Heile Welt und Haushalt

Ein perfekt geführter Haushalt wurde oft als Grundstein einer heilen Welt gesehen, und die heile Welt als Möglichkeit, das Glück zu finden. Was viele Frauen an den Herd verbannte, gab einigen die Möglichkeit zu einer Karriere als Autorinnen, Chefredakteurinnen, Fernsehstars und Unternehmerinnen. Diese drei Frauen gehören zu den wichtigsten. Ihre Biografien aber zeigen, dass Haushalt und heile Welt nicht immer zusammenkommen.
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Mich persönlich hat der Wunsch nach heiler Welt nie gefunden. Ich stellte es mir schon als Mädchen eher beängstigend vor, in einem Einfamilienhaus zu wohnen, mit Gärtchen, Grill, Kindern und einem Ehemann im Anzug, der abends nach Hause kommt. Aber es war das Ideal der Generation meiner Mutter, und die Bücher, Filme und Fernsehserien der Fünfziger- und Sechzigerjahre führten zu einem Happy Ending, welches die heile Welt versprach. Heute sehen wir wenigstens, auch dank Fernsehserien wie «Mad Men» oder Filmen wie «The Stepford Wives» (Bild oben), eine realistischere Darstellung der Welt von damals. Aber es liegt trotz allem ein Stück Glück darin, die Welt um sich herum schön zu schaffen – das ist ja auch das Anliegen von Sweet Home. Ich bin überzeugt davon, dass, wenn die Wohnung schön und vor allem auch persönlich eingerichtet ist, der Haushalt gut und alltagstauglich organisiert, das selbst gekochte Essen schmeckt und gesund ist, das Alltagsleben einfacher wird und man so mehr Zeit und Bewegungsfreiheit für andere Dinge gewinnt. Auch tut es gut, die schöneren Seiten des Lebens zu sehen, deswegen sind in Zeitschriften und auf Blogs die Wohnungen aufgeräumt. Klar gibt es auch andere Beispiele, die spanische Wohnzeitschrift «Apartamento» etwa, die genau mit der Unordnung kokettiert und daraus eine neue Ästhetik gewinnt, oder die «Trashfotografie», aber das ist ein anderes Thema, und führt uns weg von den drei Frauen, um die es hier heute geht.

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Mrs Beeton, die erste Lifestyleredakteurin 

Isabella Beeton (1836–1865) hat das Buch «Mrs Beeton’s Book of Household Management» geschrieben und damit ein Standardwerk geschaffen, das über lange Zeit das Haushalten der englischen Frauen inspirierte und erleichterte. Sie wurde als ältestes Kind einer grossen Familie geboren und hatte 21 Geschwister. So musste sie schon früh im Haushalt mithelfen und Kleinkinder betreuen. Sie heiratete Samuel Beeton, einen Verleger und Herausgeber von Büchern und Zeitschriften. Sie half tüchtig mit und schrieb Artikel über Kochen und Haushaltsführung. Ausserdem übersetzte sie Romane vom Französischen ins Englische, die als Serien in den Zeitschriften erschienen.

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Ihr grosses, dickes Hauptwerk schrieb Isabella Beeton nicht etwa als stattliche Matrone, sondern bereits mit 21 Jahren. Überhaupt hatte sie nichts Matronenhaftes, sondern war modisch gekleidet und führte für ihre Zeit ein sehr emanzipiertes Leben. Sie pendelte täglich, als wohl einzige Frau unter Businessmännern, im 1.-Klasse-Wagen in die Stadt zur Arbeit. Ihr Kind liess sie derweil zu Hause. Sie leitete unter anderem eine Zeitschrift als Chefredaktorin. Ihr Haushaltsbuch zeichnete sie als «Editor», nicht als Autor. Sie trug Informationen, Rezepte und Ideen zusammen und hat daraus einen praktischen Ratgeber für Frauen geschaffen. Von den über 1100 Seiten sind auf 900 Seiten Rezepte zu finden, welche auf farbigen Tafeln illustriert wurden. Die Idee dazu kam dem Paar, weil Ratgeber für junge Frauen, die in den Ehestand traten, in dieser Zeit sehr gefragt waren.

