So selbstverständlich harmonisch

Bei Roman und Julia Dieziger sind die auserlesenen Designklassiker, mit denen sie ihre Zürcher Wohnung eingerichtet haben, echte Wohnmöbel und täglich im Gebrauch.

Fotos: Rita Palanikumar für Sweet Home 

Der Vintage-Designmöbelhändler Roman Dieziger wohnt mit seiner Frau Julia, die in der Kommunikationsbranche arbeitet, in einer Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung in Zürich. Das spannend konzipierte und wunderschön ausgebaute Haus aus dem Jahre 1959 ist ein Werk des Schweizer Architekten Balthasar König. «Ich glaube, wir haben die Wohnung bekommen, weil viele Interessenten ihre Schönheit nicht richtig verstanden», meint Roman. Sie bietet die perfekten Räumlichkeiten und die richtige Stimmung für die fantastischen Designmöbelstücke, mit denen das Zuhause des Paares eingerichtet ist.

Roman Dieziger sucht, sammelt, verkauft und lebt Design. Und das mit grosser Leidenschaft. Der gelernte Dekorateur – ein Beruf, der heute 3-D-Polydesigner heisst – arbeitete als Chefdekorateur bei Möbel Pfister. Seinem Hobby ging er lange in seiner Freizeit nach, bis er sich schliesslich entschloss, es zum Beruf zu machen. Seit 2006 bietet er seine liebevoll ausgewählten Designobjekte und Möbel aus den 30er- bis 80er-Jahren in seinem eigenen Geschäft in der Zürcher Altstadt an. Er gesteht mir, dass er sich oft schwer von seinen Lieblingen trennt. Klar, dass er viele besondere und seltene Stücke bei sich zu Hause hat.

Wie immer vor einer Fotoproduktion erklärte ich den Bewohnern, dass für eine Homestory für Sweet Home ruhig ein paar Dinge herumliegen dürfen und dass es immer gut ist, wenn man Blumen einstellt und die Wohnung so richtet, als ob Besuch kommen würde. Roman schaute mich ein bisschen verständnislos an und meinte, dass es bei ihnen immer so aufgeräumt aussehe wie auf den Fotos, die er mir geschickt hatte!

Als ich dann an diesem Wintermorgen kurz vor Weihnachten, an dem wir die Homestory produzierten, in der Wohnung stand, verstand ich ihn. Denn irgendwie wirkten für mich die Möbel und die Objekte in der Wohnung fast ein bisschen wie Familienmitglieder. Sie haben alle einen liebevoll ausgesuchten Platz, an dem sie nicht nur am schönsten zur Geltung kommen, sondern auch den besten Wohnkomfort bieten. Die Einrichtung ist so selbstverständlich harmonisch, dass ein sogenannt gemütliches Durcheinander völlig absurd wäre.

«Wir lieben Blumen,

doch in unserer Wohnung wirken sie

schnell aufgesetzt oder gar kitschig» 

Roman und Julia Dieziger

Tritt man in die Wohnung, kommt man durch einen offenen Eingangsbereich in einen grossen Raum, der zum Wohnen und Essen genutzt wird. Das sanfte Winterlicht strahlt durch die grossen Fenstertüren, die auf einen langen Balkon herausführen. Im Garten steht eine Zeder und lässt die harmonisch komponierten Möbelgruppen und den klaren Raum japanisch anmuten. 

Vor der Fensterfront nimmt der Tisch Quaderna aus den 70er-Jahren vom italienischen Architekturbüro Superstudio die Mitte ein. Begleitet wird er von einem Sideboard, auf dem skulpturale Keramik steht. Die Tür daneben, die auf dem vorherigen Bild schön zu sehen ist, führt nirgendwohin. Sie ist von Charlotte Perriand und stammt aus dem Skiresort Les Arcs in Savoyen. An der Wand ist sie als eine Art Trompe-l’Oeil-Objekt eingesetzt.

Die Wohnecke kommt ohne Sofa aus. Dafür steht eine Corbusier-Liege vor einem tiefen Regal mit weissen Türen. Dieses ist auch von Le Corbusier und stand einmal als Küchenmöbel und Raumtrenner in einem Studentenheim in Frankreich. «Man kann noch Arbeitsspuren sehen, aber es ist sehr massiv und eigentlich unzerstörbar», erzählt Roman. Das Paar verstaut darin den Fernseher, ganz nach dem System «Schiebetür auf und Film ab»!  Dieser Teil des Raumes wird von der Memphis-Leuchte Callimaco von Ettore Sottsass und einer Marmorleuchte von Achille Castiglioni beleuchtet. 

Die Liege wendet sich dem Cheminée entgegen, das sich in der Raumecke befindet. Die Wand grenzt den offenen Eingangsbereich vom Wohnraum ab. Der grafische Wandschmuck ist von Roman.

Für das Sofa hat Roman den Bereich gewählt, der sich vor der Küche befindet. Er wurde vom Architekten als Essecke konzipiert. Doch Roman fand, dass die Schönheit des Raumes vergeudet wird, wenn man hier einen grossen Esstisch platzieren würde. So entschied sich das Paar, die Richtlinien des Architekten aufzubrechen, daraus eine Wohnecke zu schaffen und so die Bereiche Wohnen und Essen fliessender zu vereinen. Entstanden ist ein gemütlicher Rückzugsort, der sich wunderbar eignet, um an einem Sonntagnachmittag auf dem Sofa zu liegen, zu lesen oder in den Himmel zu schauen.

