Afro-Pfingsten: Ethno-Romantik & Tösstal-Gras

Glasperlen für die Eingeborenen von Winterthur.

Glasperlen für die Eingeborenen von Winterthur.

In einer Woche besucht Mama Afrika, wie jedes Jahr, Winterthur.

Ich liebe die Afro-Pfingsten in Winti. Nicht wegen des meist sehr guten LineUps, sondern wegen des nostalgischen Effekts, den dieses Festival jedesmal auf mich hat. Für mich sind die Trommel-Workshops, die traditionellen afrikanischen Tanz- und Töpferkurse und die hübschen Babys in bunten Tragetüchern eine Reise in die frühen Neunziger, eine Reise in die eigene Naivität.

Wehmütig erinnere ich mich an meine eigene Ethno-Romantik aus der Zeit, als ich noch glaubte, wenn alle nur genug kifften und trommelten, käme die Welt schon wieder in Ordnung. Damals wollte ich, wie jeder echte «Rastafar I Zion Lion»,  zurück nach Afrika, zurück in die Wiege der Menschheit. Ich wusste nicht genau, wohin in Afrika, aber wen kümmern schon solch schnöde Details, wenns um Grosses geht.

Und nicht nur Afrika und Jamaika sind dieses Jahr in Winterthur zu Gast. Mit der Latin-Night steigen Erinnerungen an meinen Salsa-Tanzkurs in den Neunzigern auf – und die darauf folgenden Versuche, mich in der Latino-Szene zu etablieren. Wie ich damals verschämt in der Ecke stand, während meine unheimlich emanzipierte Angebetete ihre Freude an einer etwas sexistischen Macho-Tanzkultur entdeckte. Und wie sie sich Wochen später bei mir wegen ihres Latinlovers ausweinte. Aber das ist lange her. Inzwischen kann ich wieder ganz ohne Bitterkeit Manu Chao hören. Für Salsa reichts noch nicht.

Aber dieses Jahr passt selbst die Musik zu meinen nostalgischen Gefühlen. Dieses Jahr spielt zum Beispiel Jimmy Cliff, schon 1989 eine Ikone, daneben Toure Kunda, Ethno-Pop meiner Jugend, und selbst der grösste aller Namen, Marley (MARLEY!), ist mit einem von Bobs (gefühlten) 127 Söhnen präsent.

So werde ich an Pfingsten über den World-Bazar in der Winterthurer Altstadt schlendern, mir schöne, bunte afrikanische Stoffe anschauen, dem Duft von Tösstal-Gras nachschnuppern, überteuerten afrikanischen Schmuck aus Holzperlen kaufen und die blonden Dreadlocks der bleichen Mädchen aus dem Umland bewundern. Vielleicht gehe ich sogar barfuss!

Und als etwas fauler, aber weltoffener Mitteleuropäer, werde ich froh sein, dass meine afrikanischen Wurzeln zu mir kommen – und ich sie nicht mehr jenseits von Winterthur suchen muss.

Reda El Arbi

30 Kommentare zu «Afro-Pfingsten: Ethno-Romantik & Tösstal-Gras»

  • Ursula sagt:

    Afro- Pfingsten steht bei uns seit einigen Jahren schon fix in der Agenda! Wir mögen die afrikanische Kultur, die Musik, die Farben und die Leute…zudem probieren wir gerne fremde Spezialitäten aus! 🙂 Wir freuen uns jetzt schon auf Pfingsten! 🙂

  • Haile sagt:

    Ja, Afro-Pfingsten sind kitschig. Genauso wie ein schweizerisches Trachten- oder Schwingerfest. Und ja, es hat mit „Afrika“ wenig zu tun. Denn wo in Afrika gibt es Feste wo Afrikaner aus verschiedenen Ländern des Kontinents zusammenkommen, ihre eigene Kultur und Küche präsentieren und die der anderen kennen lernen? Man muss sich nur ein „europäisches“ Fest in Afrika vorstellen, wo es schweizerisches Raclette neben russischen Pelmeni gibt… wo griechische und samische Trachtengruppen ihre Tänze vorführen… wo böhmisches Kristallglas und Brüsseler Spitzen feilgeboten werden. Auch dieses Fest wäre kitschig und es wäre wohl auch nicht mit traditionellen Festen in Europa zu vergleichen. Aber das alles ist Europa. Afrika ist noch viel grösser und diverser.

    Ausserdem sind die Afro-Pfingsten ein „Heiratsmarkt“ wie jedes andere Fest auch – nicht mehr und nicht weniger.

    Ich finde die Kritik der meisten Kommentatoren hier sehr oberflächlich und ungerechtfertigt.

