Köppel oder Maurer: Wer provoziert geschickter?

Ueli Maurer war eben von der Vereinigten Bundesversammlung mit einem guten Resultat als Bundesrat bestätigt worden und wollte sich von seinen Anhängern feiern lassen. Ein SRF-Journalist bat ihn, live auf Sendung, um ein Interview: «Herr Bundesrat, darf ich schnell?» Maurer: «Näi. Kä Luscht.»

Die Zuschauer hätte es schon interessiert, was Maurer zu sagen hat.

Der neugewaehlte Bundesrat Guy Parmelin (SVP), rechts, spricht mit Alt-Bundesrat Christoph Blocher (SVP), links, und Bundesrat Ueli Maurer (SVP), Mitte, an der Feier im Kornhauskeller nach den Bundesratswahlen am Mittwoch, 9. Dezember 2015, in Bern. (KEYSTONE/Thomas Hodel)

Ueli Maurer mit Christoph Blocher (links) und dem frisch gewählten Bundesrat Guy Parmelin (rechts). Foto: Thomas Hodel (Keystone)

Am selben Tag, 84 Minuten zuvor: Eveline Widmer-Schlumpf hatte ihren letzten Auftritt auf der ganz grossen Bühne. Ihren Abschied von der Politik, ihren Abschied aus dem Bundeshaus, gewissermassen auch vom Volk. Sie pries die Demokratie als Überzeugung, «einander zuzuhören und andere Meinungen zu respektieren». Genau in diesem Moment hörte einer nicht zu, sondern tippte eifrig auf seinem Notebook herum: SVP-Nationalrat Roger Köppel.

Maurers totaler Verzicht auf Höflichkeit und Köppels demonstrative Respektlosigkeit: Beides ist stillos, auf den ersten Blick typische Provokationen im Stile der SVP. Die Unterschiede offenbaren sich erst auf den zweiten Blick.

Da ist auf der Seite ein Bundesrat, eben für vier Jahre bestätigt, der einem Bittsteller eine Watsche verpasst. Etwas weniger feindselig zwar als vor zwei Jahren, als er einen Kameramann als «Aff» beschimpfte. Aber auch nicht raffinierter. Vielleicht wollte Maurer zeigen, er wäre gerne frech, unangepasst. Doch beim Zuschauer kam an: Ueli Maurer hat es nach seinem Sieg nicht mehr nötig, demütig zu sein. Vielleicht galt seine Spitze dem Journalisten. Doch tatsächlich sagte er seinem Publikum, dass er grad «kä Luscht» hat. Die Zuschauer hätte es schon interessiert, was er zu sagen hat. Vor allem jene, die sich über seine Wiederwahl freuen, die SVP-Wähler, die Hinwiler.

Auf der anderen Seite ist da ein Nationalrat, ein frisch vereidigter Novize zwar, aber ein intimer Kenner der Schweizer Politik, ein Journalist, ein Intellektueller, ein Hoffnungsträger für die SVP. Wenn er sich während der Abschiedsrede einer Magistratin mit seinem Computer beschäftigt, vermittelt das ein ganzes Sortiment von Botschaften. Erstens: Dieser Mann zollt niemandem Respekt, der der SVP in den Rücken fällt. Auch nicht einer Magistratin mit grossen Verdiensten für die Schweiz? Pfff! Zweitens: Dieser Mann ist so wichtig, dass er seine Zeit nicht mit lästigen Dingen wie Zuhören verbringen kann. Oder vielleicht: Dieser Mann kann zuhören und arbeiten gleichzeitig. Drittens: Dieser Mann ist kein schüchterner Neu-Nationalrat, der in der ersten Session ein wenig die Gepflogenheiten kennen lernt, mal ein bisschen schaut, wie das so läuft. Roger Köppel sagt selbst, wie das läuft.

Und was bleibt davon übrig? Maurer Gebell ist der neuste Kalauer in den sozialen Medien. Auf Twitter erzählen sich die Leute hundertfach, worauf sie grad keine Lust haben. #käluscht zum Kochen, #käluscht zum Arbeiten, #käluscht zum Steuern zahlen. Und Köppel? Er kassierte in seiner zweiten Woche als Nationalrat seine erste Rücktrittsforderung. Gibt es eine grössere Anerkennung für einen Unruhestifter?

Als Provokateur ist Köppel geschickter als Maurer. Mal sehen, wie er sich als Politiker schlagen wird.