Das Spiel mit dem Feuer

Ewa Hess am Dienstag den 26. Mai 2015

Also doch. Am Freitag haben die venetianischen Stadtbehörden die als «Isländischer Pavillon» deklarierte Installation «The Mosque» des Schweizer Künstlers Christoph Büchel geschlossen. Nach zwei Wochen der Diskussionen und staatlichen Kontrollen nach Anzeigen, teilte die Stadtverwaltung von Venedig am Donnerstag den Verantwortlichen des Icelandic Art Center und der Biennale mit, dass die Genehmigungen für den isländischen Pavillon zurückgenommen wurden. Am Freitag verweigerte man den Gebetswilligen den Zugang. Spielte Büchel mit seiner Installation willentlich mit dem Feuer?  Natürlich – darin liegt das Wesen seiner Kunst.

Nachdem ich im Beitrag «Inside Venedig» schon kurz über die Eröffnung des Kunstprojekts berichtet habe – ich war dort und die Feier hat mich echt bewegt – , will ich, liebe  Leserinnen und Leser von Private View, nochmals auf «The Mosque» zu sprechen kommen. Der Fall ist interessant. Es geht um Sachen, die uns alle angehen: Unseren Umgang mit der Religion, dem interkulturellen Dialog, und auch um unsere Bereitschaft, die liberalen Tendenzen des Islams zu stärken. Eine politische Kunst hat der Biennale-Leiter Okwui Enwezor gefordert. Etwas ist sicher: Christoph Büchels «The Mosque» löst diese Forderung besser als die beiden Haupt-Ausstellungen der Biennale ein.

Hier eine kleine Zusammenfassung der Ereignisse:

Der Auftrag Anfang 2014 erhält der Schweizer Künstler Christoph Büchel, der seit sieben Jahren in Island lebt und mit einer Isländerin verheiratet ist, den Auftrag, den isländischen Pavillon solo zu bespielen. Die Ernennung des Schweizers sei eine «Geringschätzung» isländischer Künstler, giftelt der Künstler Steingrimur Eyfjord.

Chrstoph büchel und «seine» Kirche Sta Maria della Misericordia am Campo de L'Abazia

Christoph Büchel und «seine» Kirche Sta Maria della Misericordia am Campo de L’Abazia.

Die Idee Man kennt Büchel. Seine Projekte zielen immer in die Mitte einer schwelenden sozialen Unruhe. In Venedig, der traditionallen Pforte zum Orient, sind die islamischen Kultureinflüsse auf Schritt und Tritt anzutreffen. Büchel erfährt bei seiner Recherche, dass es im historischen Zentrum der Stadt trotzdem nie eine funktionierende Moschee gab. Voilà – das ist eine Aufgabe nach seinem Gusto. Nur – und das ist der provokative Teil seines Beitrags – diese Kunst-Moschee soll in einer katholischen Kirche eingerichtet werden.

Die Suche Büchel und die Mitarbeiter des Isländischen Art Center, welches den Pavillon kuratiert, laufen sich die Füsse wund, um eine Kirche, die im Geiste einer allumfassenden Ökumene mitmachen würde, zu finden – vergeblich. Die Biennale-Leitung sieht keine Chance, das Projekt zu verwirklichen und rät ab. Büchel gibt nicht auf.

Eine Rede im perfekten Italienisch:

Eine Rede in perfektem Italienisch: Mohamed Amin Al Ahdab, Architekt und Präsident der Islamischen Gemeinde von Venedig, spricht zu seinen Schäfchen sowie den Kunst-Aficionados an der Eröffnung am 8. Mai.

Der Fund Ganz spät findet sich die Kirche: die Santa Maria della Misericordia de L’Abazia, Anfang der 70er-Jahre privatisiert und  desakralisiert (die Gegener behaupten zwar, der Akt der Desakralisierung habe nicht stattgefunden, doch die Isländer haben Belege). Die ehemalige Kirche wurde bisher als Lagerraum gebraucht und kann gemietet werden.

Die Implementierung Schnell macht Büchel Nägel mit Köpfen: Er richtet die Kirche als eine Moschee ein, mit Teppich samt aufgemalten Gebetsnischen, orientalischem Lüster, Koransprüchen über den Türen, einer Mihrab-Nische, welche die Gebetsrichtung anzeigt und einem LED-Display mit aktuellen Gebetsstunden.