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Auf der Redaktion schrieb die junge Frau, wie man zur perfekten Gastgeberin wird, den Haushalt mit militärischer Organisation unter Kontrolle hält, Patienten pflegt, mit saisonalen Produkten kocht oder Fleisch fachgerecht schneidet. Im eigenen Privatleben konnte sie wohl wenig davon selbst umsetzen. Ihr erstes Kind starb, noch bevor es ein Jahr alt war, an Krupp, der zweite Sohn an Scharlach. Sie hatte viele Fehlgeburten und nur zwei überlebende Söhne. Sie starb schliesslich mit erst 28 Jahren an Kindbettfieber. In einer Biografie von Kathryn Hughes liest man auch, dass sie mit grösster Wahrscheinlichkeit von ihrem Ehemann bereits in den Flitterwochen mit Syphilis angesteckt worden war und der Tod ihrer Kinder und die vielen Fehlgeburten davon herrührten.

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Martha Stewart, die vielseitige Unternehmerin 

Wer an den perfekten Haushalt denkt, kommt sofort auf Martha Stewart. Die Amerikanerin Martha Stewart, 72, schreibt Koch- und Lifestylebücher, lancierte die Zeitschrift Martha Stewart Living, die zu einem solchen Erfolg führte, dass daraus ein Fernsehprogramm entstand, kreierte eine Kollektion mit stilvollen Homeaccessoires und Haushaltsgegenständen – kurz, sie schuf ein ganzes Imperium rund um Haus und Herd

Martha Stewart zeigte schon früh kreativen Geschäftssinn. Als Kind verdiente sie sich nicht nur als Babysitterin der Kinder berühmter Footballspieler Taschengeld, sondern organisierte auch gleich deren Geburtstagspartys. Ein Fotografenfreund, mit dem ich früher viel arbeitete, erzählte, dass er, als er jung war, manchmal an Lunchpartys von Martha Stewart gegangen war, für die man einen Beitrag zahlte.

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Martha Stewart studierte Architekturgeschichte. Geld verdiente sie nebenbei als Model, unter anderem auch für Chanel. In ihrer Studentenzeit lernte sie ihren Mann, Andy Stewart, kennen, einen Jusstudenten. Sie heirateten. Einige Jahre nach der Geburt ihrer Tochter arbeitete Martha Stewart wieder: als Brokerin an der Wallstreet. Dann zog die Familie in ein altes Haus. Hier konnte Martha Stewart ihr Talent zum Einrichten und Restaurieren ausleben. Das Haus diente übrigens später als Vorbild für das Set ihrer grossen TV-Show. Nach dem Einrichten kam das Kochen. Sie lernte es einst von ihrer Mutter, wie auch das Nähen; das Einmachen und das Konservieren von Lebensmitteln brachte ihr ihre Grossmutter bei, die auf dem Land wohnte. Martha Stewart gründete ein erfolgreiches Cateringbusiness.

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Auch Hochzeiten waren ein wichtiges Thema für Stewart – sie schrieb gerade ihr fünftes Buch zum Thema, als ihr Mann sie nach 26 Ehejahren verliess. Danach kam eine Zeitschrift. Sie suchte nach einem Verleger, fand ihn und brachte 1990 die Zeitschrift «Martha Stewart Living» auf den Markt. Die Zeitschrift war und ist immer noch sehr beliebt. Wunderschön und konsequent gestaltet, wurde sie ein Vorbild für viele Nachfolger. Haushalten und Dekorieren, Einrichten und Basteln wurden dank Martha Stewart chic, man kaufte «Living» zusammen mit Hochglanzzeitschriften wie «Vogue» oder «Vanity Fair». Der Erfolg der Zeitschrift führte zu einer TV-Show und Starstatus. Martha Stewart kaufte ihre Zeitschrift, gründete ein Imperium, verkaufte auch Wohnaccessoires, Haushaltsgegenstände und vieles mehr – alles mit dem passenden Lebensgefühl, vielen Tipps und Ideen. Doch dann kamen die Anklage und der Schuldspruch wegen Insidertrading. Martha Stewart musste 2004 für einige Monate ins Gefängnis, verbüsste Hausarrest und musste von ihren Vorstandsvorsitzen zurücktreten. Das Imperium kam ins Schwanken. Doch sie schaffte es wieder zurück. Ihr nächstes Projekt: cool und stilvoll älter zu werden!

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Nigella Lawson, die glamouröse Fernsehköchin 

Die Engländerin Nigella Lawson machte Kochen sexy. Sie zeigt in ihren Fernsehsendungen, wie man innovativ kochen kann, ein schickes Haus, adrette Kinder und coole Freunde zusammenbringt und dazu die perfekte Gastgeberin ist. Oder wie man noch kurz ein Süppchen kocht, um dies dann mit auf einen Shoppingtrip zu nehmen und dabei noch absolut fantastisch und sexy aussieht.

