Was ist das für ein Lachen?

Politblog

So war das nicht vorgesehen: Motti (Joel Basman) verliebt sich in Laura (Noémie Schmidt). Foto: PD

Der Film ist ein Publikumshit, so wie vor sechs Jahren das Buch. «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse» handelt von einem jungen Mann in einer orthodoxen jüdischen Gemeinde, von deren Regeln er sich im Laufe der Geschichte befreit. Das ist manchmal schmerzhaft und traurig, aber auch spannend, faszinierend und lustig. Eigenheiten der strenggläubigen Juden werden auf übertriebene Art dargestellt.

Es gibt Leute, die finden das nicht lustig. Ihm seien Juden, die Witze über Juden machen, verleidet, schreibt ein Redaktor der «NZZ am Sonntag». Er sei nicht sicher, ob man aus der Beliebtheit des Films für die gesellschaftliche Stellung der Juden positive Schlüsse ziehen könne, und dass der Film Toleranz und Verständnis gegenüber den Orthodoxen fördere, bezweifle er. Allerdings: Buchautor und Filmemacher hatten wohl nicht die Mission, die Toleranz zu fördern. Sondern eher den Anspruch, zu unterhalten und künstlerischen Kriterien zu genügen.

Doch die Frage ist erlaubt: Darf man Witze machen über Juden? Überhaupt: Darf die Mehrheit über Minderheiten lachen? Ich fragte einen in Zürich lebenden Juden, gläubig, aber nicht orthodox, wie Buch und Film auf ihn wirkten. Er findet beides unterhaltsam, auch wenn er meint, dass manche Pointen auf sehr abgestandenen Klischees beruhten. Was er aber sagte: Das Kinopublikum habe nach seinem Empfinden zu laut gelacht, manche hätten sich beinahe gekugelt vor Lachen. Er konnte das nicht richtig deuten.

Minderheiten dürfen Minderheiten parodieren

Was war das für ein Lachen? Ein wohlgesinntes, liebevolles? Eines, in dem die Erleichterung des Tabubruchs mitschwingt? Endlich darf man über Juden lachen, und erst noch öffentlich? Wäre das Publikum ausschliesslich jüdisch gewesen, hätte sich diese Frage nicht gestellt. Der Mann hätte das Lachen einordnen können, oder auch das Schweigen. Wie in einer Familie, in der man sich gegenseitig auf die Schippe nehmen darf, in der man sich ironisch äussern kann über die Gemeinschaft oder einzelne ihrer Mitglieder. Weil man sich selber immer ein Stück weit mitmeint.

Beim Witzeerzählen sei entscheidend, wer den Witz erzählt und aus welchem Grund, sagte Sigmund Freud. Würden Judenwitze von Nicht-Juden erzählt, sei der Jude stets der komische Fremde und sorge allein kraft dieser Rolle für Belustigung. Dasselbe sei zwar auch der Fall, wenn Juden selber Judenwitze erzählten, so Freud – «doch sie kennen ihre wirklichen Fehler, wie deren Zusammenhang, und ihre Vorzüge. Und der Anteil der eigenen Person am zu Tadelnden schafft die sonst schwierig herzustellende subjektive Bedingung der Witzarbeit.»

Minderheiten zu parodieren ist also vor allem den Angehörigen der betreffenden Minderheit erlaubt. Bei «Wolkenbruch» ist das teilweise gegeben: Autor Thomas Meyer ist jüdisch, aber kein Orthodoxer. Filmemacher Michael Steiner ist nichts von beidem. Er hatte aber eine gute Antwort parat, als er kürzlich in «Glanz & Gloria» auf das heikle Terrain angesprochen wurde, auf dem sich der Film bewegt. Respekt sei zentral, sagte Steiner. Und keine Berührungsangst zu haben. Berührungsangst sei das Schlimmste, mit ihr steige die Gefahr von Fehlern. Man müsse sich auf die Dinge einlassen, das sei sein Ansatz, auch im Leben.

