Elektro-Töffs gehören auf die Strasse

Wenn schon ökologisch, dann bitte schnell: In der Schweiz setzen sich die teuren Speed-E-Bikes durch. Foto: Urs Jaudas

Im Windschatten bremst und schnaubt es. Sekundenbruchteile später schiesst die E-Bikerin mit grantigem Seitenblick am Velofahrer vorbei – und zwar rechts auf der Fussgängerspur. Der Velofahrer, der mit blosser Muskelkraft die leichte Steigung hochfährt, blockierte den Radweg. Die Konflikte im Verkehrsalltag, die durch übermotorisierte Velofahrer entstehen, sind offensichtlich. Wer mit seinem Turboflitzer immer wieder abbremsen muss, weil ein Velotraditionalist im Weg ist, wird zwangsläufig aggressiv, vor allem wenn er es eilig hat. Also immer.

Sie kommen lautlos aus dem Nichts

Wie der Schweizer Gesetzgeber auf die Idee kam, die schnellen E-Bikes auf Velostreifen und Velowegen zuzulassen, ist ein Rätsel. Laut der Verordnung über die technischen Anforderungen an Strassenfahrzeuge (VTS) handelt es sich um Motorfahrräder mit Elektromotor, also Elektro-Töffs. Wer nun argumentiert, auch Töffli mit Verbrennungsmotor dürften Radwege benutzen, sei daran erinnert, dass diese maximal 30 Kilometer pro Stunde fahren dürfen. Die rasenden E-Biker, deren Velos wie die Mofas ein gelbes Nummernschild benötigen, geniessen Tretunterstützung bis Tempo 45. Und selbst wenn die wenigen Töffli-Nostalgiker etwas mehr als 30 km/h aus ihrer Mühle rausholen – sie sind schon von weitem zu hören. Der Velofahrer ist vorgewarnt, dass die Atemluft für einige Sekunden nach 80er-Jahre riechen wird. Doch die schnellen E-Biker kommen lautlos aus dem Nichts.

Sie überholen mit dem knappstmöglichen Abstand, weil alle, die vor ihnen in die Pedale treten, gar nicht da sein sollten. Kleine Spurkorrekturen des Velofahrers können fatal sein. Sehr gefährlich wird es auf Velorouten mit Gegenverkehr. Radfahrer ohne Motor sollten hier möglichst weit rechts fahren, weil ihnen unvermittelt ein Speed-Elektro-Biker auf der Überholspur entgegenkommen kann. Denn viele reizen ihre Boliden aus, ausserorts erst recht. Wozu zahlt man sonst 7000 Franken? Wie eine Frontalkollision ohne Airbag und Knautschzone ausginge, kann sich jeder selbst ausmalen. Vielleicht müssen bald die konventionellen Velofahrer mit Integralhelm unterwegs sein, wie sie für Mofas vorgeschrieben sind. Wieso die schnellen E-Biker, die innerorts sogar Autos rechts überholen, nur Velohelme brauchen, weiss auch nur der Gesetzgeber.

Lamborghini mit Pedalen

In der Schweiz sind über 400’000 Elektromotorfahrräder auf den Strassen, Tendenz steigend. 2017 wurden in der Schweiz fast 90’000 E-Bikes verkauft, jedes Fünfte war ein schnelles. Die Unfallrate ist bei den E-Bikern mehr als doppelt so hoch wie bei den Muskelpedaleuren. Doch die Velolobby bejubelt jeden neuen E-Biker, weil der auf das Auto verzichte, also ökologischer unterwegs sei. Endlich würden auch ältere Menschen und Unsportliche zum gesunden Velofahren animiert. Unbestritten. Doch wozu kauft jemand, der täglich seinen Kreislauf belasten will, einen Lamborghini mit Pedalen? Da bieten sich doch die langsamen E-Bikes an. Auch wer seine Kinder im Schlepptau hat oder mit seinem Velo die Ladefläche eines Kleinlastwagens (Lastenräder) vor sich herschieben will, ist mit Tretunterstützung bis 25 km/h gut bedient. Allenfalls gerät das Velo an den Anschlag, wenn die zwei Kinder vorne in der Kiste bereits im Kindergartenalter sind.

Wenn immer in der Schweiz eine neue Fahrzeugkategorie Einzug hält, setzt sich die teure Variante durch. Dadurch hebt sich die kaufkräftige Schweiz von den armen Nachbarn ab, bei denen schnelle E-Bikes wenig verbreitet sind. In Deutschland, Österreich, Frankreich, ja in den meisten europäischen Ländern, gelten die schnellen E-Bikes als das, was sie sind: als Motorräder, mit allen Konsequenzen. Keine Zulassung auf Velowegen, Motorradhelmpflicht und Führerausweispflicht. Die Schweiz unterstellt hingegen die schnellen E-Bikes der «Radwegbenützungspflicht». Diese wurde einst zur Sicherheit der Velofahrer eingeführt.