Es gibt kein Chillen

Aus den Ferien nach Hause kommen und dann aufräumen. Das klingt so selbstverständlich. Und ist so schwierig.

In den Ferien traf ich Freunde, die ich seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. «Es geht mir gut», sagte ich, «einmal in der Woche schreibe ich eine kleine Geschichte für den Tagi.» «Du hast eine Kolumne?» «Etwas in der Richtung», sagte ich, «über Zürich.» «Politik?», fragte jemand. «Ab und zu», sagte ich. «Lustige Sachen?», insistierte ein anderer. «Nein», sagte ich, «kleine Beobachtungen; das Leben halt

Die Leute haben recht mit ihren Fragen, sagte ich mir beim Einschlafen. Ich bin als Kolumnist nirgends zu Hause, weder lustig noch traurig, ich bin kein politischer Kompass, kein schreibender Hausmann, ich mache keine Lebensberatung. Unter dem Fenster rauschte das Meer, manchmal zirpten die Grillen, meist schlief ich irgendwann ein, so wohlig, wie man nur in den Ferien einschlafen kann.

Am Tag der Heimreise wusste ich: Meine erste Stadtgeschichte schreibe ich über das Aufräumen. Klar, aufräumen nach den Ferien ist immer gut, unsere Wohnung braucht eine Entschlackung, deshalb sind wir zeitig zurückgekommen. Mich aber reizte vor allem die kolumnistische Herausforderung: Ich würde versuchen, das Thema im Stil einer Paar-Kolumne anzugehen, Mann gegen Frau, das kennen alle, beim Aufräumen liegen die Nerven schnell einmal blank.

Meine Frau findet, es braucht beim Aufräumen ein Gesamtkonzept. Sie möchte die Kybernetik des Entsorgens und Neuarrangierens voraussehen, vorausplanen, ohne Strategie wird das nichts, ist sie überzeugt.

Ich dagegen fange einfach mal an und arbeite mich ins Chaos hinein, blind und unansprechbar wie ein Maulwurf, learning by doing, könnte man sagen – im besten Fall. Mein Ziel ist es, irgendwann mal anzukommen, irgendwann mal fertig zu sein, mich aufs Sofa zu werfen und ein Buch aufzuschlagen, oder mit Freunden ein Bier zu trinken oder eine DVD einzulegen, die italienische Serie «1992» zum Beispiel über den Beginn der Ära Berlusconi.

Meine Frau hingegen weiss, dass man nie ankommt. Sie ist sich im Klaren darüber, dass die Idee des Gesamtkonzepts eine Illusion ist, eine Utopie, aber man muss an ihr festhalten, alles andere ist geistige Faulheit, der Weg ist das Ziel. Das Aufräumen ist im Grund wie das Leben selbst, ich möchte es hinter mich bringen und chillen. Meine Frau hingegen sagt: «Das Leben ist ein stiller Fluss. Es gibt kein Chillen.»

In den Ferien sprachen wir oft über das Aufräumen. In unserer Runde gab es radikale Wegwerftypen und unverbesserliche Aufbewahrer, es gab Nomaden, die nie ein Bild aufhängen würden, und Gestalter, die sich im Wohnen verwirklichen. Wir hatten unterwegs einige schöne Wohnungen gesehen, in Ljubljana zum Beispiel ein kunstvolles, lebendiges Heim, im hingeworfenen, unperfekt grosszügigen «New York Style», erträumt und verwirklicht in hohen Büros der Altstadt, wo es früher keine Wohnung gab. Oder in Budapest die zeitlose Art-déco-Eleganz in einer bescheidenen Häuserzeile im dritten Bezirk, mit der Patina von bald hundert Jahren Leben und Geschichte.

Jetzt also aufräumen. Packen wirs an. Die Bücher warten, die Serien, die Freunde, das Bier.

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