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Nati-Fans und die verlorene Sexyness

Mämä Sykora am Mittwoch den 7. September 2011

Nicht einmal 17’000 Zuschauer wollten nach den zuletzt höchst bescheidenen Auftritten das Spiel der Schweiz gegen Bulgarien sehen. So einen dürftigen Aufmarsch gab es bei Pflichtspielen der Nati in bedeutungsvollen Partien schon lange nicht mehr. Es scheint ganz so, als habe die unattraktive Spielweise von Hitzfelds Truppe der Beliebtheit in der Bevölkerung arg geschadet. Die Nati ist nicht mehr sexy.

Wer schon Nati-Spiele besucht hat, der weiss, dass sich das Publikum in keinster Weise mit dem bei Vereinsspielen vergleichen lässt. Spielt der FCB im Joggeli, steht hinter dem Tor eine eingeschworene Fankurve, die Gegner bringen ebenfalls ihre langjährigen Supporter mit, der Rest der Tribünen ist besetzt mit teilweise ebenfalls lautstarken Sympathisanten oder Fans, einer Handvoll VIPs sowie einigen wenigen, die sich aus reinem Interesse das Spiel als neutrale Zuschauer ansehen.

Die Nati hingegen zieht ein völlig anderes Publikum an, das sich – stark vereinfacht freilich – in wenige Gruppen unterteilen lässt:

  • Gruppen von jungen Männern mit ein paar weiblichen «Anhängsel», die sich nicht selten mit einheitlichen, selbstgedruckten T-Shirts kleiden mit Aufdrucken wie «Kampftrinker Diepoldsau» oder «Pfadilager 2004 Hergiswil». Diese Gruppe ist dankbarer Abnehmer von den gratis ausgeteilten Fanutensilien wie Fahnen oder lustigen Hüten und Mützen mit Sponsorenlogos. Erstaunlich ist, dass diese Mützen nach dem Spiel nicht entsorgt werden, sondern bis zum nächsten Spiel verstaut werden, so dass man heute noch unzählige sieht, die bereits vor Jahren verschenkt wurden. Charakteristisch für diese Gruppe ist, dass sie gleich nach Anpfiff versucht, die zwei, drei Schlachtgesänge, die es für die Nati gibt, anzustimmen, um dies kurz darauf wieder einzustellen, weil niemand der Sitznachbarn mitzieht, meist begleitet von zornigen Ausrufen wie «Möched mal Schtimmig!» oder «Was sind dänn ihr für laschi Seck?».
  • Die Familiengruppe, oft mit Vater, Mutter, den Kindern und dazu auch gleich noch den Nachbarskindern und der Tante. Der Papa ist hier noch der unbestrittene Anführer und wird stets mit Fragen bedrängt, die er den Unwissenden geschmeichelt beantwortet, wenngleich nicht immer alles korrekt ist («Senderos spielt bei Manchester United», «Hakan Yakin ist verletzt», «Der 8er? Das ist Huggel») Wenn es niemand besser weiss, wird man auch nicht hinterfragt.
  • Pärchen und kleinere Gruppen, von denen viele ein Schweizer Retro-Shirt tragen mit Namen wie «Steini» oder «Tormaschine» hintendrauf, oder dann zumindest jenes rote T-Shirt mit dem Text der Nationalhymne aufgedruckt. Viele dieser Vertreter sind über weite Strecken der Partie damit beschäftigt, mit dem Handy Fotos zu schiessen, nur um später zuhause festzustellen, dass der grossen Distanz wegen die Spieler darauf kaum zu erkennen sind. Wenn genug geknipst ist, werden den Daheimgeblieben SMS oder noch besser MMS geschrieben, die Neid hervorrufen sollen («Hammerstimmig da! Hopp Schwiiz!»).
  • Und dann gibt’s noch ein paar wenige, die sich das Spiel aus aufrichtigem Interesse anschauen. Sie verwerfen nach misslungenen Aktionen die Hände und rufen aus, während rundherum fröhlich Fahnen geschwenkt werden. Es sind meist diejenigen, die auch in den Stadien anzutreffen sind, wenn nicht gerade die Nati spielt.

Es ist an sich eine tolle Sache, wenn die Schweizer Nati so viel Volk anzieht. Einige mögen sich vielleicht noch an die Prä-WM-1994-Zeit erinnern, als die Tribünen ausser bei attraktiven Gegnern spärlich besetzt waren. Wer heute aber ein Nati-Spiel besucht, braucht eine gute Portion Gelassenheit, um sich nicht tierisch über die unqualifizierten Zwischenrufe aufzuregen. Ich habe aus einem Spiel gegen Israel gelernt, bei dem Vertreter der ersten Gruppe unablässig höchst rassistische Tiraden in Richtung Schiedsrichter und Gegner abfeuerte, so dass ich mich zum Eingreifen gezwungen sah. Nach angedrohten Schlägen musste ich den Rest der Partie im Stehen oberhalb der Tribüne verfolgen. Seither versuche ich, alles um mich auszublenden und nur das Spiel zu schauen.

Das Nati-Publikum ist nun mal ein Event-Publikum. Es gibt keine wirkliche Fangruppe, die wie bei den Vereinen Woche für Woche Schlachtgesänge einüben kann. Die Zuschauer reisen an und erwarten, dass es im Stadion so tönen wird, wie sie es aus dem Fernsehen kennen. Für viele ist es eine Enttäuschung, dass es ausser bei gelegentlichen «Hopp Schwiiz»-Rufen sehr ruhig ist. Vielleicht haben deshalb viele bereits wieder genug davon und wenden sich Anderem, Lustigerem zu. Ob das nun gut oder schlecht ist, soll jeder für sich entscheiden. Ich persönlich wäre nicht traurig darüber, wenn das Nati-Publikum weiter ausgedünnt würde.

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