«Krawalle! Aber richtig.»

Mitten im Spass: Tourismus in Zürich muss nicht langweilig sein.

Mitten im Spass: Tourismus in Zürich muss nicht langweilig sein.

Willkommen, geliebte 1. Mai-Krawalltouristen!

Vielleicht langweilen Sie die ewigen kleinen Fussball-Auschschreitungen in ihrer Kleinstadt (Bern, Basel, etc.) und Sie wollen endlich mal wieder richtig auf die K***** hauen, oder aber Sie leiden an einem diffusen politischen Unwohlsein, dem mit einigen Steinwürfen und ein paar Containerfeuerchen abgeholfen werden muss – auf jeden Fall sind Sie am 1. Mai bei uns in Zürich richtig.

Aber Obacht! So einfach ist es nicht, bei uns an einer nicht bewilligten Nachdemo mit dem schwarzen Block teilzunehmen. Der schwarze Block der Zürcher ist (wie alle Zürcher) etwas eigen, was die Szenezugehörigkeit angeht: Sie können nicht einfach antanzen und mitmachen. Dafür braucht es eine wohlüberlegte Vorbereitung. Wir vom Stadtblog helfen Ihnen gerne mit unserem neuen Tourismus-Merkblatt:

Krawalle! Aber richtig.

Ein handlicher Führer für auswärtige Randalierer.

Abmelden
Melden Sie sich auf ihrer Heimatgemeinde für die Demo ab. Sollten Sie für einige Tage die Gastfreundschaft der Zürcher Stadtpolizei geniessen, müssen sich ihre Angehörigen und ihr Arbeitgeber (sofern Sie einen haben) keine Sorgen machen. Ein Anruf bei der Dorfpolizei und alle sind beruhigt. Ausserdem freut sich die Gemeinde, wenn Sie die in Zürich ausgesprochene Sozialdienst-Strafe in ihrer Gemeinschaft ableisten wollen.

Die praktische Burka der Autonomen: Sturmhaube.

Die praktische Burka der Autonomen: Sturmhaube.

Dresscode
Schwarz ist angesagt. Falls Sie nicht über ein gänzlich schwarzes Outfit verfügen, dürfen Sie gerne auf Military Camouflage zurückgreifen. Aus uns unbekannten Gründen haben militante Autonome ein Flair für Farben und Schnitte, die sonst nur Armeeangehörige oder polizeiliche Einsatzkommandos tragen. Aber vielleicht verbindet ja das Handwerk der Gewalt bis in die modische Wahrnehmung. Und endlich kommen Ihre teuren Markenturnschuhe doch noch ihrem eigentlichen Zweck zu Gute: Sie können rennen!

Werkzeug
Keine Angst, Sie brauchen weder Pflastersteine noch Flaschen mitzubringen. Ersteres stellt die Stadt zur Verfügung (ein handliches Stemmeisen reicht für den Gratisbezug), Zweiteres können Sie im Supermarkt an der Ecke erstehen – mit dem Vorteil, dass Sie, wenn Sie sie geleert haben, auch über den Mut verfügen, den eine lässige Konfrontation mit der Staatsmacht erfordert. Spielen Sie mit dem Gedanken, Molotow-Cocktails zu verwenden, bitten wir Sie im Geiste der allgemeinen Sicherheit, die brennbaren Flüssigkeiten bis zum Gebrauch in sicheren, verschlossenen Behältern zu transportieren. Safety first!

Anreise
Wenn Sie mit ihrem geliebten, geleasten BMW anreisen, vermeiden Sie es , mit ausserkantonaler Nummer in der Umgebung des Kreis 4 zu parkieren. Ihr Auto könnte Schaden nehmen, der nicht von ihrer Versicherung gedeckt ist. Meiden Sie dieses Jahr auch die Kreise 1 und 8, da dort, wo der Klassenfeind wohnt, die Nachdemo beginnt. Sollten Sie mit dem Zug anreisen, empfehlen wir praktische, unauffällige Reisekleidung. Wer schwarzgekleidet und mit Sturmhaube aus dem Zug steigt, wird niemals Stadtpolizisten zu Gesicht bekommen. Die im HB verantwortliche Kantonspolizei holt sich ihren Anteil an Randalierern gleich vom Zug, Hauslieferdienst sozusagen.

