Die Geister, die ich rief …

Hat mit ihrer Klage viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen: Jacqueline de Quattro. (Foto: Keystone)

Das Buch ist kritisch, doch alle Fakten waren bekannt. Der Autor hat sie lediglich komprimiert und liefert in einer Art «politischem Pamphlet» seine Analyse. Nach einer Enthüllung oder einem Skandal sucht man vergebens. Trotzdem hat die Waadtländer Jacqueline de Quattro (FDP) gegen den Titel «Eine Staatsrätin sollte das nicht sagen» geklagt und ein Publikationsverbot erwirkt. Eine absolute Rarität in der Schweizer Politik, wo ohnehin wenig politische Bücher erscheinen.

Den Verlag Attinger und Autor Fabien Dunand ärgert die Niederlage vor Gericht. Jacqueline de Quattro verspürt Genugtuung. Doch sie scheint ein Phänomen ausser Acht zu lassen: Den sogenannten Streisand-Effekt. Von diesem Effekt spricht man, wenn jemand Informationen zu unterdrücken versucht, am Ende aber plötzlich feststellen muss, dass er damit die Informationen in der Öffentlichkeit noch bedeutsamer macht, als sie eigentlich sind.

De Quattro provoziert den Streisand-Effekt

Der Streisand-Effekt geht auf eine Intervention der US-amerikanischen Sängerin Barbra Streisand zurück. Diese verklagte 2003 einen Fotografen, weil dieser Tausende Luftaufnahmen von der kalifornischen Küste veröffentlichte, unter denen Streisands Anwesen zu sehen war. Die Sängerin ahnte nicht, dass die halbe Welt erst und nur aufgrund ihrer Klage erfahren sollte, dass sie an der kalifornischen Küste eine Villa besitzt. Genau das passierte nun. Das Foto wurde im Internet rasend schnell und millionenfach herumgereicht. Am Ende unterlag Barbara Streisand vor Gericht auch noch, weil der Fotograf argumentiert hatte, er habe für ein Magazin lediglich die Erosion der Küste dokumentieren, nicht aber Streisands Wohnsitz enthüllen wollen.

Das Buch über Jacqueline de Quattro hat der Verlag gemäss eigener Angaben rund 600-mal gedruckt. Das ist eine Mini-Auflage. Wer an eine Verkaufssensation glaubt, druckt ein paar Exemplare mehr. Doch die Aussichten für den Verlag sind gut. Durch die Klage und das Publikationsverbot steigt das Interesse nun. Das Buch geistert jedenfalls ständig durch die Westschweizer Medien. Man kann sich vorstellen, was dies beim Publikum auslöst. Viele Bürger wollen für sich das Rätsel lösen, warum das Buch verboten wurde und ob der Gerichtsentscheid gerechtfertigt ist. Und damit bekommen auch die im Buch genannten Fakten plötzlich eine Bedeutung, die sie ohne Publikationsverbot nie bekommen hätten, und die Leserinnen und Leser überhöhen sie am Ende noch.

Früher oder später wird das Buch erscheinen

Ihnen ist jedenfalls egal, dass der Anwalt von Jacqueline de Quattro vor dem Bezirksgericht Vevey ausführte, nicht der Buchinhalt sei das Problem, sondern die Aufmachung, denn das Cover wirke so, als hätte die Staatsrätin bei der Entstehung mitgewirkt. Juristische Argumente interessieren vorab Juristen, erreichen den Normalbürger aber nicht. Und damit hat die Staatsrätin genau das Gegenteil von dem ausgelöst, das sie mit ihrer Klage mutmasslich bezwecken wollte: Das Buch und seine Fakten vor ihrer Kandidatur für den Nationalrat aus der Welt zu schaffen.

Das Buch wird eines Tages erscheinen. Das haben Verlag und Autor bereits angekündigt. Die Frage ist nur noch wann und in welcher Aufmachung. Der Verlag kann das Urteil der nächsten Gerichtsinstanz abwarten oder aber seine Druckmaschinen schon heute wieder starten und ein Buch mit neuer Gestaltung drucken. Liegen die Bücher dann in den Buchläden, umgibt sie ein Mythos. Der Mythos des Geheimen und Verbotenen.