Wohlfühloasen für linke Gutverdiener

Politblog

Wird zunehmend zur exklusiven Adresse: Genossenschaftssiedlung am Hegianwandweg in Zürich. Foto: Nicola Pitaro

Mit einigem Befremden habe ich kürzlich einen in der NZZ erschienenen Artikel gelesen. Unter dem Titel «Die Friesenberg-Connection» schildert der Text Ungereimtheiten bei der Wohnungsvergabe in einer der grössten Genossenschaftssiedlungen der Stadt Zürich. So seien die 2300 Wohnungen der Familienheim-Genossenschaft Zürich (FGZ) oben am Friesenberg entgegen dem eigenen Credo «Wir streben eine gesunde soziale Durchmischung an» eben nicht gesund sozial durchmischt. Besonders unausgeglichen ist die Zusammensetzung der Mieterschaft laut der NZZ in der neueren Siedlung Hegianwandweg, wo auffallend viele aktive und ehemalige Verwaltungsmitarbeiter, Professoren, Journalisten und gar drei SP-Gemeinderäte wohnen würden. «Fremdländische Namen findet man dagegen kaum», so das Blatt.

Genossen, reisst euch zusammen!

Es ist eine unbequeme Wahrheit. Da stellt die Allgemeinheit einer Genossenschaft ein vergünstigtes Grundstück zur Verfügung, mit dem Ziel, dass dort preisgünstiger Wohnraum für unterschiedliche soziale Schichten entsteht. Entstanden ist aber eine Wohlfühloase für die linke Stadtschickeria. Dazu kommt, dass von den 5690 FGZ-Mietern nur 12,6 Prozent Ausländer sind, während der Ausländeranteil in der Stadt Zürich 32,4 Prozent beträgt.

Man möchte der traditionell der SP nahestehenden FGZ zurufen: Genossen, reisst euch zusammen! Euer Verhalten wirft ein schlechtes Licht auf alle Genossenschaften. Dass es auch anders geht, habe ich als ehemaliger Mieter einer ABL-Genossenschaftswohnung in der Stadt Luzern erfahren. Die Allgemeine Baugenossenschaft Luzern (ABL) ist mit 2000 Wohnungen die grösste gemeinnützige Wohnbaugenossenschaft der Zentralschweiz. Bevor ich letztes Jahr in eine nicht gemeinnützige Wohnung im Kanton Zürich zog, wohnte ich an der Spannortstrasse im Neustadtquartier. In dem 1947 erbauten Haus befinden sich elf Wohnungen. Eine der knapp 70 Quadratmeter grossen 4,5-Zimmer-Wohnungen kostete 1267 Franken.

Wenn die Stadtschickeria subventionieren würde…

Einzige Ausnahme: Die oberste, gleich grosse 2-Zimmer-Wohnung entstand bei einer Dachaufstockung. Dort habe ich gewohnt. Sie kostete 2040 Franken – ein stolzer Preis für mich. Mit solchen attraktiveren Wohnungen werden die «unteren» Wohnungen subventioniert. Was die linke Stadtschickeria angeht, entsprach ich noch am ehesten diesem Milieu. Bei den restlichen Mietern handelte es sich einerseits um drei ausländische Familien (Italien, Türkei und Ex-Jugoslawien) – sie bleiben mir in guter Erinnerung, weil sie sich partout nicht an den Waschküchenplan halten wollten. Die übrigen Mieter waren alteingesessene Schweizer Rentner (Durchschnittsalter 80 Jahre) – sie bleiben mir in guter Erinnerung, weil sie sich über die lauten Ausländer und die herumfliegenden Blätter meines Bambusstrauches beschwerten. Der Ausländeranteil bei der ABL beträgt 22 Prozent.

Noch ein Wort zu den «linken Genossenschaften». Die ABL präsidiert zwar derzeit ein ehemaliger grüner Stadtrat. Es gibt in Luzern aber auch die Liberale Baugenossenschaft Sternmatt-Tribschen (LBG), deren Präsident Daniel Burri ist. Er ist Oberstaatsanwalt, FDP-Mitglied und Präsident von Wohnen Schweiz, dem Verband der bürgerlichen Baugenossenschaften mit 400 Mitgliedern.