Diese Debatte läuft aus dem Ruder

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Eine Demonstration gegen sexuelle Gewalt in Los Angeles. Foto: Lucy Nicholson (Reuters)

Märchen sollen jetzt also sexistisch sein. Sie zementieren längst überholte Frauenbilder, die es eigentlich zu bekämpfen gilt. Der Kuss des Prinzen in Dornröschen etwa: Er war nicht einvernehmlich. Politiker fordern deshalb gendergerechtere Märchen.

Mariah Carey soll eine Sextäterin sein. Ihr ehemaliger Leibwächter will sie verklagen, weil sie ihn belästigt habe. Die Popsängerin sei mit einem Négligé bekleidet gewesen, als sie ihn zum Koffertragen aufs Zimmer gerufen habe.

Was haben die beiden Episoden gemeinsam? Es sind keine Witze, sondern vorläufige Höhepunkte einer aus dem Ruder gelaufenen Debatte.

#Aufschrei und #Metoo: Die beiden Social-Media-Kampagnen haben die aktuelle Diskussion über sexuelle Belästigung und das adäquate Verhältnis zwischen den Geschlechtern angestossen. Sie waren wichtig, weil sie nicht nur auf die Formen, sondern vor allem auf die weite Verbreitung von Übergriffen aufmerksam gemacht haben. Dabei zeigten sie eindrücklich, dass sexuelle Gewalt häufig strukturell verankert ist. Mit ihrem Bewegungscharakter gelang den beiden Kampagnen eine nie da gewesene Enttabuisierung. Sexuelle Belästigung, so viel ist heute klar, wird nicht länger als Kavaliersdelikt geduldet.

Anschuldigungen werden vermischt

Doch die Bewegung hat sich im Sog der medialen Aufmerksamkeit längst verselbstständigt. Im lauten Geschrei um Anschuldigungen unterschiedlichster Art werden die Dinge vermischt: sexuelle Belästigung, Anmache, Vergewaltigung und Machtmissbrauch, aber auch die Ungleichbehandlung der Geschlechter und Rollenstereotypen. Je länger die Debatte anhält und dabei ausfranst, desto mehr verfehlt sie ihr Ziel. Die wahren Opfer drohen im Lärm der Trittbrettfahrer und Wichtigtuer nicht mehr ernst genommen zu werden. Es besteht die Gefahr, dass Vergewaltigung mit Bagatellen gleichgesetzt wird. Anschuldigungen können so zur inflationär genutzten Rufmordwaffe verkommen.

Das trägt letztlich wenig zur Verständigung zwischen den Geschlechtern bei. Wenn plötzlich überall die Gefahr einer Belästigung lauert, entfernen sich Frau und Mann unweigerlich voneinander. Anzeichen dafür gibt es bereits. Eine freundschaftliche Umarmung oder ein nettes Kompliment: Nicht wenige Männer sagen, dass sie sich mittlerweile lieber zurückhalten mit Kontaktaufnahmen zum anderen Geschlecht. Rückzug statt Sensibilisierung – das bringt die Gesellschaft nicht weiter.

Politik trägt zur Verwirrung bei

Und wie so häufig in der heissen Phase kontroverser Diskussionen trägt die Politik bedingt zu deren Klärung bei. SP-Nationalrätin Yvonne Feri zum Beispiel berichtet in der SRF-«Rundschau» von ihrer eigenen Erfahrung mit sexueller Belästigung: Sie wurde von einem Gemeinderat auf die Stirn geküsst. Ein eindeutiger Fall von unzulässiger Grenzüberschreitung, kommentiert der Moderator. Das stimmt, denn Feri hat sich in ihrer Integrität verletzt gefühlt. Weil aber die Hintergründe unausgeleuchtet bleiben, hinterlässt der Fall den Zuschauer ratlos Sinnvoller scheint, wenn die Politik sich auch bei diesem Thema auf ihre Kernkompetenz besinnt: rechtliche Lücken schliessen. Um sexuelle Gewalt und Belästigung gezielter ahnden zu können, hat Feris Partei vorgestern im Nationalrat ein Vorstoss-Bündel eingereicht. Es ist zu hoffen, dass auch die öffentliche Debatte in diesem lösungsorientierten Sinn drehen wird.