Was ist das für ein Bildungssystem?

Weniger intelligent als die Basler? Schülerinnen in einem Zürcher Gymnasium. Foto: Raisa Durandi

Andreas Pfister forderte in seinem jüngsten Politblog-Beitrag zum wiederholten Mal eine Erhöhung der Gymnasialquote, denn der Bildungsstand der Bevölkerung sei gestiegen. Wenn dem so wäre, so müsste der Bildungsstand der Amerikaner dreimal so hoch sein wie jener der Schweizer, denn die Studienanfängerquote beträgt in den USA rund 71 Prozent (2012). Wenn wir die Schweiz wieder in den Blickpunkt nehmen, so wären die Stadtbasler intelligenter, da diese eine Maturandenquote von 32 Prozent haben, im Vergleich etwa zu den 20 Prozent in Zürich. Der Bildungsstand – was ist das eigentlich? – ist also keine Erklärung für die Höhe der Gymnasialquote.

Die tatsächlichen Erklärungen sind so simpel, dass man sie in den von Ideologie und Emotionalität aufgeladenen Diskussionen kaum noch darlegen kann.

  1. Es gibt in jedem Gemeinwesen (Staat, Gesellschaft) anscheinend einen Konsens, was die Höhe der Gymnasialquote betrifft. Daher die verschiedenen internationalen und kantonalen Werte.
  2. Dieser Konsens kann sich ändern, wobei meist nicht wissenschaftliche Kriterien den Ausschlag geben (ein aussagekräftigeres Kriterium wäre gemäss Prof. E. Stern von der ETH Zürich der Intelligenzquotient), sondern vor allem politische und wirtschaftliche.
  3. Die sprunghafte Änderung der Gymnasialquote ist volks- und betriebswirtschaftlich nicht durchdacht, denn woher nähme beispielsweise die Zürcher Bildungsdirektion plötzlich die Schulräume, die Lehrpersonen usw. für zusätzliche Gymnasiasten? Was würde aus den nicht mehr benötigten Schulräumen und Lehrpersonen auf der Sekundarstufe angesichts von mehr Übertritten ins Langzeitgymnasium? Wer absolvierte noch eine Lehre (heute rund 65 Prozent eines Jahrgangs), was geschähe mit den Berufsschulen? Und zu guter Letzt: Wer arbeitete noch im Gewerbe, in der Industrie und den Dienstleistungsbetrieben, wenn fast alle einen Hochschulstudienabschluss haben?
  4. Die intellektuelle und emotionale Fähigkeit, das Gymnasium zu besuchen, ist von Schülerin zu Schüler verschieden; die einen wollen nicht, die anderen können nicht. Hätten alle von Geburt an die gleichen Fähigkeiten, so müsste es in der Schweiz Tausende Tennisspieler wie Roger Federer geben! In allen anderen Nationen allerdings auch ..

Gymnasialquote verdoppelte sich in 35 Jahren

Dass nicht jede und jeder heute ins Gymnasium übertreten kann (und muss), ist richtig und zielführend. Wenn Andreas Pfister schreibt, die Schweiz sei «auf dem besten Weg, ein Bildungsabsteiger zu werden», dann liegt er wiederum falsch. 1980 betrug die Gymnasialquote in der Schweiz 10,6 Prozent, bis 2015 verdoppelte sie sich auf 20,1 Prozent. Und wenn er schreibt, es sei «längst nicht mehr selbstverständlich, dass die Kinder eine gleiche oder bessere Ausbildung als die Eltern erhalten», so ist die Unlogik offensichtlich, unter anderem auch, weil der Staat heute deutlich mehr für die Bildung ausgibt als früher.

Zwar anerkennt Pfister: «Selektion ist eine sinnvolle und legitime Aufgabe des Gymnasiums.» Er vergisst aber, dass auch in den anderen Schulstufen wie Berufslehre oder Berufsmaturität selektioniert wird, sodass wir heute ein selektionierendes und förderndes System haben. In diesem durchlässigen Bildungssystem gelangt am Schluss möglichst jede und jeder an den richtigen Ort im Berufsfeld.

«Nicht die Eltern, sondern das starre Bildungssystem ist schuld am Konflikt», beendet Pfister sein Posting – doch ist es oft so, dass Eltern nur auf den Status Gymnasium/Hochschule starren und dabei vergessen, dass zu einem Bildungssystem neben Kopf auch Hand sowie Herz (J. H. Pestalozzi) gehören. Eltern und Staat müssen das Wohl der Kinder und der Gesellschaft ins Zentrum stellen, nicht den Status.