Der Film ist hervorragend gelungen, die Bildsprache ist stark, die Kulisse alltäglich und vertraut. Der Zuschauer begibt sich mit Motti Wolkenbruch auf die wunderliche Reise und fiebert bis zum Schluss mit ihm mit. Freud würde vielleicht sagen, die «subjektive Bedingung» sei erfüllt.

20 Kommentare zu «Was ist das für ein Lachen?»

  • Brian Hertig sagt:

    Was ich mich schon gefragt habe: darf in einem Buch und in einem Film, die von Juden handeln, das Wort „Schickse“ für Nicht-Jüdinnen verwendet werden, welches gemäss Wikipedia mit „die Unreine“ sowie „Kriechtier“ in Verbindung gebracht werden kann und als jiddisches Schimpfwort Verwendung findet sowie früher als abwertende Bezeichnung für leichtlebige Frauen gebraucht wurde. Komischerweise habe ich bisher aus feministischen Kreisen noch keine Empörungen vernommen…
    Und was wäre, wenn christliche Kreise abwertende Begriffe für Juden oder sonstige Nicht-Christen verwenden würden… gäbe es da gleich eine Staatskrise?

    • Andreas K. Heyne sagt:

      I wo – schicksa heisst im hebräischen soviel wie Kriechtier oder Schlange. Im – eigentlich mittelhochdeutschen – Jiddisch wurde daraus die Bezeichnung für eine nicht-jüdische Frau eherA niedrigen Standes. Je nachdem spassig, spöttisch, leicht abwertend, aber kaum wirklich böse oder effektiv beleidigend gemeint.

      • M. Seiler sagt:

        Nähme mich mal wunder, wer solchen Blödsinn schreibt, Herr Heyne ?
        Das Wort war zu allen Zeiten pejorativ gemeint.
        Währenddem der Hausherr seine Frau eben nicht einfach so fortschicken kann, konnte er eine Ungläubige wegschicken, wenn sie ihm nicht mehr gefiel.

        • Norbert Riegler sagt:

          Inwieweit der Ausdruck „Schickse“ diskriminierend (im eigentlichen Wortsinne), abschätzig oder gar beleidigend ist, hängt ganz von den Umständen (wer sagt es zu wem, und bei welcher Gelegenheit?) ab. Etymologische Betrachtungen helfen da nicht weiter. Beispielsweise ist die Bezeichnung „e goldischi Grodd“ im Pfälzer Dialekt (der übrigens viele Gemeinsamkeiten mit dem Jiddischen aufweist) für ein niedliches kleines Mädchen (etwa bis zum Kindergartenalter) durchaus als Kompliment zu betrachten, obwohl es in Standarddeutsch wörtlich „eine goldige Kröte“ bedeutet.

  • Philipp M. Rittermann sagt:

    ich habe die juden als sehr weltoffenes volk kennengelernt. (zumindest ausserhalb von jerusalem). und als witziges. die juden lachen oft, gerne und haben einen sehr feinen sinn für humor.
    ich mag die literatur von kishon.
    und nicht zuletzt können viele juden über sich selber lachen. und ihnen ist der humor nie wirklich vergangen. trotz hässlichen historischen begebenheiten.
    all das spricht für das volke zions.

  • René von Euw sagt:

    Wer mit jüdischen Witzen Skrupel oder Probleme hat, dem empfehle ich das Buch „Der jüdische Witz“ von Salcia Landmann, der Mutter des bekannten Juristen und Anwalt Valentin Landmann.

  • Reinhard Kissner sagt:

    Fremdartige religiös-kultische Handlungen wirken in den Augen von Nicht- oder Andersgläubigen machmal lächerlich, weil sich entweder der Sinn nicht erschliesst oder sie nicht der entsprechenden eigenen, früh angelernten Version gleichen. Die dadurch entstehende Heiterkeit ist i.A. nicht böswilliger Natur.
    Wieso ein Film den Zweck verfolgen soll, Verständnis und Toleranz für eine religiöse Minderheit zu fördern, die selbst der übrigen Welt weder Verständnis noch Toleranz entgegenbringt, erschliesst sich mir nicht (und mir bekannten säkularen Juden auch nicht).

