren Ehemann bezahlen lassen, wie Tara Palmer-Tomkinson (TPT), die lebensfrohe Patentochter von Prince Charles, die unlängst auf die Frage nach dem perfekten Gatten erwiderte: «Nun, fest steht, dass ich nie im Leben genötigt sein möchte, ein Flugzeug zu besteigen und mich dann rechts zu halten.»

Mindestens genauso wichtig wie die physische ist die psychische Distanz: Falls Sie im Zug oder Flugzeug gegen Ihren Wunsch mit einem redseligen Nachbarn konfrontiert sind, stecken Sie sich Kopfhörer in die Ohren (auch wenn Sie Ihren iPod gar nicht anmachen) oder täuschen Sie Fremdsprachigkeit vor. Oder Schlaf. Menschen, die im Flugzeug mit ihrem Telefon rumhantieren (auch wenn das bei einigen Fluggesellschaften gestattet ist), gehören zweifellos zu den unangenehmeren Sitznachbarn. Übrigens auch im Zuge. Das fand ich nebenbei beim französischen Reisepublikum in besagtem TGV ausgesprochen angenehm: Man war so leise. Unterhaltungen erfolgen im Flüsterton und alle hielten sich an die Bitte des Chef de Bord, Mobiltelefongespräche im Vorraum zu führen. Und fragten, ob es einen derangieren würde, wenn sie die Sonnenblende des Fensters ein klein wenig nach unten zögen. Nein, natürlich nicht. Was für ein Unterschied zu jenem Österreicher, der auf der ersten Etappe des Zuges von Zürich nach Basel in meiner Nähe gesessen und zu jenen Existenzen gehört hatte, die nicht nur laut reden, sondern bei denen quasi jede Lebensäusserung mit Geräusch verbunden ist: sie ächzen, husten, gähnen geräuschvoll, als wollten sie der Mitwelt ständig signalisieren: Hallo, ich bin hier! Und wenn er nicht auf die neben ihm sitzende, offenbar stumme (und für sie will ich hoffen: taube) Frau einredete, quakte er natürlich ohne Unterlass in sein Telefon. Dazu nun abschliessend mal wieder Herr Lagerfeld. Von dem stammt der schöne Satz: «Mobiltelefone sind für Assistenten.»