Die islamische Gemeinde Venedigs strömt in «ihre» neue Moschee, im «Lädeli» verkauft man ein Arabisch-Lehrbuch, die «fratelli maroccani» intonieren Allah Akhbar an der Eröffnung

Die islamische Gemeinde Venedigs strömt in «ihre» neue Moschee, im «Lädeli» verkauft man ein Arabisch-Lehrbuch, die «Fratelli Maroccani» intonieren Allah Akhbar an der Eröffnung.

Die Eröffnung Diese gerät am Freitag, dem 8. Mai, zu einer herzerwärmenden Feier der Verbrüderung.  Mohamed Amin Al Ahdab, ein Architekt und Präsident der Islamischen Gemeinde von Venedig, dankt in einer bewegenden Rede in perfektem Italiensich für die «Magie der Kunst», welche die «Herzen der Muslime» erleuchte. Er drückt die Hoffnung aus, dass die temporäre Nutzung der Moschee während der Biennale in einer Erlaubnis für einen permanenten Betrieb enden wird. Al Ahdab sagt auch Folgendes: «Island, das Land des Eises und der Steine, hat Venedig gewärmt. Es hat dieses architektonische Juwel vom Staub befreit und es in einen Ort des Lebens verwandelt. Es war einst eine Kirche, ist jetzt eine Moschee, doch es bleibt ein Ort, wo wir alle zum gleichen Gott beten, er möge uns Frieden schenken». Dann sprechen der Reihe nach: ein Imam von Venedig, der Oberhaupt der isländischen Islam-Gemeinde (ein ehemaliger Hippie), ein italienischer Funktionär, ein katholischer Priester, die Botschafterin Pakistans und weitere lange Reihen von Menschen, die hier aufzuzählen ich nicht mal Platz hätte. Manche Männer beten vom ersten Moment an. Frauen fühlen sich auf ihrer Empore wohl, Kinder kreischen. Das Kunstvolk zieht folgsam die Schuhe aus.

"The Mosque": Innenansichten mit Lüster, Koransprüchen und Frauenempore

«The Mosque»: Innenansichten mit Lüster, Koransprüchen und Frauenempore

Die Proteste beginnen sofort nach der Eröffnung und kulminieren in einer Anzeige, die der streitbare venetianische Kunsthistoriker Alessandro Tamborini  erstattet. Er weigert sich, beim Besuch der «Mosque» seine Schuhe auszuziehen mit folgender Argumentation: Da es sich um einen Pavillon der Biennale handelt, könne es sich nicht um einen Kultort handeln. Wenn es aber ein Kultort ist, wäre es kein islamischer, für den man die Schuhe ausziehen müsste, sondern ein katholischer. Die offiziell lutherische Republik Island könne eine katholische Kirche nur widerrechtlich usurpieren und daraus eine Moschee machen. Tamborini erstattet auch Anzeige gegen den isländischen Aussenminister, der die «Schändung» einer katholischen Kirche durchführen liess.

Schuhtrageverbot in «The Mosque», die erste islamische Predigt, die Gläubiger

Schuhtrageverbot in «The Mosque», die erste islamische Predigt, die Gemeinde

Die Schliessung Die Stadtverwaltung schliesst um der Ruhe willen zwei Wochen nach der Eröffnung, am Freitag, dem 22. Mai, Büchels «Mosque». Unter dem formalistischen Vorwand, dass die Maximalzahl von Besuchern überschritten wurde. Das befriedigt weder die Gegner, die ein Exempel statuieren wollten, noch die Organisatoren, die auf eine offene Diskussion über den Umgang mit den Grundrechten der islamischen Minderheit in Italien hofften.

Eine kleine Provokation vielleicht doch: Die Inschrift über der Eingangstüre der Kirche sagt: «Sacrosanctae Vaticanae Basilicae Perpetuo Aggregata», also für ewig dem Vatikan zugeordent. Immerhin aber ist die Kirche privat, sie funktionierte schon vor der Moschee nicht als Kirche. Rechts: Die neue Inschrift

Die Inschrift über der Eingangstüre der Kirche sagt: «Sacrosanctae Vaticanae Basilicae Perpetuo Aggregata», also für ewig dem Vatikan zugeordent. Rechts: ein Koranspruch im Inneren der Kirche

Die Polemik: Es regt sich allmählich auch in den Kunstkreisen Kritik. Büchel spiele mit dem Feuer, heisst es, er provoziere eine mediale Schlammschlacht, die auch islamische Fanatiker alarmieren könnte (wohin das führen kann, hat uns Paris jüngst aufs Traurigste vorgeführt). Indem er darauf bestehe, seine Aktion in einer Kirche zu inszenieren, riskiere er verletzende Bemerkungen und befeuere eine Hetze gegen just die Menschen, bei deren Integration er helfen wollte.

