Ausländerfeindlichkeit light

Der Titel einer Reportage aus der Reihe «Temps présent», die das Westschweizer Fernsehen (TSR) letzten Donnerstag brachte, lautete «Die neuen Kolonisten». Eine gut strukturierte Sendung, die sich zum Ziel gesetzt hatte, dem Wohnungsmangel im wirtschaftlichen Einzugsgebiet von Genf über den Fuss des Waadtländer Juras bis zum Mont Salève auf den Zahn zu fühlen. Um den Ernst der Angelegenheit zu unterstreichen, wurde der Bericht mit der Titel-Melodie der Serie «Desperate Housewives» untermalt.

Jede Krise braucht einen Sündenbock. Das sind auch diesmal wieder die Ausländer. Zurzeit aber nicht Flüchtlinge oder Roma, sondern die leitenden Angestellten der multinationalen Konzerne in der Region. Natürlich ist ihr sozialer Status nicht mit dem der Ausländer zu vergleichen, die sonst als  Schuldige für alles Mögliche herhalten müssen. Die Klischees sind jedoch genauso plump: «Sie fahren Geländewagen, wohnen in Villenquartieren, schicken ihre Kinder in Privatschulen, haben eigene Sitten und sprechen alle nur Englisch. Wegen diesen überheblichen Eroberern explodieren in unserer friedlichen Gegenden die Mietpreise, die Strassen in unseren Dörfern werden verpestet und die Einheimischen können es sich nicht mehr leisten, hier zu bleiben.» So apokalyptisch stellt es jedenfalls Didier Lohri, der Bürgermeister von Bassins, dar und ist in den linguistischen Widerstand getreten: Er spricht mit den Neuankömmlinge nur noch Französisch.

Verantwortlich für diese Situation sind sicher nicht die ausländischen Kader, die sich hier niederlassen und im Grunde nichts anderes sind als ein Indiz für den wachsenden Wohlstand aller.

Wisteria Lane.

Die neuen Sündenböcke der Romands sind wohlhabend und sprechen Englisch: Haus an der Wisteria Lane (Drehort der «Desperate Housewives»-Serie in Hollywood).

Wer diese «neuen Kolonisten» als Sündenböcke missbraucht, macht es sich aber sehr einfach. Dass man sie sehen und vor allem hören kann, ist nicht abzustreiten. Aber ein einfacher Blick auf die Statistiken genügt, um diese Vorurteile zu korrigieren. Zwischen 2002 und 2010 hat die exogene Wirtschaftsförderung im Kanton Waadt 8950 langfristige Arbeitsplätze geschaffen, die länger als fünf Jahre bestehen werden. Diese Arbeitsplätze sind bei weitem nicht alle an Ausländer gegangen. Mehrere grosse Unternehmen, die Güter herstellen (zum Beispiel Medtronic, Ferring) oder Dienstleistungen anbieten (Parker, Eaton), beschäftigen zahlreiche Personen, die schon im Kanton ansässig waren, bevor diese Arbeitgeber hierher kamen.

Das zweite Beispiel wurde im letzten Mai vorgelegt: Von den 250’536 Vollzeitstellen, die 2005 im Kanton Waadt bestanden, gingen nur 6,4 Prozent an Unternehmen mit ausländischem Kapital. Und der Anteil von Arbeitsplätzen, die auf ausländische multinationale Konzerne entfielen, ist mit 1,1 Prozent sehr gering. Neuere Statistiken zeigen, dass die Zunahme weiterhin mässig ist.

Nicht der Zustrom von ausländischen Kadern führt zum Wohnungsproblem, sondern vielmehr die ungleiche Aufteilung von Angebot und Nachfrage. Durchschnittlich 300 Wohnungen pro Jahr würden ausreichen, um die Neuankömmlinge aufzunehmen (die von Einheimischen besetzten Plätze mitgerechnet). Das Problem ist, dass seit dem Jahr 2005 7500 Wohnungen fehlen und dass durch den Bau von zu vielen grossen Wohnungen der Markt für kleinere und billigere Objekte trockengelegt wurde. Das wird vor allem in Genf deutlich, wo der Baustopp eine unglaublich absurde Situation geschaffen hat.

Somit bezahlt die Region nun mit zwanzig Jahren Verspätung für ihre Untätigkeit in Sachen Wohnungsbau, für ihren Lokalpatriotismus, für das Fehlen von Visionen und dafür, dass sie keinen Mut für Investitionen aufgebracht hat. Verantwortlich für diese Situation sind sicher nicht die ausländischen Kader, die sich hier niederlassen und im Grunde nichts anderes sind als ein Indiz für den wachsenden Wohlstand aller. Zu diesem Thema wäre es schön zu hören, wie die Politik gedenkt, der SVP den politischen Nährboden zu entziehen. Denn es ist an der Zeit, dieser Ausländerfeindlichkeit in Light-Version ein Ende zu setzen, dieser Intoleranz, die die harmlosen Kopien der Wisteria Lane (dem «Desperate Housewives»-Wohnquartier) für die Vorhut einer Invasion hält.

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