Wenn es bei der Matheprüfung an der Sprache scheitert

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In der Rubrik Bildung des Politblogs geht es um aktuelle Themen der Bildungspolitik. Autoren sind Andreas Pfister (Leitung), Philipp Sarasin, Patrik Schellenbauer und verschiedene Gäste.

Lassen wir für einmal die Diskussion, ob die Gymiquote zu tief oder «angemessen» sei, auf sich beruhen. Stellen Sie sich einfach vor, Ihr Kind sitzt in der Matheprüfung für die Gymi-Zulassung – sie macht in Zürich 50 Prozent der Note aus – und bekommt folgende Aufgabe gestellt, als eine von etwa zehn ähnlichen, die in einer Stunde zu lösen sind: «La superficie du lac de Gruyère, à sa cote maximale, est de 10 km2. Lorsque l’on ouvre les vannes du barrage de Rossens, 150 m3 d’eau s’écoulent chaque seconde. L’altitude du lac est de 677 m. Quelle durée théorique faudrait-il pour abaisser de 10 cm le niveau du lac sachant que ses divers affluents débitent 45 m3 par seconde?»

Soll man Kindern den Zugang zum Gymnasium versperren, weil sie die Matheaufgaben schlecht verstehen?

Hier kommt noch eine Bildlegende (Bild: Keystone/Martin Ruetschi)

Sprachbarrieren sollten bei den Matheaufgaben an der Gymiprüfung abgebaut werden. (Bild: Keystone/Martin Ruetschi)

Halt, werden Sie sagen, das ist ja Französisch, wir sind doch in Zürich! Das ist schliesslich ein Mathetest, keine Sprachprüfung! Zweifellos, aber wie wärs, wenn Sie beispielsweise erst vor einem Jahr nach Lausanne gezogen wären und Ihr Kind zwar schon ganz gut Französisch spricht, schriftlich und im Detailverständnis aber noch Mühe hätte mit der neuen Sprache?

Mein Beispiel stammt aus einem Prüfungsblatt eines Waadtländer Gymnasiums. Die Mehrzahl der Aufgaben ist dort in mathematischer Notation gestellt. Bei der Zürcher Gymiquote-Prüfung sieht die Sache anders aus: Fast alle Aufgaben bestehen aus zum Teil ziemlich trickreich formulierten kleinen oder längeren Texten – meist deutlich komplizierter als beim zitierten Beispiel. Sie erfordern die Fähigkeit, die Aufgabenstellung sprachlich sehr genau zu verstehen. Sprachlich formulierte Verhältnisse, Beziehungen und Kausalitäten mussten erfasst und dann erst in ein mathematisches Problem umgewandelt werden. Wer in der Sprache der Aufgabe nicht sehr fit ist, hat in der Prüfung ein ziemliches Problem.

Sie denken: «Na und?» Doch: In Zürich spricht mehr als ein Drittel der Bevölkerung zu Hause eine nicht deutsche Sprache. Zum Teil können Mitglieder dieser Haushalte – meist die Kinder – zwar auch Schweizerdeutsch, doch das heisst noch lange nicht, dass sie das Hochdeutsche so gut beherrschen, dass die Sprachhürde in der Matheprüfung für sie leicht zu nehmen wäre.

Ein Kollege aus der naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Zürich hat mir im Zusammenhang mit der Diskussion über die Gymiquote einmal geschrieben, dass die starke Selektion durch die Aufnahmeprüfung nicht nur Kinder aus sozial schwachen Familien mit Migrationshintergrund benachteilige, sondern auch zum Beispiel zugezogene Tessiner. Seine Söhne seien wegen ihres noch nicht so guten Deutsch bei der Gymiprüfung gescheitert.

Natürlich müssen wir daran festhalten, dass die Schulkinder in Zürich hinreichend gut Deutsch lernen, das steht ausser Frage. Aber soll man ihnen zum Beispiel den Zugang zum Gymnasium versperren, weil sie die Matheaufgaben schlecht verstehen, obwohl sie vielleicht gerade in Mathe gut wären? Zumindest diese mit nichts zu rechtfertigende kulturelle Barriere gehört schnellstens abgeschafft. Die sozialen Hürden für den Zugang zum Gymnasium sind schon hoch genug.