Intelligenz ist lernbar

Politblog

Wer denken übt, wird besser darin. Foto: PeopleImages (iStock)

In meinem letzten Blog-Beitrag forderte ich eine Matura für alle. Im Fokus stand dabei die flächendeckende Einführung der Berufsmaturität für alle Lehrlinge. Die Reaktionen waren – na ja. Sagen wirs mal so: Begeisterungsstürme sehen anders aus. Die meisten Sorgen, die in Kommentaren und Leserbriefen geäussert wurden, betrafen das Niveau. Ein bisschen freut mich das sogar, denn als Lehrer gilt auch für mich: Das Niveau ist nicht verhandelbar. Der Punkt ist nur: Ich glaube nicht, dass es sinken würde. Warum sollte es? Es ist noch nie gesunken. In den letzten Jahrzehnten haben immer mehr Jugendliche eine gymnasiale oder eine Berufsmaturität erlangt – und das Niveau ist nach wie vor hoch.

Wie ist das möglich? Weil Qualität und Quantität sich in der Bildung nicht ausschliessen. Unsere Geschichte von einer Agrar- über eine Industrie- zur hochspezialisierten Dienstleistungsgesellschaft zeigt, dass der Bildungsstand einer Bevölkerung sehr wohl in ganzer Breite angehoben werden kann. Wenn Lehrlinge einen Tag mehr als bisher in die Schule gehen, dann bewirkt das hoffentlich etwas.

Bildung ist Staatsaufgabe

Viele Lehrlinge seien schon jetzt überfordert, heisst es. Nun, das hat man schon immer behauptet. Zudem: Die Menschen in Dumme und Intelligente aufzuteilen ist – ziemlich dumm. Intelligenz ist viel mehr als nur ein Talent. Obwohl fleissig nach Intelligenzgenen geforscht wird, ist niemand zum Handwerker oder Banker, zur Hausfrau oder Professorin geboren. Natürlich spielt Begabung eine Rolle, doch man darf das nicht überbewerten. Intelligenz ist veränderbar. Und sie ist lernbar. Sie ergibt sich aus der Praxis, dem Handwerk des Denkens. Wer dieses viel praktiziert, wird besser darin. Auch hier gilt: Übung macht den Meister.

Ein Stück weit erklärt das auch, weshalb so viele Akademikerkinder am Gymnasium sind. Sie sind nicht unbedingt von Natur aus klüger. Aber wenn sie zu Hause und in Lernstudios gefördert werden, dann werden sie eben tatsächlich besser in dem, was sie tun. Lernen bleibt nicht folgenlos. Das heisst: Intelligenz sollte man eher als soziokulturellen und weniger als biologischen Faktor sehen. Das heisst auch: Der Bildungswille ist das entscheidende Kriterium. Der Wille ist die Voraussetzung, und in seinem Schlepptau führt er die schulische Intelligenz.

Ich habe grösstes Verständnis für Jugendliche, welche diesen Willen noch nicht selbst aufbringen können. Deshalb braucht es in ihrem langfristigen Interesse die Schulpflicht bis zur Volljährigkeit. Das ist in erster Linie eine Pflicht für den Staat. Es ist seine Aufgabe, die Bürger genügend zu bilden. Wenn er diese Aufgabe nur unvollständig wahrnimmt, wenn er die Jugendlichen ungenügend auf die Herausforderungen der Zukunft vorbereitet, wenn er die Hochqualifizierten aus dem Ausland importiert, statt sie selbst auszubilden, dann verletzt dieser Staat seine Bildungspflicht.