Das Gegenargument: Ganz abgesehen von allen kunstimmanenten Betrachtungen (z.B., dass das Nachdenken über die kontroverse Anlage des Kunstwerks den eigentlichen gesellschaftliche Mehrwert darstellt):  Es ist immerhin erstaunlich, dass die islamische Gemeinde Venedigs sich derart dem ganzen Kunst-«Betrieb» so geöffnet hat und die internationale Kunstgemeinde in ihrer Mitte mit offenen Armen empfangen hat. Jede Bestrebung, die den offenen, modernen Islam unterstützt und in den internationalen Kontext integriert, ist Gold wert. Und wem die Vermischung von Kunst und Religion nicht geheuer ist, wird höflich gebeten, in jede andere Kirche Venedigs einen Abstecher zu machen, wo die grössten Kunstwerke der abendländischen Kunst von Touristenmassen bestaunt werden, während alte venezianische Omas inbrünstig beten.

15 Kommentare zu “Das Spiel mit dem Feuer”

  1. Carolus-Bernardus sagt:

    Ja, so läuft es halt! Nicht nur an der Biennale in Venedig. Verengte kognitive Wahrnehmungen gab es schon immer und wird es vielleicht immer wieder geben. Bereits die französische Revoliution hat, kaum waren die Freiheitsrechte verkündet, teilweise ihre eigenen Kinder auf das Schafott geführt. Im 20. Jahrhundert geben sich nicht wenige namhafte Intellektuelle, geblendet durch eine etwas einseitige und verzerrte Wahrnehmung, gewaltig Mühe, mit viel Fantasie und bestechenden Ideen das Leiden von Millionen vonr Menschen, welches nicht in ihre Sichtweise passte, hinwegzuerklären, dies im Namen des Fortschritts. Die Verbrechen von Gealtherrschern, die sich als “Befreier” darboten, wurden von angesehenen Professoren, Literaten oder Medienschaffenden teileise im Zeichen des Frotschritts und des anbrechenden Humanismus gesehen und dargestellt.

  2. Yves Martin sagt:

    Ja, Kunst ist göttlich. In Italien sowieso. Wie Giordano Bruno oder Galileo Galilei. Noch früher Dante Alighieri. Aber an welchen gemeinsamen Herrgott sollten wir uns denn wenden? ‘Dieses höhere Wesen – das wir alle verehren’ – in den Schnipseln von Böll. – Oder einfach Friedrich Nietzsche nehmen: Gott ist tot? Existenzialistische Kunst. Oder etwa bei Sartre nachfragen, wo er nun sitzen täte – in Venedig (Venice) etwa?

  3. François-Marie Arouet sagt:

    Wie hätte man dort den grossen Religions-Kritiker Voltaire empfangen? À la Gaga? Oder den grossen Naturalisten Rousseau. Beide aus Paris – der Stadt des Lichts (Lutetia) – extra angereist. Hätten die dort sprechen dürfen. Egal ob französisch, lateinisch oder italienisch? Fragen über Fragen …

  4. AndréGeorgesSimmen sagt:

    Lasst uns darüber reden. Es ist unwichtig ob das Kunst ist oder nicht, unwichtig ob richtig oder falsch. Der interreligiöse Austausch ist der Weg zum Frieden und zur Freiheit. Wenn wir nebeneinander sitzen und ins Leere schauen öffnet sich unser
    Geist.

  5. Rene Bitterlin sagt:

    Dass Künstler schon immer aktuell und politisch/religiös waren, haben viele von ihnen mit Verbot,Tod oder Vertreibung bezahlt. Die ‘Generation Beuys’ weiss das, die IT-Y-Jugend kann nur ‘Geld machen’ und Abschottung, die katholische Kirche sowieso ! Die Heuchelei vertreibt den Humanismus – Stand Menschheit Mai 2015 !