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Ursprünglich Journalistin, arbeitete Lawson unter anderem als Literaturredaktorin bei der «Sunday Times». Sie schrieb ausserdem Restaurantkritiken, eine Make-up-Kolumne für das «Times Magazine» und Beiträge über das Kochen bei der «Vogue». Ihr erstes Kochbuch, «How to Eat», verkaufte sich über 300’000-mal. Bald folgte «How to be a Domestic Goddess», ein absoluter Bestseller. TV-Shows folgten, sie wurde damit zum international bekannten Star.sweet home

Doch Nigella Lawsons Leben hatte auch immer wieder Schattenseiten. Ihr erster Ehemann, der Journalist John Diamond, mit dem sie eine Tochter und einen Sohn hat, starb mit 47 Jahren an Krebs. Bald darauf heiratete sie den Werber und Kunstsammler Charles Saatchi. Doch die Ehe endete, nachdem letztes Jahr Bilder in den Medien zirkulierten, wie Saatchi Nigella in einem Restaurant am Hals packte und Nigella danach mit Tränen in den Augen das Restaurant verliess. Einer kleinen Medienschlacht folgten die Scheidung und ein Prozess, bei dem es um zwei Nannys der Familie ging, um Geld, Kreditkartenbetrug und Drogengerüchte. Nigella Lawson, mittlerweile 54, zeigte in der vorletzten Ausgabe der englischen «Vogue», dass sie die Schlacht gut überstanden hat. Sie präsentiert sich dezent geschminkt auf dem Titelbild der Hochglanzzeitschrift, auf dem sonst nur absolute Supermodels zu sehen sind.

9 Kommentare zu «Heile Welt und Haushalt»

  • Liebe Marianne

    Grosses Kompliment für diesen schönen Artikel! Als in den 70er Jahren in England aufwuchs, hatte meine Grossmutter immer noch Kochbücher von Mrs. Beeton und liess auch daraus vor – und meine Schwester hat mir vor ein paar Jahren auch ein Buch, „Tea with Mrs. Beeton“, eine Neuauflage, geschenkt. Es enthält auch solche Illustrationen, wie hier abgebildet. Aber alle drei Frauen, die du hier präsentierst, sind interessant (ich habe übrigens auch Kochbücher von Nigella Lawson…).

    Danke und liebe Grüsse

    Toby

  • Marcel Senn sagt:

    Ich hatte vor 25 Jahren das grosse Glück mit Betty Bossi liiert zu sein!
    Jetzt wird natürlich jede Hausfrau denken, was schreibt der Mann für einen Unsinn, alle wissen, dass Betty Bossi eine Kunstfigur ist!
    Ja ich war mit der Frau liiert, die seit über 13 Jahren viele der Betty Bossi Kochbücher geschrieben hat und das auch heute noch tut. Sie hatte schon damals ein grosses Kochtalent und ich wurde immer wieder überrascht mit neuen Kreation, selbst als sie damals noch nicht „als“ Betty Bossi arbeitete – der Geist von Betty Bossi war immer omnipräsent!
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    Aber sie hat ihre Bestimmung gefunden und macht heute hunderttausende von schweizer Hausfrauen und Hausmännern (und tolpatschige Amateurköche wie mich) mit ihren Rezepten glücklich!
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    War eine schöne Zeit damals mit meiner Betty Bossi… seufz

    • Irene feldmann sagt:

      :) schön….

    • Lichtblau sagt:

      Offenbar war Ihre Betty nicht das, was heute als „bossy“ bezeichnet wird, sonst würden Sie nicht mit Wehmut an die Zeit zurückdenken. Netter Einblick, Ihre Geschichte. Gefällt!

    • marie sagt:

      oh herr senn! eines meiner absoluten lieblingsbackbücher ist das „alte“ der weihnachtsgüezi von bb. es sieht mittlerweile sehr verbraucht aus, aber ich hüte es wie mein augapfel. eine wahre perle.
      sehr schöner einblick herr senn.

    • déjà-vu sagt:

      ach, lieber herr senn! lassen sie sich trösten, betty bossi ist uralt, ich weiss das haargenau! sie hängen erinnerungen nach! heute sind jamies gesucht, etwas verwaschen und verlebt zwar, aber bitte stürzen sie sich hinter die pfannen, nicht davor!

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