Ghadhafis Mordlust und Schweizer Angsthasenpolitik

Der Wind der Geschichte hat das Mittelmeer erfasst. Tunesien, Ägypten, Libyen, Bahrain, Jemen. Auf den Strassen an der Grenze zur Wüste stürzen hundert Millionen Araber mit Blut, Tränen und Hoffnung die Mauern des von den Diktatoren für sie erbauten gigantischen Gefängnisses. Diese Revolution erschüttert die ganze Welt, so wie die ganze Welt vor zwanzig Jahren beim Sturz der Berliner Mauer dauerhaft erschüttert wurde.

Die USA überlegen sich, wie sie eingreifen sollen, ebenso Europa, China und Russland. Die Diplomaten drücken kein Auge mehr zu, die Ökonomen stellen Prognosen an. Kurz: Dieser Schirokko (der heisse Wind, der von der Sahara Richtung Mittelmeer weht, Anm. der Redaktion) stört unsere festgesetzten Ordnungen und selbstverständlich gewordenen Sicherheiten.

Und in der Schweiz? Natürlich haben wir unsere Sünden beglichen. Wir haben die Vermögen von Diktatoren eingefroren, soweit wir davon Kenntnis haben. Das ist doch schon etwas, werden Sie jetzt sagen. Aber der arabische Frühling erregt weniger Enthusiasmus als Befürchtungen und Kleinlichkeit.

Als ob dieser kräftige Hauch der Freiheit, der durch die Büros der Bundespolitik gefegt ist, zu einem schwachen Lüftchen geworden wäre. Die Konservativen, die Populisten und die chronischen Nörgler versuchen ihn abzuschwächen.

Konservative Zürcher Politiker berechnen, – es stehen schliesslich Kantonswahlen an – was der Anstieg der Kriminalität bei einem eventuellen Flüchtlings-Zustrom aus Nordafrika bewirken könnte.

Steht sinnbildlich für die arabischen Gewaltherrscher: Muammar al-Ghadhafi.

Wenn die durch ihr Schicksal verdammte arabische Jugend allen Gefahren trotzt, um die Botschafter unserer eigenen Werte und Ideale zu werden; wenn sich in Tunis das gesellschaftliche Leben neu organisiert; wenn der mordsüchtige Clown, der unsere Mitbürger als Geiseln gehalten hat, endlich kurz davor ist, entthront zu werden. Woran denken die Kleingeister der Schweizer Politik? An die Nachteile, welche die Freiheit und Würde unserer Nachbarn mit sich bringen könnte. In den Augen dieser Angsthasen ist alles sehr einfach: Die Geschichte soll ihren Lauf nehmen, nur zu! Aber bitte, ohne daraus gleich eine Riesengeschichte zu machen.

Nicht ein einziger Flüchtling hat bis jetzt an unsere Türe geklopft. Aber die SVP misst schon jetzt die nötigen Kilometer Stacheldraht ab, um das Tessin einzuzäunen. Konservative Zürcher Politiker berechnen, – es stehen schliesslich Kantonswahlen an – was der Anstieg der Kriminalität bei einem eventuellen Flüchtlings-Zustrom aus Nordafrika bewirken könnte.

Man spricht über Föderalismus und Subsidiarität. Man spekuliert über die Aufteilung der Kosten zwischen Bund und Kantonen, die bei der Öffnung von weiteren Zivilschutz-Anlagen entstehen könnten. Die Botschaft, die man hiermit über das Meer ruft, lautet: Euer Geld nehmen wir, aber nicht die Flüchtlinge.

Eine Revolution ist im Gange. Niemand weiss, wohin sie führt. Enttäuschungen werden nicht ausbleiben. Doch auch Hoffnung liegt in der Luft. Die Schweiz sollte bereitstehen, um ihren Beitrag zu leisten, anstatt sich um ihren kleinen Sorgen zu kümmern. Laut den Kennern der arabischen Welt hat die grosse Erniedrigung zum Ausbruch der Revolution geführt. Die nun verlangte Freiheit sei eine Antwort auf die Schande der Vergangenheit. Die sich erhebenden Nationen gehen von der Demütigung in die Freiheit. Es wäre entwürdigend, wenn wir den umgekehrten Weg einschlügen.