Zu dumm für die Zukunft?

Google baut in der Europaallee am Zürcher Hauptbahnhof rund 5000 Arbeitsplätze: Blick in die neuen Büros in der Sihlpost. Foto: Walter Bieri (Keystone)

Google baut derzeit seinen Zürcher Standort aus. Der Hauptgrund, weshalb die Wahl auf Zürich fiel, ist die Verfügbarkeit von hoch qualifizierten Fachkräften, insbesondere dank der ETH. Ganz so einfach verfügbar sind diese Ingenieure aber nicht. Ein an der ETH ausgebildeter Informatiker aus Indien kann nicht einfach angestellt werden.

Erbost darüber verglich ein leitender Ingenieur von Google die Schweiz mit einem schlecht organisierten Fussballverein, der zwar die Champions League gewinnen will, aber bitteschön ohne Ausländer. Einen umgekehrten Fussball-Vergleich zogen kürzlich Basler Uni-Assistenten: Die Schweiz leide unter einem «Real-Madrid-Syndrom». Sie kaufe ihre Stars ein und vernachlässige dabei den eigenen Nachwuchs.

Wir verfolgen ein doppeltes Ziel

Beide Vergleiche hinken, gerade deshalb bringen sie zugespitzt zwei entgegengesetzte Haltungen zum Ausdruck: Für Google ist die Schweiz zu protektionistisch, für die Assistenten zu nachlässig. Der Bedarf von Google und Co. nach bestens ausgebildeten Ingenieuren und Informatikerinnen wirft eine alte Frage in neuer Dringlichkeit auf: Können wir mithalten mit der internationalen Spitze? Die ETH als Institution kann das sicher. Doch können wir es auch?

Man kann sich auf den Standpunkt stellen, an Hochschulen sei die Frage nach der Herkunft sekundär. Für mich ist sie es nicht. Aber sie ist schwierig. Denn wir verfolgen ein doppeltes Ziel: Wir wollen sowohl die Champions League als auch Nachwuchsförderung. Einerseits ist es grossartig, dass unsere Universitäten international attraktiv sind. Es wäre unsinnig, auf universitärem Niveau einen falsch verstandenen Heimatschutz errichten zu wollen. Von den fremdenfeindlichen Attacken gegen ausländische Professoren wollen wir gar nicht erst anfangen. Auf der anderen Seite möchten wir doch mitspielen in dieser Zukunft – und nicht nur von der Tribüne aus zuschauen.

Das ist Schweizer Qualität

Neuerdings darf die ETH die Zulassung ausländischer Studierender schon ab dem ersten Jahr beschränken und höhere Studiengebühren von ihnen verlangen. Von beiden Möglichkeiten hat sie bisher keinen Gebrauch gemacht. Diese Zurückhaltung ist mutig. Wir sollen uns nicht abschotten, sondern konkurrenzfähig werden. Dazu braucht es die Förderung des inländischen Potenzials – auf allen Stufen.

Wie diese Förderung konkret auszusehen habe, ist zwar umstritten. Doch die Schweiz darf sich nicht selbst aus dem Rennen nehmen. An der Dummheit liegt es nicht, vielleicht eher an «selbst verschuldeter Unmündigkeit». Wenn wir uns weigern, die Bildung auszubauen, kann eine internationale und offene Schweizer Zukunft als Bedrohung erscheinen. Umgekehrt wird diese Zukunft zur Chance, entsprechende Bildung vorausgesetzt. Anspruchsvolle Jobs von Google und Co. bieten Möglichkeiten, diese Zukunft zu gestalten, auf höchstem Niveau. Das ist Schweizer Qualität.

Ein wenig geht es uns wie dem Informatiker beim Google-Assessment: Er steht vor einem spannenden Problem, um das ihn viele beneiden. Doch die Lösung ist nicht einfach. An seiner Dummheit liegt es nicht.