  • Jasi sagt:

    Ich habe sowohl beim Lesen des Buches wie auch beim Schauen des Films gelacht – manchmal laut. Warum und worüber habe ich gelacht? Die Figuren (z.B. Mottis mame oder tate) fand ich urkomisch. Auch gewisse jiddische Begriffe wie das Wort für einen Schwulen (feygele oder so ähnlich) oder ein E-Mail (blitznochricht) haben mich amüsiert. Nicht gelacht habe ich über eine Minderheit oder über eine Religion. Allerdings hat mich die Geschichte nicht unbedingt davon überzeugt, dass orthodoxe Juden tolerant Nichtjuden gegenüber sind, was dem Zusammenleben nicht gerade förderlich ist.

  • SrdjanM sagt:

    Richtig festgehalten, wenn sich Aussenstehende über eine bestimmte Gruppe „lustig machen“, dann ist das einfach nur falsch. Wenn sich die Menschen innerhalb einer Gruppe auf die Schippe nehmen, und ihren Spass mit allen anderen Teilen, dann ist es OK. Im besten Fall entsteht sogar etwas Gemeinsames.
    Das ist unabhängig von der Art und Grösse der Gruppen, allerdings kommt die andere wichtige Regel ins Spiel: von Oben nach Unten, dem Machtgefälle nach. Wer aus einer Position der Überlegenheit Witze reisst, sollte sich überlegen wie er welches Thema angeht.

  • Eleonore G. sagt:

    Der Film ist durchaus einfühlsam und spricht Probleme an, die nicht nur orthodoxe Juden betreffen. z.B. alles für eine Beziehung aufgeben und dann sitzen gelassen werden, die verschiedene Gewichtung von Beziehungen in der allgemeinen Gesellschaft und in religiösen Subkulturen.
    Das Jiddisch hingegen war völlig unauthentisch und total daneben… auch schon im Buch… aber dass dieser Fehler im Film in so einem grossen Massstab wiederholt wurde, finde ich schade. Wenn schon, hätte man das sorgfältiger machen müssen. So klingt es wirklich wie eine Parodie, die nicht nett gemeint ist.
    Man merkt auch, dass Michael Steiner sich in das orthodoxe Leben nicht richtig rein denken konnte, einige Abläufe sind absolut unglaubwürdig…

  • margot ringwald sagt:

    Es ist interessant, dass in der Schweiz immer nur die orthodoxen Juden vorkommen, in Filmen, Büchern oder Fernsehen, obwohl sie einen sehr kleinen Prozentsatz der Schweizer Juden ausmachen. Die Mehrzahl ist liberal, man kann sie selten von anderen Schweizern unterscheiden. Sie sind offen , nicht nur untereinander befreundet obwohl sie bewusste Juden sind.
    Es gibt Juden in der Politik, in der Armee, auf wichtigen Posten usw.
    Ich glaube nicht, dass diese Art der “ Kunst” für ein Zusammenleben günstig ist. Obwohl auch die orthodoxen Juden positive Einstellungen haben , da sie der Thora (Bibel) folgen, z. b. Leviticus, 19,33-34 „Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten,und du sollst ihn lieben wie dich selbst“.

  • Edita sagt:

    Das Beste am Film ist sowieso Inge Maux. Was für eine grossartige Schauspielerin!

  • Irene feldman sagt:

    Ä sagähftä Film…….so authentisch, doch leider endet es selten mit Humor eher mit Familienbruch.

