Das Ende der Unschuld bei Facebook und Co.

Jordan Blackshaw, 20, und Perry Sutcliffe-Keenan, 22, werden die nächsten vier Jahre ihres Lebens im Gefängnis verbringen. Ihr Verbrechen: Anstiftung zur Kriminalität via soziale Netzwerke während der Unruhen, die vor etwa zehn Tagen im Nordosten von England gewütet haben. Das Gericht in Chester hat sie am Dienstag zu dieser drakonischen Strafe verurteilt und so den Willen der britischen Regierung demonstriert, hart gegen die Anstifter einer Gewaltbewegung vorzugehen, deren Gewalttätigkeit in unseren Breitengraden seit längerer Zeit beispiellos war.

Blackshaw hielt es für schlau, auf Facebook zu einer Veranstaltung mit dem Titel «Die Stadt Northwich zerstören» aufzurufen. Der zweite Verurteilte, Sutcliffe-Keenan, erstellte ebenfalls auf Facebook eine Seite mit dem Namen «Organisieren wir einen Aufstand». Eine Idiotie unter vielen anderen auf Facebook, werden Sie jetzt sagen. Ganz im Stile der etwas naiven jungen Teenagerin aus Hamburg, die sich diesen Frühling 1500 Gästen gegenübersah, die sie unwissentlich zu ihrem Geburtstag eingeladenen hatte. Die arme hatte die Veranstaltung versehentlich im Facebook-Modus «öffentlich» angekündigt. Die Konsequenzen in Manchester jedoch waren sehr viel schlimmer. Hunderte vermummter Chaoten verübten im Stadtzentrum üble Vandalenakte: Schaufenster wurden zertrümmert, Läden in Brand gesetzt und geplündert.

Heutzutage wird in den Blogs abgerechnet, werden rassistische oder antisemitische Tiraden verfasst. Die Hasserfüllten, die Aggressiven, die Querulanten: Alle bloggen sie. Zum Leidwesen der anständigen Blogger.

Wer im Internet zu Gewalt aufruft muss bestraft werden: Englischer Randalierer mit Smartphone.

Wer im Internet zu Gewalt aufruft, muss bestraft werden: Englischer Randalierer mit Smartphone.

Das Gericht hat die richtige Entscheidung getroffen, indem es hart gegen die Machenschaften der unverantwortlichen Internetbenutzer vorging. Es hat einer inakzeptablen Straffreiheit ein Ende bereitet. Ich höre schon das Aufheulen der «Bürger-Reporter» der Twitter-Revolution, der sogenannten «Tweetolution», die das Ende der Meinungs- und Redefreiheit in den «neuen demokratischen Räumen» sehen kommen. Man wird sie daran erinnern müssen, dass sich die Demokratie auf ethische Regeln wie Ordnung und Disziplin stützt, dass ein guter Reporter nie selbst an einer Veranstaltung teilnimmt, sondern nur beobachtet – und dass man keine Verfassung aufgrund von Tweets erstellt.

Auch in der Schweiz gibt es seit einigen Jahren Blogs, die mit ihrem Inhalt in den Hass abgleiten. Vorbei ist die glückliche Zeit, wo der brave Bürger von der neuen Freiheit profitiert hat, um sein zu lange verborgen gebliebenes Schreibtalent mit dem Rest der Welt zu teilen. Heutzutage wird in den Blogs abgerechnet, werden rassistische oder antisemitische Tiraden verfasst. Die Hasserfüllten, die Aggressiven, die Querulanten: Alle bloggen sie. Zum Leidwesen der anständigen Blogger.

Die «Tribune de Genève» betreibt seit 2007 ein öffentliches Forum für Blogs. Jeden Tag wehrt sich unser Team gegen Hass, sei er antisemitisch, versteckt unter einer «Solidarität mit Palästina» oder gegen den Islam, im Namen einer fanatisierten europäischen Identität. Dabei können wir auf die Hilfe der abgehärteten Überwacher von Organisationen wie der Internationalen Organisation gegen Rassismus und Antisemitismus, der LICRA, oder der CICAD, der Westschweizer Organisation jüdischer Gemeinden, und natürlich auf die Aufmerksamkeit unserer Internetbenutzer zählen.

Diese Woche hat die «Tribune de Genève» drei Blogs schliessen müssen, die als antisemitisch beurteilt wurden. Einer der Autoren fand, er sei «bereit, Antisemit zu sein», wenn das nötig sei, um die palästinensische Sache zu unterstützen. Ein anderer fantasierte über die jüdische Abstammung von Hitler und behauptete, die Juden seien durch einen Juden getötet worden und der dritte machte diskret Werbung für ein Fest zur «Rehabilitation des Hakenkreuzes», nachdem er ein ganzes Schreiben über die «jüdische Lobby» veröffentlicht hatte. Andere Autoren, etwas ungreifbarer in der Formulierung ihrer Angriffe, stehen unter Überwachung.

Das goldene Zeitalter, wo sich die Zeitungen noch damit brüsten konnten, ihren Internetbenutzern eine grenzenlose schreiberische Freiheit anbieten zu können, ist vorbei. Es ist Zeit, in unseren Diskussions-Plattformen im Internet Seriosität, Ethik und Transparenz zu garantieren, die man auch von den Leserbrief-Seiten der gedruckten Zeitungen erwartet. Die Qualität der Debatte hängt davon ab.

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