  • R. Hess sagt:

    Ist schon so, ist alles Ethno Kitsch. Genau dasselbe bei den Thailändischen Festen, z.B Thai Grand Festival am HB, etc. (alles nur Kitsch !!) Ich reise gerne in Asien, Thailand, etc. Aber ich meide meistens die Thailänder die hier leben, oder gehe sehr selten im thailändischen Restaurant essen, weil es einfach nicht authentisch ist. Und die Thailänder die hier leben, sind sehr westlich orientiert. Es gibt nur eins: Ab in den Flieger und tschüss 🙂

  • rosemarie sagt:

    ich geh wenns geht jedesmal hin – hab den Afrikavirus seit 40 Jahren – aber hab noch keinen Mann gefunden u. Babies gabs auch keine ….. mal wohl was falsch !

    • rosemarie sagt:

      ich geh wenns geht jedesmal hin – hab den Afrikavirus seit 40 Jahren – aber hab noch keinen Mann gefunden u. Babies gabs auch keine ….. mach wohl was falsch !?

  • Sarah Ziane sagt:

    Habe mich prächtig amüsiert über den Artikel, schöner Aufsteller des Tages. Noch mehr lachen konnte ich als ich die Kommentare gelesen habe. Man liebt Afrika oder nicht, so ist das halt…also ich für meinen Teil liebe mein Nordafrika, wie auch den Rest des Kontinentes sehr…da können auch die negativen Schlagzeilen nichts ändern :-p

  • Christian Duerig sagt:

    Kitsch, so weit das Auge reicht. Hoffentlich spielt das Wetter mit, damit die Armen doch noch einen Brotkrümmel verdienen. Aussteiger, bitte steigt ein. Der Trip kann……

  • Rolf Schumacher sagt:

    Afropfingsten

    Ist archaische Vibration, welcher sich über die Fusssohlen, den Unterleib bis mitten in den Solarplexus hochklaut und einen tornardoartig aus dem Alltag hievt und dies bereits weit bevor man das Festgelände betritt.
    Ist beissend vitaler Fisch-Fleisch und Gewürzrauch der einem in dicken Schwaden entgegenschlägt und das ganze Festgelände von bösen Neidgeistern säubert.
    Ist zwar bebendes babylonisches Stimmengewirr, aber ganz ohne grössenwahnsinnigen Turmbau.
    Ist kokette, dicke Farbenpracht auf Haut, Haar und Kleid.
    Ist bald wirbelnder Tanz im schwülstigsten Dschungel, dann Sufimeditation auf den Dünen der Sahara, mal Gettowut aus Soweto, dann wieder friedlich karibischer Rocksteady.

    Jawohl Afropfingsten auch dieses Jahr und von griesgrämigen Xenophobikern lässen wir uns den Spass erst recht nicht vergällen.

    Dass Afrika und andere devisenschwache Länder von alten Herren mit dickem Portemonnaie ausgebeutet werden stimmt. In I und E siehts nicht anders aus. Aendern kann ich das nicht, deshalb kümmert das mich auch nicht an Afropfingsten, ich will da einfach eine unbeschwerte, lockere Zeit haben.

  • Martin sagt:

    Wunderbarer Text! Ich sehen mich in diesem gespiegelt und verstanden.

  • Micha sagt:

    „Vielleicht gehe ich sogar barfuss!“
    Hach, dieser Text ist sehr toll…

  • Sina Lehmann sagt:

    und 9 Monate später kommen die Babies!

  • Dieter Bachmann sagt:

    Ja, die frühen Neunziger, als Afro-Pfingsten noch Ethno-Romantik bedienen konnte. Inzwischen ist ja der Bahnhoif Winterthur 365 Tage im Jahr afrikanisch geprägt, unsere S-Bahnen sind eigentliche rollende ethnographische Sammlungen, und Nostalgie käme wohl eher auf, wenn jemand auf die Idee käme, „Helveto-Pfingsten“ zu organisieren, zum Andenken daran, dass wir selber ja auch einmal eine Identität hatten. Oder gehört derartige Vor-Schmelztiegel-Ethno-Romantik zusammen mit Frakturschrift, Phrenologie und Jeremias Gotthelf einfach nur auf den Komposthaufen der Geschichte?

    • Reda El Arbi sagt:

      Welche Identität meinen Sie? Die gälische? Die germanische? Die römisch-lateinische? Die mit Napoleon eingewanderte französische? Die welsche? Wir waren schon immer ein Schmelztiegel der Kulturen. Nur scheint sich niemand, der auf eine Schweizer Identität pocht, auch für Schweizer Geschichte zu interessieren. Was Sie meinen, ist die im 2. Weltkrieg künstlich und bewusst zusammengezimmerte Nationale Identität, die unsere damaligen Politiker der Angst vor dem Krieg entgegenhielten.