  6. ri kauf sagt:

    Also ich weiss nicht was diese Aufregung seitens gewisser “Christen” soll. Sollen doch die Muslime in einer Kirche beten dürfen. WARUM denn nicht? Wir sind alle “Kinder Gottes”. Umgekehrt wäre das natürlich auch wünschenswert. Am besten wäre es doch, wenn alle zusammen (Juden, Christen, Muslime) im selben sakralen Raum beten würden. Und: Die Argumente des Herrn Tamborini sind an den Haaren herbeigezogen. Man kann immer alles ins Negative kehren, wenn man will. Ich finde es gut Frau Hess, haben Sie hier mit dem Thema quasi nachgedoppelt.

  7. Cihan Yildirim sagt:

    Für alle die hier über angebliche Intoleranz jammern:

    Versuchen Sie mal in einem islamischen Land eine Moschee als Kirche zu nutzen. Falls Sie es überleben ohne dass Sie einen Kopf kürzer sind haben Sie grosses Glück gehabt. Es ist interessant wie man hier für Toleranz für den Islam wirbt während gerade in sunnitischen Gebieten jegliche religiösen Mindeheiten massakriert, vergewaltigt und zwangsislamisiert werden. Ein bisschen die Augen öffnen würde gut tun.

    • Ewa Hess sagt:

      Lieber Leser, Sie verwechseln hier eindeutig etwas – die islamische Religion mit dem islamischen Fundemantalismus bzw militanten, bzw terroristischen Fundamentalismus. Darum ist es doch so wichtig, die Offenheit Islams zu unterstützen. Diese Menschen, die ich in Venedig gesehen habe, hatten mit den Kopf abschlagenden Unmenschen nichts gemeinsam. Sie waren friedlich und bereit zur Diskussion und hatten nur Sehnsucht nach einem Ort, wo sie den Herrgot auf ihre Art loben können.

    • Irene feldmann sagt:

      Da stimme ich Ihnen bei.

  8. Urs Kym sagt:

    Wenn es um das “Spielen mit dem Feuer” ginge, wäre der umgekehrte Weg noch viel provokanter gewesen, oder, um das Ganze noch zu weiter zu steigern – die Umwandlung einer Moschee in eine Synagoge. Aus historischer Sicht ist der Event sowieso nicht so spektakulär, denn auch die Hagia Sofia in Istanbul und die Ummayyaden-Moschee in Damaskus waren Kirchen (und vorher sogar ein röm. Tempel). Und unter diesem Gesichtspunkt ist, angesichts der hist. Vorbilder, die “Öffnung der islam. Gemeinden” nicht so bemerkenswert, um so mehr, dass es hier ja auch um den über das Christentum triumphierenden Islam geht.

    • Ewa Hess sagt:

      Lieber Herr Kym, ein Triumph oder Sieg wurde zumindest an der Eröffnung keinesfalls gefeiert. Im Gegenteil, es war eine Verbrüderung. Ein italienischer katholischer Priester sprach im Reigen der Festredner und das Projekt wurde als temporär deklariert – es geht darum, zu zeigen, dass die Existenz einer Moschee nicht grundsäztlich «gefährlich» sein muss.

  9. Annika Müller sagt:

    Jedes andere Kunstprojekt, das verlangt hätte, dass Besucher die Schuhe ausziehen, wäre wohl akzeptiert worden. Für Künster und Kunstkenner, die vorgeben, die tolerantesten Menschen zu sein, ein Armutszeugnis.

    • Ewa Hess sagt:

      Liebe Frau Müller, es haben alle Beuscherinnen und Besucher der «Moschee» brav die Schuhe ausgezogen, seien Sie versichert. Der im Beitrag erwähnte Herr Tamborini handelte als katholischer Protestant. Seine Weigerung, Schuhe auszuziehen, war programmatisch. Freundlich grüsst Ewa Hess

  10. Reisender sagt:

    Kunst könnte auch Geschichte schreiben. Die katholischen Fundamentalisten haben einen Zwischensieg errungen – aber die Zeit wird kommen wo die leeren “Landeskirchen” eine neue Verwendung kriegen – oder man reist sie ab, da niemand den Unterhalt bezahlen will. Kirchen wurden schon zu Hotels umgebaut, warum nicht zu einer Moschee? Moslems werden in Europa weiter zunehmen, bei den Christen ist es die andere Richtung.