7 schreckliche AHV-Floskeln

Diese welschen Demonstranten kommen ohne PR-Floskel aus. Foto: Laurent Gillieron (Keystone)

In einem Abstimmungskampf fliegen nicht nur Argumente hin und her, sondern auch Floskeln, Worthülsen und Nebelpetarden. Im Streit um die Altersvorsorge 2020 kommt da schon einiges zusammen, obschon es noch 72 Tage bis zur Abstimmung sind. Wir sehen uns daher veranlasst, eine schwarze Liste von Begriffen zu präsentieren, die wir in den nächsten zweieinhalb Monaten nicht mehr lesen und hören wollen – danke fürs Berücksichtigen, liebe Kampagnenleiter!

  • «Zückerchen»: Die rechten Gegner der Reform bezeichnen so den AHV-Zuschlag von 70 Franken, mit dem die Rentensenkung in der zweiten Säule teilweise ausgeglichen werden soll. Es mag Argumente gegen einen Ausbau der AHV geben. Wer aber die Rentenansprüche der Versicherten zur Süssigkeit degradiert, verrät ein herablassendes Denken. Er erklärt damit die Ausgleichszahlungen, ja indirekt die Zahlungen aus dem Solidarwerk AHV überhaupt, zum politischen Gnadenakt. Man gibt dem Rentner, so wie die Mutter dem quengelnden Kind gibt, das nach Naschwerk verlangt.
  • «Bittere Pillen» und «Kröten»: Die Gegenstücke zum «Zückerchen» und die Floskelklassiker überhaupt: Nur mit ihrer metaphorischen Hilfe scheint es die Linke zu schaffen, das Frauenrentenalter 65 und den tieferen Umwandlungssatz zu schlucken. In ihrer Abgegriffenheit verursachen die Begriffe dennoch Schluckauf.
  • «Zwei-Klassen-AHV»: Sie entstehe durch den 70-Franken-Zustupf, der nur an Neurentner gehe, monieren FDP und Wirtschaftsverbände. Dabei haben die bereits Pensionierten keinerlei Rentenkürzungen zu gewärtigen, und sie konnten ihr Altersguthaben zu weitaus besseren Bedingungen aufbauen, als es die jetzigen Jungen können. Zwei-Klassen-AHV? Es wäre dringend zu klären, wer da eigentlich in der ersten Klasse sitzt.
  • «Bescheidene Erhöhung»: Es ist fraglos nötig, die Mehrwertsteuer zu erhöhen, damit die AHV zahlungsfähig bleibt. Die Angewohnheit der SP, den Griff in private Portemonnaies als «bescheiden» zu verniedlichen, nervt trotzdem.
  • «Entpolitisieren»: Wirtschaftsliberale fordern das. Gemeint ist: Rentenalter, Umwandlungssatz und Mindestverzinsung sollen dem Zugriff der Stimmbürger entzogen und an technische Parameter wie Lebenserwartung und Zinsumfeld gekoppelt werden. Eigentlich gemeint ist: Die Renten sollen sinken, und zwar automatisch. Wer das will, betreibt Politik, auch wenn er sich auf die vermeintliche Objektivität mathematischer Formeln beruft.
  • «Koordinationsabzug»: Der Fremdling in dieser Liste: Keine PR-Floskel, trotzdem wollen wir ihn nicht mehr sehen. Er liest sich so hässlich, dass man fast instinktiv zur Ansicht neigt, ihn nicht verstehen zu können. (Es geht um den Betrag, der vom Gehalt abgezogen wird, um die versicherte Lohnsumme zu errechnen.)
  • «Ungeborene»: Man mache sich nichts vor: Bei der Altersvorsorge geht es auch um Verteilkampf. Die AHV kostet die Wohlhabenden vergleichsweise viel und bringt ihnen vergleichsweise wenig. Man darf für deren Interessen kämpfen. Aber dann schiebe man nicht ständig das Wohl «unserer Kinder und Ungeborenen» vor, die ein AHV-Ausbau ganz furchtbar belaste. Viele noch Ungeborene werden eine starke AHV dereinst nötiger haben als ihre selbst ernannten Advokaten aus dem jetzigen Abstimmungskampf.