«Man sieht hier sehr viel Himmel»

Roman Dieziger

Mit dem runden Schrank, den er gekonnt neben die Wohnungstür platziert hat, grenzt Roman die wohnliche Ecke ab. Der Schrank, ein Prototyp aus den 60er-Jahren, ist von Wolfgang Feierbach. Der Designliebhaber kokettiert mit der säulenartigen Form und hat darauf, wie einen Helden, den LCW von Eames gestellt. «Er kommt aus der allerersten Produktion aus den 50er-Jahren» beschreibt ihn Roman stolz. 

Platz für ein Tischchen hat es in der Wohnecke trotzdem. Und erst noch für ein besonders edles Exemplar: ein B10-Tischchen von Marcel Breuer aus den 40er-Jahren. Der Stuhl, mit dem zusammen es einen kleinen Arbeitsplatz bildet, ist ein Werksentwurf der französischen Firma Peugeot.  

Von dieser Architektur könnten zeitgenössische Architekten viel lernen. Obschon heute viele Neubauten überall Glasfronten haben, stehen die offenen Küchen meist ganz hinten im Raum an einer Wand. Hier aber kann man beim Kochen in den Garten rausschauen: auf die Bäume, die Gärten, die Strasse und die Nachbarhäuser.

Die Küche ist zwar nicht mehr aus den 60er-Jahren, weicht aber bestimmt nicht viel vom Original ab. Roman und Julia erklären uns, dass der Architekt, der die Sanierungsarbeiten macht, der Sohn des Architekten ist, der das Haus gebaut hat, und alles mit viel Achtsamkeit und Wertschätzung angeht. 

Wie zwei Wächter an einer Pforte steht ein Kommodenpaar an der Wand vor der Küche. «Sie sind ein Paar, das schon immer zusammen war und auch immer zusammenbleiben wird», beschreibt sie Roman liebevoll. «Dazu gehört auch das Sideboard hinter dem Esstisch.» Alle stammen aus einem Modulsystem des Schweizer Architekten und Designers Hans Eichenberger.

Der lange Balkon ist vom Wohnzimmer und vom Schlafzimmer aus erreichbar. Jetzt im Winter zeigt er sich ohne Pflanzen, aber mit starken Möbeln. «Andere Nachbarn nutzen die Nische als Stauraum, wir schätzen sie als Schattenplatz an heissen Sommernachmittagen,» erklärt Julia die Entscheidung der Möblierung mit kleinem Tischchen.

Im Schlafzimmer versammeln sich edle Einzelstücke, die alle Funktion mit starken Formen verbinden. Das Bett ist neu und von Möbel Pfister. Es ist schlicht bezogen mit reiner weisser Wäsche. In der Ecke steht die Shogun-Stehleuchte von Mario Botta, die nicht mehr produziert wird.

Der Stuhl ist aus Chandigarh, der indischen Stadt, die Le Corbusier nach der Teilung Indiens als Planstadt konzipierte und baute. «Die Häuser, die Strassen, die Schachtdeckel – alles ist von Le Corbusier. Die Möbel hat sein Cousin Pierre Jeanneret ausschliesslich für die Bauten in Chandigarh entworfen», erzählt Roman die Geschichte dieses Prachtstückes. «Dieser Stuhl ist gemäss seiner Beschriftung vermutlich aus dem Mädchen-College.»

Im Schlafzimmer stehen auch noch ein tiefer hellgelber Kleiderschrank des Schweizer Architekten Willy Guhl, hergestellt in den frühen 50er-Jahren von der Werkgenossenschaft Wohnhilfe, und ein kleiner mintgrüner Tisch aus den 30er-Jahren von Marcel Breuer.  Das Wandobjekt ist von Roman, es war einst eine Tischplatte von einem Nierentisch. 

Weiter hinten befindet sich Julias Arbeitszimmer. Sie ist in der Kommunikation im Konzept- und Textbereich tätig. Ihren grossen Arbeitstisch hat Roman selbst entworfen und gebaut. Die beiden Stühle sind aus den 40er-Jahren, vom schwedischen Architekten Axel Einar Hjorth. Auch dieses Zimmer bietet einen wunderschönen Fensterplatz, Aussicht und viel Licht. 

Zuerst wollten die beiden den Raum ganz abtrennen. Doch dann entschieden sie sich für eine partielle Trennung mit Durchgang. «In einer 88-Quadratmeter-Wohnung ist jeder Platz wertvoll. Es braucht eine gute Planung, Ordnung und viel cleveren Stauraum», meint Julia. Ein wichtiger Stauraum, in dem ganz viel vom Haushalt Platz hat, ist das Schrank-Regalmöbel, das Roman aus einem schlichten, weissen Schrank und Regalen selbst gemacht hat. Er hat alles mit Holzrahmen zusammen- und eingefasst und gibt ihm damit eine Midcentury-Anmutung.

Ein anderes Staumöbel in diesem Raum ist ein kleiner, tiefer Schrank aus den 40er-Jahren von Fränkel und Völlmy. Er bietet viel Platz und wirkt elegant. Darauf thronen Holzobjekte von Ueli Rüegg, einem Schweizer Architekten, der in jungen Jahren bei Alvar Aalto arbeitete.

«Damit die Schranktüren nicht

als solche wahrgenommen werden,

haben wir sie mit Bildern getarnt» 

Roman Dieziger

Bilder bringen auch Farbe in den Eingangsbereich, der, wie hier schön sichtbar, alle Räume verbindet. Der Besuch in der hellen, freundlichen, mit viel Liebe und guten Ideen eingerichteten Wohnung von Roman und Julia Dieziger ist ein wunderschönes Beispiel dafür, dass Reduktion kein Verzicht ist, sondern Platz für Schönheit ermöglicht. 

Roman und Julia Dieziger auf dem Netz: 

Romans Vintage-Designgeschäft: Max Designklassiker
Roman auf Instagram: @max.designklassiker 
Julias Agentur: Dieziger Agentur