Alle auf die Frau!

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Vom männlichen Club der Politiker und Berichterstatter schachmatt gesetzt: Bundesratskandidatin Isabelle Moret. (Foto: Keystone / Peter Schneider)

Eines vorweg: Es wäre richtig, wenn der neue Bundesrat Ignazio Cassis hiesse. Erstens weil er Tessiner ist: Damit wird eine Region in die Regierung eingebunden, die sich von der Restschweiz unverstanden fühlt. Zweitens weil er sich als rechtester Kandidat positioniert hat: Damit würde der Bundesrat die Machtverhältnisse im Parlament besser widerspiegeln – das entspräche also dem Volkswillen.

Es ist aber nicht richtig, wie Politiker und Medien die Kandidatur Isabelle Moret behandelt haben. Sicher, die Waadtländerin hat sich ungeschickt verhalten. Sie wirkte im Umgang mit Medien häufig überfordert und liess streckenweise sachpolitische Kompetenz vermissen. Kurz: Moret darf höchstens als durchschnittliche Kandidatin gelten. Politische Gegner – auch in der eigenen Partei – und Medien stellten ihre Eignung für das höchste politische Amt aber als weit unterdurchschnittlich dar, ganz so, als wäre eine Bundesrätin Moret eine nie dagewesene Gefahr für das Land.

Die Mikrodiskussion um Morets Privatleben

Mit Verlaub: Das ist Blödsinn. Es gab in der Vergangenheit immer wieder Kandidaten, deren Eignung mit guten Gründen angezweifelt wurde; mehrere davon sitzen heute im Bundesrat. Doch bei Moret ist die Diskussion aus dem Ruder gelaufen. Zur Disposition stand nicht wie bei den männlichen Kandidaten die tatsächliche oder vermeintliche Inkompetenz, sondern ihre Rolle als Frau und als Mutter zweier Kinder. Die NZZ spricht heute von einem «wohlmeinenden Sexismus»: Man habe das Offensichtliche, ihre Inkompetenz, nicht ausgesprochen, weil es Moret als Frau zu schützen gelte.

Es stimmt, Moret hat offensichtliche politische Schwächen – und die wurden zu wenig thematisiert. Der Grund dafür ist aber ein anderer. Statt mühsamer inhaltlicher Debatten setzten ihre Gegner sie viel einfacher schachmatt: Der vorwiegend männliche Club der Politiker und Berichterstatter hat Moret mit den Waffen geschlagen, mit denen sich auch heute noch jede Mutter mit Leichtigkeit schlagen lässt. Er hat ihr Privatleben, den Spagat zwischen Erziehungs- und Berufsverantwortung, in den Fokus gerückt. Nicht nur der Boulevard, sondern auch trockene Regionalblätter wie die «Neue Luzerner Zeitung» wollten wissen: Wie regelt sie die Kinderbetreuung? In welchem Verhältnis steht sie genau zu ihrem Mann? Führt sie einen Rosenkrieg? Kandidat Pierre Maudet hat ebenfalls drei kleine Kinder; die Betreuung war bei ihm kein Thema. Während also Morets Konkurrenten ihre politischen Visionen ausbreiten durften, geriet die Waadtländerin wegen der aufreibenden Mikrodiskussion um ihr Privatleben zunehmend in die Defensive.

Das war natürlich ein geschickter Schachzug ihrer Gegner. Doch die Debatte lässt tief blicken. Offensichtlich ist der Politbetrieb zu Bundesbern im Jahr 2017 einem würdigen Umgang mit dem Thema noch nicht gewachsen. Das zeigt nicht nur das Verhalten von Morets Gegnern, sondern auch jenes der Kandidatin selbst. Sie verstrickte sich in Widersprüche, wirkte unsouverän und konnte sich letztlich nicht entscheiden, ob sie die Geschlechter-Karte voll spielen sollte. Morets Verhalten war Sinnbild für den verkrampften Umgang unserer Gesellschaft mit berufstätigen und politisierenden Müttern. Die Gehässigkeit ihrer Gegner wiederum verdeutlichte, dass weibliche Lebensentwürfe auch heute noch hochpolitisch sind.

Keinen Platz für weiblichen Durchschnitt

Nach diesem Wahlkampf ist darüber hinaus klar: Die FDP tut sich 28 Jahre nach der bislang einzigen freisinnigen Bundesrätin immer noch schwer mit ihren Frauen. Männliche Fraktionsmitglieder schnödeten in einem Ton über Moret, der aufhorchen lässt. Und sogar die Frauen-Sektion unterstützte Moret erst im zweiten Anlauf. Offensichtlich genügt in der drittgrössten Partei des Landes nur eine Ständerätin vom Format einer Karin Keller-Sutter den Ansprüchen an eine weibliche Kandidatur.

Würde Moret nicht gewählt und dafür die St. Gallerin dereinst Bundesrätin, bestätigte dies eine Regel: In den Bundesrat schaffen es anders als bei den Männern nur herausragende Frauen mit eindeutigem Leistungsausweis – und schon gar keine Mütter schulpflichtiger Kinder. Es ist kein Zufall, dass Doris Leuthard, Simonetta Sommaruga oder Eveline Widmer-Schlumpf für ihre überdurchschnittliche Sachkompetenz und politische Intelligenz gelobt werden. Für männlichen Durchschnitt hat es im Bundesrat sehr wohl Platz – für weiblichen nicht.