Die Oase lebt

Das Xenix hat zu wenig Geld. Das liegt auch daran, dass es im ganzen Kreis vier kopiert wird.

Das Wort «Szene» ist nicht leicht zu definieren, es ist mehr ein Gefühl, wenn man am Helvetiaplatz aus dem Achter aussteigt, der Blick der Mütter und Väter in den Cafés, die leise Angst, etwas Falsches zu sagen, einen Code zu verletzen; die Szene ist eine Kultur des Dazugehörens.

Herz der Szene war lange das Kanzleiareal mit der Xenix-Bar, der Dorfplatz des Kreis vier, wo man sich trifft, um zu feiern und zu trauern. Doch vor Weihnachten ging das Gerücht um, das Xenix habe Probleme, «20 Minuten» sprach von einem Abgrund. «Wir waren nicht glücklich über den Artikel», sagt Geschäftsführer Eric Staub. Man sieht ihn seit Menschengedenken vor dem Lokal stehen, meist mit einer Zigarette in der Hand. Unvergesslich elegant, wie er in den 80er-Jahren den Pogo tanzte. «Es ist wahr», sagt Staub, «wir hatten Probleme, aber von Abgrund kann keine Rede sein.»

Das Xenix besteht aus einer Bar und einem schweizweit bekannten Kino mit täglich wechselndem Programm, ein kulturelles Erbe der Achtzigerbewegung mit Wurzeln bis zurück ins AJZ. Ein Programmkino zu führen, ist teuer, sagt Eric Staub, es geht nur mit den Subventionen der Stadt und den Einnahmen der Bar, die einen entsprechend grossen Gewinn erwirtschaften müsse. Der Umsatz gehe jedoch durch die enorme Konkurrenz im Kreis vier zurück, das Wetter spiele auch eine grosse Rolle, «und im Winter sind die Reserven aufgebraucht.» Darum habe sich die brutale Formulierung im «20 Minuten» im Nachhinein als Glücksfall erwiesen. «Wir waren von der Reaktion der Besucher berührt und haben starken Rückhalt gespürt.»

Es gab Zeiten, da war auf dem Kies vor dem Kanzleischulhaus kein Durchkommen an den ersten schönen Frühlingstagen, der Platz war das Eingangstor zu einem glorreichen Abend in der Stadt. Die Zeiten hätten sich etwas geändert, sagt Eric, «vielleicht eine Generationenfrage». Die Stammkundschaft sei noch da, aber die Veteranen und Veteraninnen gingen zeitiger nach Hause als früher.

Kino und Bar sind 1984 aufs Kanzleiareal gezogen, und spätestens seither ist die Gegend rund um den Helvetiaplatz Treffpunkt der Szene, später hat das neue Volkshaus-Restaurant eröffnet und die Bank, die vor kurzem aber von Rudolf Bindella übernommen worden ist, der bekanntlich nicht zur Szene gehört. Hat die Szene also den Endpunkt ihrer Ausbreitung erreicht? Wird sie vermehrt wieder auf den Schulhausplatz ziehen? Man werde sehen, meint Staub.

Das Kino zeigt eine Reihe über das rumänische Filmwunder, das Xenix-Programm ist legendär, mit den Dokfilmen um sechs, den Treffen mit den Cineasten, wo gibt es das in Zürich? Überhaupt, wo kann man noch richtige Filme sehen, auf 35 mm? Vielleicht noch im Filmpodium, dem anderen Programmkino der Stadt, mit dem sich das Xenix oft austauscht; grossartig, dass sich Zürich diese Filmkultur leistet: Das Bedürfnis des Publikums, meint Staub, sei unbestritten.

Es ist Freitagabend, trübes Wetter, doch der Platz füllt sich; wenn ich mit den Leuten anfange zu reden, komme ich heute Abend nicht mehr nach Hause, und wer weiss, vielleicht kommt ein richtiger Frühling. «Die Oase lebt», sagt Eric und zündet sich eine Zigarette an.

3 Kommentare zu «Die Oase lebt»

  • ClBr sagt:

    Ohje, geezer, Sie können sich ja auch einfach den Film ansehen, statt sich an der Bar stressen zu lassen. In erster Linie war das Xenix als Kino gedacht, die Bar war eine nette Nebenerscheinung. Und das Kino ist wirklich von der Programmierung her sensationell und unterstützungswürdig. Und punkto Unhöflichkeit wird die Xenixbar von vielen andern Etablissements in Zürich schnell übertroffen. Zu guter letzt: wie man in den Wald reinruft, so tönt es zurück. Vielleicht sind Sie auch nicht der Freundllichste.

    • geezer sagt:

      wie gesagt: in der wahrnehmung, dass die bedienung an der bar nun echt keine rosen verdient, stehe ich definitiv nicht alleine auf weiter flur. das kinoprogramm ist durchaus begrüssenswert. der rest deiner argumentation spricht für sich.

  • geezer sagt:

    Xenix, die unfreundlichste ‚oase‘ in der stadt? die romantische sicht des blogschreibers verwundert mich. meiner erfahrung nach gehört der service in der bar zu den lausigsten in der stadt. und ich bin mit dieser meinung nicht alleine; siehe die kommentare der leser auf den oben erwähnten artikel im tagi:

    http://www.tagesanzeiger.ch/zuerich/stadt/dem-xenix-fehlt-geld/story/13243565

    ich persönlich kann auf solche ‚oasen‘ selbst ernannter szenis seit jahren sehr gut verzichten (szenis sind per se immer leute, die andere ausschliessen müssen, damit ihre idee von ‚gruppe‘ funktioniert. für erwachsene eher kindisch).

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