      • Reda El Arbi sagt:

        „Helvetia“ hat übrigens einen lateinischen Wortstamm.

        • Richi sagt:

          Ich finde es schön, wie Sie in Ihrem Blog, immer die Leute schulmeisterlich zurechtweisen, weiter so! Übrigens die „nationale Identität“ wurde schon vor und während dem I. WK zusammengezimmert: Lesen bildet, muss ich Ihnen ja nicht erzählen.

    • Herbert Berger sagt:

      Ja was? Sie HATTEN mal einen Identität? Und heute nicht mehr? Das hat aber weniger mit den Afrikanern im Land (und der S-Bahn) zu tun, als mit ihrem Minderwertigkeitskomplex. Sie meinen wohl, bloss weil um sie herum nicht alle genau gleich aussehen, genau gleich ticken und genau gleich angezogen sind wie sie, dass sie dadurch ihre Identität verloren hätten. Dabei scheint sich ihre Identität darauf abzustützen, dass um sie herum alle genau gleich sind. Das ist aber keine Identität, das ist Uniformismus. Und Schwäche.

    • Andreas kaufmann sagt:

      Ja, richtig erkannt: Die Vor-Schmelztiegel-Ethno-Romantik gehört auf den Komposthaufen der Geschichte, weil sie etwas mit „Reinheit der Rassen“ zu tun hat, und die kann niemand ernsthaft wollen.
      Wer gern Helvetia feiert, der geht an einen Banntag, einen Auffahrtsritt oder sonst einen Brauchtumsanlass. Dort gibt es dann halt Trachten und bestenfalls ein Kafi Träsch, aber keine goldbraunen Tänzerinnen und Caipirinha. Meine These: Die Frauen und die exotischen Drinks (die so schön Ferienstimmung aufkommen lassen…) sind der Grund, warum die Schmelztiegelfeste so beliebt sind – gerade auch bei Helveto-Romantikern.

      • Peter Brunner sagt:

        Die Hörnli waren letztes Jahr super gut. und günstig. Werbung nährt auch….Danke bis zum nächsten mal.

  • Herbert Berger sagt:

    Als mit einer echten Afrikanerin verheirateter Schweizer Bünzli, der Afrika relativ gut kennt und schon des öfteren dorf war, ist Afro-Pfingsten einfach nur ein Etno-Kitsch. Diese Veranstaltung hat mit Afrika etwas so viel zu tun, wie die Karl May-Festspiele mit den echten Indianern.

    Der Text ist übrigens toll geschrieben und trifft es ziemlich genau.

    • rolf wittwer sagt:

      ..ja-ja, die afrikanische Kultur , und ihre bunten Kleider, die Holzelefäntli und die tolle Musik….tolle glänzende dunkelbraune Muskeln und schneeweisse Zähne…! Sina Lehmann hat wenigstens einen Teil der Realität (9 Monate!) erfasst.
      Bin in der gleichen Lage (kenne Afrika seit 1979) wie Sie, Herr Berger! Durch die Realität, wie ich (und sicher viele andere auch) sie praktisch täglich erfahre, muss ich Ihre Äusserung bezüglich Kitsch vollumfänglich bestätigen.
      Muss Ihnen zustimmen, obwohl Sie im letzten Satz eben diesem Kitsch scheinbar doch unterliegen.
      Es ist und bleibt ein Fest von Afrikanern für Afrikaner.

      • Reda El Arbi sagt:

        Dann darf ich ja hingehen 🙂

        • Hat ein Afro-Festival den Auftrag Afrika 1:1 zu kopieren??? Es handelt sich bei Afropfingsten um eine Worldmusic Festival in Winterthur und nicht um ein Volksfest in Burkina Faso. Also ich werde hingehen, auch wenn ich kein Afrikaner bin, und ich denke, dass darf ich auch 🙂

        • Sarah Ziane sagt:

          Und wieder mal Salsa tanzen, so schwierig kann das ja nicht sein 😉

  • Konrad Bolt sagt:

    Ich finde Afropfingsten einen der schönsten Anlässe des Jahres. Ich gehe jedes Mal mit Begeisterung nach Winterthur und schaue mir die fröhlichen Menschen mit ihren bunten Kleidern an. Mich fasziniert Afrika mit ihrer Kultur.

  • Andi Theke sagt:

    Grossartiger Text!

  • Carlo Fratini sagt:

    Afro-Pfingsten = Heiratsmarkt!!

  • Kottan sagt:

    Das kann man einfach mal so stehen lassen.

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