Jeunesse dorée am Gymnasium?

Die Welt passt sich den Jugendlichen an: Gymnasiastinnen in Zürich. Foto: Raisa Durandi

Nach dem Abschluss der obligatorischen Schulzeit warten auf Jugendliche in der Schweiz zwei unterschiedliche Lebensformen. Wer sich auf eine Berufslehre einlassen will oder muss, tritt in die Welt der Erwachsenen mit ihren Pflichten ein und muss sowohl mit beruflichen als auch schulischen Leistungen überzeugen. Wer die Zeit bis zur Volljährigkeit in einem Gymnasium verbringen kann, bleibt unter Gleichaltrigen, konzentriert sich auf die schulische Leistung und darf sich weiterhin in jenen Freiräumen bewegen, die wir «Jugend» nennen. Dazu gehören nicht nur unzählige anstrengende Schulstunden und anspruchsvolle Leistungsnachweise, sondern auch viel Musse, viel Freizeit, viel Freiheit.

Schonräume und Quotenpolitik

Das ist schön und gut. Lernen an einer Vollzeitschule ist halt anders als das Lernen im dualen System, und zudem setzen die Freiheiten des Gymnasiums Selbstverantwortung, Fleiss und Neugier voraus. Problematisch sind die Freiheiten, wenn sie mit einem Schonraum gekoppelt werden. Genau dies geschieht, wenn die Welt des Wissens in kleine Portionen abgefüllt und mit operationalisierten Lernzielen abgefragt wird. Wenn die Anzahl der Prüfungen auf ein Minimum reduziert wird und Arbeitsaufträge in den Ferien eine Zumutung sind. Wenn Verhaltensformen toleriert werden, die an keinem anderen Ort akzeptiert würden. Kurzum: Wenn das Gymnasium ein Ort ist, an dem die Welt sich den Jugendlichen anzupassen hat.

Wer ein Gymnasium von innen kennt, weiss, dass es solche Ansätze gibt. Verschiedene Gründe sind dafür verantwortlich. Unter anderem leistet das Qualitätsmanagement der Gymnasien einen Beitrag. Schülerinnen und Schüler erscheinen darin als Kunden, deren Zufriedenheit der wichtigste Indikator für die Qualität der Schule ist. Richtig politisch wird die Angelegenheit mit Blick auf die Quote, die die Anzahl der Gymnasiastinnen und Gymnasiasten bewusst tief hält. Dies führt dazu, dass primär die Kinder akademisch gebildeter Eltern das Privileg des Gymnasiums für sich beanspruchen können. Staatlich finanzierte Jeunesse dorée für die Akademikerkinder, harte Arbeit für den Rest? Das ist übertrieben, aber ganz falsch ist es dennoch nicht. Die Lebensphase der Jugend ist eben seit dem 19. Jahrhundert ein Privileg des Bürgertums.

Strenges Gymnasium, offene Quote

Gibt es Alternativen? Ja. Die Politik und die Schulen müssen das Gymnasium anspruchsvoller machen und hohe Leistungen von allen einfordern. Dies bedeutet nun aber gerade nicht eine Senkung der Quote. Je kleiner die Gruppe der Gymnasiastinnen und Gymnasiasten ist, umso mehr können sich diese auf ihrer scheinbar angeborenen Intelligenz ausruhen und warten, bis die Matura kommt. Stattdessen soll das Gymnasium für alle offen sein, die hart arbeiten wollen und hohe Leistungen erbringen. Wo viel gefordert wird, wird auch viel geleistet. In diesem Punkt funktioniert gymnasiale Bildung ganz ähnlich wie Berufsbildung.