Dokumente
Bringen Sie auf jeden Fall ihre ID mit. Andernfalls könnte es sein, dass die Polizei Sie wieder laufen lässt, weil der Aufwand zur Personalienermittlung an diesem Tag zu hoch ist. Und dann könnten Sie nicht in die staunenden Augen ihrer Freunde schauen, wenn Sie ihnen die Anzeige wegen Landfriedensbruch unter die Nase halten wollen. Kein offizieller Eintrag würde von ihren Heldentaten zeugen. Und bringen Sie auch gleich alle Arztzeugnisse mit, die ihnen psychische Instabilität bescheinigen. Damit ersparen Sie es den Anwälten bei der Verhandlung, nach einem anderen Verteidigungsgrund zu suchen.

Grati-Erfrischung zwischendurch: Stapo-Wasserwerfer.

Gratis-Erfrischung zwischendurch: Stapo-Wasserwerfer.

Schutz und medizinische Versorgung
Übertreiben Sie es nicht mit der Schutzkleidung. Sollte ihre Jacke zu dick sein, können Sie keine blauen Flecken von Gummigeschossen vorweisen. Und wozu dann das ganze Vergnügen? Was Tränengas angeht: eine kleine Brise mit CS angereichertem Wasserwerferwasser hat noch keinem geschadet. Vermeiden Sie es, ihre Begleitung vollzukotzen, wenn ihnen übel wird. Meist nehmen die das weit ungehaltener als das Wasser der Polizei. Vor Schlagstöcken brauchen Sie sich nicht zu fürchten. Niemand schafft es aufrecht gehend in die Schlagstockreichweite der Stapo. Das sind schliesslich Profis. Lassen Sie sich nach der Demo unsachgemäss von den freiwilligen Helfern der Szene verarzten, dann könnte sogar eine bleibende Narbe von ihren Abenteuern zeugen.

Glaubwürdigkeit
Nun gilts also ernst. Sie sind innerlich und äusserlich gerüstet, dem Kapitalismus die Stirn zu bieten – oder wenigstens dem Stadtpolizisten, der an diesem Tag Dienst tut. Nur, so grundlos können Sie nicht auf die Staatsmacht losgehen, dazu braucht es komplizierte Motive. Stellen Sie sich einmal vor, einer der einheimischen Autonomen fragt Sie nach dem Grund ihrer Anwesenheit! Also, gehen Sie auf die einschlägigen Internetseiten und machen Sie sich mit den aktuellen Slogans bekannt, die Sie zwischen den Steinwürfen skandieren müssen. Sollten Sie keinen Zugriff darauf haben, oder sollte ihre Kleinstadt nicht über einen anarchistischen Stammtisch verfügen, greifen Sie auf allgemeingültige, altbewährte Parolen zurück:

«Aufruhr, Widerstand, es gibt kein ruhiges Hinterland!»

«Hoch die internationale Solidarität!»

«Wo-Wo-Wonige!»
(Ein Klassiker, der dieses Jahr ein Revival erleben wird)

und für Secondos aus dem lateinischsprachigen Raum (Italos, Spanier, Franzosen etc)

«El pueblo unido, jamás será vencido!»

Verhaftung
Sollten Sie es verpasst haben, mit all den anderen Krawallisten eingekesselt und in die Massenzelle gesteckt zu werden, steht Ihnen natürlich noch die spezielle Sonderbehandlung offen. Gehen Sie auf einen Polizisten zu, stellen Sie Augenkontakt her und sagen Sie langsam und deutlich: «Sie faschistisches Unterdrückerschwein!» Sofort werden Sie echte Handschellen (nicht diese Plastikbinder) und eine geräumige Einzelzelle mit ärztlicher Erstversorgung zur Verfügung haben.

Souvenirs
Da viele unserer geschätzten Krawallgäste aus gutsituierten Mittelstandsfamilien kommen und auch noch etwas jünger sind, ist ein Mitbringen von Souvenirs für die angestrebte «Street Credibility» unabdingbar. Neben oben erwähnten blauen Flecken, Tränengas-Augenentzündungen, Verzeigungen und schlecht verheilten Schürfnarben von angetrunkenen Stürzen empfehlen wir, den einen oder anderen Mercedes-Stern oder Autorückspiegel abzubrechen. Auch einzelne Gummigeschosse eignen sich perfekt. Sie können später modisch am Silberkettchen um den Hals getragen werden und zeugen vom Mannbarkeitsritual in Zürich.

Wir wünschen Ihnen viel Spass und Unterhaltung am diesjährigen 1. Mai. Kehren Sie voller spannender Eindrücke und erlebten Abenteuern zu Ihren Lieben heim.