Wollen wir die Besten?

Liest man in den Gazetten querbeet durchs Land, so stellt man eines fest: In den Artikeln der gewichtigen Autoren ist Eveline Widmer-Schlumpf eine hervorragende Finanzministerin. Insbesondere der «Tages-Anzeiger» hat gekonnt begründet, dass sie wohl die Beste war in schwieriger Zeit. Nämlich: Sie hat uns beinahe ungeschoren durch die Finanz- und Wirtschaftskrise geführt, hat die weltweit grösste Bank für Vermögensverwaltungen, die UBS, vor der Pleite gerettet und in der Folge davon wohl die ganze Schweizer Wirtschaft. Allein schon aufgrund dieser grossen Leistung, noch als Stellvertreterin des erkrankten Hans-Rudolf Merz, müsste die Schweizer Wirtschaft ihr ein Denkmal an der Zürcher Bahnhofstrasse setzen, zumindest müssten die Bankmanager eine Gedenktafel am Eingang der UBS anschlagen. Sie würde möglicherweise gar nicht an die Einweihung kommen, weil ihr der Personenkult unangenehm ist, die Aktion nicht angemessen erschiene.

Die SVP könnte Eveline Widmer-Schlumpfs Rauswurf rückgängig machen.

Foto: Dominic Steinmann (Keystone)

Dank ihr stehen die Schweizer Banken heute besser da als 2008: Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf an der Premiere von «The Matterhorn Story» in Zermatt. Foto: Dominic Steinmann (Keystone)

Die Rettung der UBS war ihre erste Tat. Weitere folgten, immer sehr dossiersicher, immer unaufgeregt, dafür zupackend, energisch und professionell, auf Augenhöhe mit ihren Gegnern, in der Schweiz mit den mächtigen Bankern, im internationalen Umfeld mit den internationalen Organisationen, der Weltbank, der EU etc. Einer, der sie gar nicht mochte und sie immer beredt und empörend zu korrigieren versuchte, versank selber im Strudel seiner ungebremsten Gier nach Geld und Achtung, weil er Kunden übernahm, die ihr Geld vor dem US-Fiskus weiter in der Schweiz belassen, ins Trockene bringen wollten: der St. Galler Bankier Konrad Hummler, der seine bis dahin stolze Bank Wegelin auf Druck der USA schlicht schliessen musste respektive in der neu gegründeten Notenstein-Bank aufgehen sah.

Schon 2001 war den Schweizer Banken klar, dass das Bankgeheimnis nicht zu retten war, obwohl Hans-Rudolf Merz noch 2008 gebieterisch verkündigte, dass sich die Angreifer auf das Bankgeheimnis «die Zähne ausbeissen» würden. Es kam bekanntlich anders. Kein Zahn blieb auf dem Parkett liegen, es ging ganz automatisch.

Eveline Widmer-Schlumpf hat den Finanzplatz Schweiz neu reguliert, in der akuten Bedrohung selbst vor der US-Justiz geschützt, hat alles unternommen, um den ramponierten Ruf des Schweizer Finanzplatzes nicht ins Bodenlose sinken zu lassen. Im Gegenteil: Heute stehen die Schweizer Banken weit besser da als damals im Jahr 2008, als beinahe alles aus dem Ruder lief. Eveline Widmer-Schlumpf sei Dank.

Nun soll sie nicht mehr antreten. Ihre Partei ist zu klein. Und die Mitteparteien sind zu kleinkariert, zu sehr auf sich bezogen, als dass sie in der Lage wären, gemeinsam eine starke Kraft zu bilden, um Widmer-Schlumpf den notwendigen Rückhalt im Parlament verleihen zu können. Sie wird sich diese Woche überlegen, ob sie es noch einmal wagen wird. Sie kann erhobenen Hauptes gehen.

Nur, wer kann sie ersetzen? Die SVP will endlich einen zweiten Sitz. Hat die Partei aber das geeignete Personal? Obwohl ihr entsprechendes Streben seit Jahren auf der Agenda der Schweizer Politik steht, kann sie bis heute keinen Mann, kann sie keine Frau stellen, die annähernd das professionelle Format, die Willens- und Arbeitskraftkraft und die Dossiersicherheit der heutigen Finanzministerin mit sich bringt, um im ungebrochenen, oft entfesselten weltumfassenden Finanzmarkt, der von den Finanzplätzen Zürich und Genf stark mitgeprägt wird, auf Augenhöhe mitreden, mitentscheiden zu können.

So ist zu verstehen, dass sich die automatisch im Vordergrund stehenden SVP-Papabili Toni Brunner, Parteipräsident, und Adrian Amstutz, Fraktionschef, zieren – zumindest heute noch. Sie müssen ja davon ausgehen, dass sie bei einer Abwahl Eveline Widmer-Schlumpfs ins Finanzdepartement nachfolgen müssten. Denn von den bisherigen Mitgliedern des Bunderates wird sich das keine oder keiner antun wollen. Dort könnte, nein dort müsste der SVP-Mann beweisen, dass er Bundesrat, dass er Finanzminister sein kann. Davor schrecken sie zurück. Zu Recht.

So wird sich Besorgnis breitmachen, wenn Eveline Widmer-Schlumpf das Handtuch wirft. Wir aber können erwarten, dass die stärkste Partei des Landes eines tut: dass sie dem Parlament zwei wirklich ausgewiesene Persönlichkeiten vorschlägt, die das können. Das Schweizer Fernsehen könnte dann zu Hearings laden, und wir könnten uns selbst – ebenso der Wahlkörper, das Parlament – ein Bild machen, ob sie es wirklich können. Oder ganz ketzerisch: Die SVP könnte bei Eveline Widmer-Schlumpf eines rückgängig machen – ihren Rauswurf aus der Partei. Der Gedanke ist so weit weg, so unrealistisch, dass man ihn fast nicht stehen lassen kann. Und doch: Warum schicken wir, stellvertretend das Parlament, die Besten in die Wüste, wenn doch Mittelmass in dieser globalisierten Welt sicher nicht mehr genügt?