Dauerpropaganda der Berufslehre

Sie wollen immer informieren. Aufklären. Die Vorzüge des dualen Bildungswegs aufzeigen. Als wären die Eltern irgendwie begriffsstutzig. In Wirklichkeit gehts dem Gewerbe um was viel Banaleres: Es will die talentiertesten Jugendlichen für sich – statt sie ans Gymnasium zu verlieren. Das ist verständlich, und es ist legitim, die Werbetrommel zu rühren. Immerhin ist das sympathischer, als die Einführung von Quoten zu verlangen. Bloss sollte man solche Werbeblöcke nicht als Information verkaufen.

Selbst konstruktive Kritik an der heiligen Schweizer Kuh Berufslehre gilt mitunter als Tabubruch.

Lehrlinge des Paul Scherrer Instituts arbeiten am Donnerstag, 20. September 2001, freiwillig am Aufbau einer Scheune der Familie Vogel aus Romoos (LU) mit. Die Schweizerische Arbeitsgemeinschaft fuer Berggebiete (SAB) organisiert den Einsatz der Lehrlinge bei Bergbauern zusammen mit anderen Organisationen. (KEYSTONE/GUIDO ROEOESLI)

Ein Lehrling beim Aufbau einer Scheune. Foto: Guido Röösli, Keystone

Jüngstes Beispiel: Die Luzerner Dienststelle für Berufs- und Weiterbildung will mit «Berufsbotschaftern» an den Elternabenden «informieren». Vorurteile abbauen, nicht wahr. Die Dauerpropaganda der Berufslehre verursacht mittlerweile einen Lärm, der es schwierig macht, überhaupt ein vernünftiges Wort zu wechseln. Und gerade das wäre wichtig, denn die Berufsmatura beziehungsweise der Ausbau der schulischen Bildung innerhalb des dualen Systems ist durchaus ein spannendes Konzept.

Das Problem ist: Selbst konstruktive Kritik an der heiligen Schweizer Kuh Berufslehre gilt mitunter als Tabubruch, als Verstoss gegen die Political Correctness. Und so wird nur noch hinter vorgehaltener Hand Klartext geredet. Im Versteckten wird der eigene Nachwuchs ins Lernstudio geschickt. Im Hinterzimmer wird der Berufsmaturandin zugeraunt, sie solle besser an die Uni wechseln. Ungern gibt man zu, dass die Doppelbelastung durch Schule und Arbeit viele Berufsmaturanden überfordert. Lieber zeichnet man ein romantisches Bild der Berufslehre.

Die «Berufsbotschafter» sind frei, ihre Partikularinteressen zu vertreten. Doch an einem Elternabend haben sie nichts verloren. Das ist Schulgebiet. Das Gewerbe soll unsere Kinder doch einfach in Ruhe lernen lassen, statt sie so früh wie möglich aus der Schule zu locken.

Worüber an diesen Elternabenden wohl kaum informiert wird: dass die Arbeitgeber, die im Bildungswesen die Gleichwertigkeit der Ausbildungswege predigen, selbst die Letzten sind, die diese Gleichwertigkeit auf dem Arbeitsmarkt umsetzen. Sie sind es ja, die die Lohntüten je nach Ausbildung unterschiedlich abfüllen. Es gab mal eine Gesellschaftsform, in der Arbeiter gleich viel verdienten wie Ärzte. Ich glaube nicht, dass das Gewerbe besonders erbaut war davon.

Das Gewerbe weiss selbst am besten, dass wir in einer Gesellschaft leben mit Hierarchien und (Lohn-)Unterschieden. Respekt vor der Lehre ist etwas anderes als die Lobhudeleien der Bildungspolitiker. Echter Respekt bedeutet in erster Linie Aufrichtigkeit. Stattdessen muss man immer zwischen den Zeilen lesen. Man wolle die Sekundarstufe stärken, heisst es seitens der Berufsbildung. Im Klartext bedeutet das: Man will weniger Gymnasiasten, um Bildungskosten zu sparen. Man wolle die Jugendlichen gemäss ihren Neigungen fördern. Heisst übersetzt: Mehr von ihnen sollen eine Lehre machen, die Chefs kann man billiger importieren.

Das erfährt man nicht von Berufsbotschaftern am Elternabend. Dafür gibt es diesen Blog.