Hilfe, Jesus kommt zurück

Ich bin im sehr katholischen Kanton Wallis geboren und wurde, wie fast alle meine Mitschüler, katholisch getauft. Während meiner Schulzeit kam ich immer wieder mit Jesus in Kontakt. In der 5. Klasse verteilte unsere Lehrerin sogar Pluspunkte an jene, die am Mittwochvormittag zum Gottesdienst gingen. Die Religion war Teil der Öffentlichkeit und das war gut so.

Die SVP wäre fast bereit, die Waffen wieder aufzunehmen, um im Orient das Grab Christi zu erlösen – wenn man dazu nicht die Landesgrenze überschreiten müsste.

«Stoppt das Töten von Christen»: Kopten protestieren in Kairo.

«Stoppt das Töten von Christen»: Kopten in Kairo, wo Muslime eine Kirche angriffen. Dabei starben mehrere Menschen. (Mai 2011)

Erst als mich mein Studium auf protestantischen Boden führte, begann ich, das Prinzip der religiösen Neutralität zu verstehen. Dieses Konzept war mir derart fremd, dass ich einige Zeit brauchte, um dessen Grundlagen und Vorteile zu verstehen. Da der Glaube nicht unbedingt für alle derselbe ist, gehört er zum privaten Leben. Dadurch wird der religiöse Frieden gesichert. In der Schweiz bildet das Gesetz den einzigen gemeinsamen ethischen Grundsatz. Es gilt als demokratische Umsetzung unserer Werte und Prinzipien.

Nur: Die Trennung von Kirche und Staat scheint heute der Vergangenheit anzugehören. Gerade die jüngste Legislatur steht für die grosse Rückkehr der Religion in die Politik. Nach der anekdotischen Debatte über das Kruzifix in den Schulen, die die Massen nicht wirklich mobilisiert hat, sind wir zu einer viel emotionaleren Frage übergegangen: die der Minarette. Dabei handelt es sich um derzeit fast inexistente, architektonische Anhängsel auf unseren grünen Feldern, die aber durch eine geschickte Propaganda zum Wahrzeichen einer vom Untergang bedrohten und vom Islam niedergeschlagenen christlichen Gesellschaft gemacht wurden.

Auch wenn Kirchen und Tempel leer stehen, verkauft sich das Kreuz sehr gut. Gerade im Hinblick auf die Wahlen. Die SVP würde die Waffen wieder aufzunehmen, um im Orient das Grab Christi zu erlösen – wenn man dazu nicht die Landesgrenze überschreiten müsste. Diesen Schritt hat die CVP gerade gewagt. Sie hat dazu aufgerufen, die Prioritäten der Schweizer Entwicklungshilfe zu überdenken. Staaten, die christliche Minderheiten kaum respektieren, sollen nicht länger unterstützt werden. Stattdessen müsse direkt diesen christlichen Minderheiten geholfen werden. Aus deren Wohlergehen, argumentiert die CVP, liesse sich eine Schutzmauer gegen die weltbedrohende Islamisierung errichten.

Wir freuen uns jetzt schon, den Beamten der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) zuzuschauen, wie sie mithilfe von statistischen und geostrategischen Studien abwägen, wer denn die Spenden auch wirklich verdient, die unsere christliche schweizerische Barmherzigkeit gebietet. Wie viele Messen und Gottesdienste für einen Brunnen, eine Schule, eine Käserei oder eine Weberei?

Der christdemokratische Vorschlag ist nicht nur absurd. Er macht Angst. Wenn die CVP nicht mehr an die Kraft der Entwicklungshilfe glaubt, um den Anstieg der Extremisten zu bekämpfen – sie hat natürlich das Recht dazu –, dann wäre es am logischsten, die Auflösung des Deza zu verlangen. Aber dies könnte in der Heimat des Roten Kreuzes vielleicht Staub aufwirbeln. Also glauben wir lieber an die guten Schöpfungen, die den verdienstvollen Christen vorbehalten sind.

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