  • Martin Frey sagt:

    „Beim Witzeerzählen sei entscheidend, wer den Witz erzählt und aus welchem Grund, sagte Sigmund Freud.“
    Treffender kann man es nicht auf den Punkt bringen. Auch ist Witz nicht gleich Witz, vieles zudem eben eine Frage der Perspektive.
    Es gibt notabene ein grosse jüdische Witzkultur, was sie von anderen grossen abrahamitischen Weltreligionen eher (bis sehr) unterscheidet, aber auch da gilt, umso orthodoxer (aka religiöser) umso humorloser sind die Menschen. Wobei nur ein kleiner Teil der Juden orthodex lebt und denkt. Was bei solchen Filmen, die gerne überzeichnen, oft untergeht.
    Ein satirischer Film (oder ein Witz) seitens einer betroffenen Minderheit darf durchaus auch politisch etwas inkorrekt sein. Das ist wohltuend. Selbst wenn die Gratwanderung dann sehr schmal wird.

  • Peter Waldner sagt:

    Diese Diskussion, dieses Thema, ist doch so was von „daneben“. Natürlich kann man Witze über Juden machen; zumal die besten von den Juden selbst kommen. Man darf Witze nur nicht dazu verwenden, Juden – oder sonstwen – abwerten zu wollen; schon gar nicht, um sich selbst zu erhöhen. Dass jeder, der Witze austeilt, auch solche einstecken können muss, liegt auf der Hand und wäre selbstverständlich.
    Eigentlich ist es doch so, dass wir Nichtjuden (hier bei uns) leider ein vollkommen verklemmtes Verhältnis zu den Juden und ihren Traditionen haben. Die Distanz ist doch eigentlich tatsächlich viel zu gross.

    • Anh Toàn sagt:

      Wenn Witze über eine Minderheit nicht erlaubt wären, ob Juden, Blinde, Blonde, Schwule, Dicke, Anwälte oder Alte, würde diese Minderheit ja damit aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Und man muss dafür auch nicht dieser Minderheit angehören, jeder gehört zu irgendeiner Minderheit.

      Man sollte aber, wie es Monty Python so schön verlangten, immer im Kopf behalten, der letzte Witz im Leben geht auf uns.

  • Edouard Cardinaux sagt:

    Man darf über alles Witze machen, alles. Auch über sich selbst den jeder ist eine Minderheit an und für sich.

  • roland greber sagt:

    Da kommt endlich wieder mal ein Schweizer Film daher, der es schafft, zu unterhalten und das Publikum in die Kinos zu locken. Und Herrjemine, er ist den Kritikern zu wenig tiefschürfend. Oder aber, er könnte ein paar Zeitgenossen stören, da er weiss Gott oder eben weiss Jahwe Humor besitzt und in diesem Falle Juden auf die Schippe nimmt (Seinerzeit bei Schweizermachern waren es die Schweizer). Muss den ein Schweizer Film immer den Zuschauer in tiefste Depressionen stürzen oder dermassen Intellektuell sein, dass nur noch ein paar Wenige Einsteins ihm etwas abgewinnen können?

  • Marriane Wissarjonova sagt:

    Ich kenne niemanden, der so viele so lustige Judenwitze erzählt wie meine jüdischen Freunde. Unsereins würde sich nicht getrauen!

  • Quasimodo Braun sagt:

    Humor ist wichtig, macht er vieles erst erträglich. Man darf und soll über alles lachen können. Was sowohl am Buch, wie auch am Film störend ist, ist dass Autor Meyer, zwar jüdisch ist, aber von echtem jüdischen Leben, in allen Facetten, NULL Ahnung hat! Er hat das im TalkTäglich sogar freimütig zugegeben. Diesen Mangel kompensiert er, in dem er plakative Stereotypen aus dem Leben einer zwar klar erkennbaren aber dennoch zahlenmässigen Minderheit der Minderheit und sich selbst zum Experten aufbauscht. Das wäre so, als würde ich ein Buch über SchneiderInnen schreiben, nur, weil ich auch schon mal einen Knopf wieder angenäht habe.
    Problematisch wird es, wenn die vielen Kinobesuchenden das Gefühl haben, so seien alle Juden. Sind sie nicht…!

Kommentar

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Die benötigten Felder sind mit * markiert.

800 Zeichen übrig

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.