Gölä gegen die Gebildeten

Politblog

Das ist seine Welt: Gölä posiert auf einer Baustelle. Wo ehrliche Menschen ehrliche Arbeit verrichten. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Ich kann Gölä verstehen, wenn er sich über die Studierten beklagt. Sie besetzen die mächtigen Positionen und haben die gut bezahlten Jobs. Das Schlimmste aber ist ihr Wissen. Die Gebildeten wissen es nämlich immer besser. Dabei ist die Besserwisserei so schlimm, weil es nicht bloss um das Wissen geht. Bildung ist an einen Lebensstil gebunden: Was du magst, was du trägst und was du liest, wie du sprichst, wie du isst und wie du bist. Deshalb kann die Belehrung des Studierten erniedrigender sein als die Prahlerei des Milliardärs.

Vom hohen Ross runterholen

Herrschaft hat immer zwei Seiten. Man muss sich nicht alles gefallen lassen. Gölä weiss das und trotzt der Macht der Gebildeten. Zur Verfügung steht ein ganzes Archiv mit Argumenten, das die Geschichte der Beherrschten bereitgestellt hat. So lassen sich die bequemen Schoggijobs der Studierten der harten Arbeit der Büezer gegenüberstellen. Was wäre denn die Architektin ohne die Büezer? Und warum soll die Arbeit bei Regen und Kälte weniger wert sein als das Herumsitzen im warmen Büro? Ist es nicht umgekehrt? Man muss die Studierten von ihrem hohen Ross runterzuholen und ihre luftige Theorie mit der bodenständigen Praxis konfrontieren.

Es geht bei solchen Retourkutschen um mehr als individuelle Ressentiments. In einer Gesellschaft, die Freiheit und Gleichheit auf ihre Fahnen schreibt, sind die Hierarchien problematisch, die mit der Macht der Bildung entstehen. Besonders störend ist die Vererbbarkeit dieser Macht. Die Eltern übertragen ihren Lebensstil auf die Kinder und machen dadurch den Bildungserfolg ihrer Sprösslinge wahrscheinlich. Die Zürcher Schulen sind da durchaus konsequent und ehrlich, wenn sie in Zukunft das Betragen der Kinder beim Übertritt ins Gymnasium berücksichtigen.

Moderne Bildungspolitik

Gerade für eine liberale und egalitäre Gesellschaft ist es wichtig, der Herrschaft der Gebildeten zu trotzen. Die Retourkutschen retten die Ehre der anderen und setzen der Erniedrigung Grenzen. Für eine moderne Bildungspolitik ist die Retourkutsche allerdings das falsche Fortbewegungsmittel. Eine solche Politik wird aber gefahren, wenn bei der Bildung gespart, die Allgemeinbildung in der Berufslehre nicht ausgebaut und die Berufs-, Fach- und gymnasialen Maturaquoten plafoniert werden.

Gölä findet das vielleicht gut, allerdings freuen sich auch die, die auf dem hohen Ross sitzen. Denn die Ressentiments gegen die Studierten bedienen sich bei Argumenten aus einer Zeit, in der Hierarchien als Teil einer natürlichen Ordnung galten. Wer mit ihnen Bildungspolitik betreibt, zementiert letztlich die Herrschaft jener, die über Bildung verfügen. Denn Retourkutschen begrenzen die Hierarchien, aber zugleich bestätigen sie auch die Macht von denen da oben. Demgegenüber investiert eine moderne Politik in Bildung als offenes Projekt, das sich alle aneignen können und mit dem sie sich, die anderen und das Wissen selbst verwandeln – jenseits der Besserwisserei.