«Auch der Kellner ist ein Deutscher»

Wenn Sie Ihrem Gegenüber ein gelangweiltes Gähnen entlocken wollen, dann bringen Sie das Gespräch auf das Thema Fachkräftemangel. Es folgen wahrscheinlich Sprüche im Sinn von «Erzähl mir nicht, dass nur hochqualifizierte Spezialisten aus dem Ausland kommen: Der Kellner hier im Lokal ist ja auch ein Deutscher.» Fachkräftemangel ist in aller Munde. Und der Begriff muss häufig herhalten als Deckmantel für eine eigennützige Unternehmenspolitik und Worthülsen aus Wirtschaft und Politik.

Es braucht Reformbereitschaft von allen Seiten.

Eine Kellner in Zürich. (Keystone/Christian Beutler)

Fachkräftemangel ist in aller Munde: Kellnerin in Zürich. (Keystone/Christian Beutler)

Es gibt aber auch ernsthafte Initiativen, die sich mit der Problematik auseinandersetzen. Zwischen Juni 2014 und Juni 2015 haben sich Vertreter aus Verwaltung und Privatwirtschaft aus acht Kantonen für die Verbreitung bewährter Massnahmen zur besseren Nutzung der inländischen Fachkräfte im Metropolitanraum Zürich engagiert. Unter der Leitung der Fachstelle Volkswirtschaft des Kantons Zürich wurden diese Massnahmen in einer Online-Umfrage zusammengetragen und ausgewertet.

Die Resultate sind sehr konkret: 70 Massnahmen aus den Bereichen Bildung für alle Altersstufen, Nachwuchsförderung sowie Vereinbarkeit von Beruf und Familie sind mit Kontaktinformationen auf der Website www.fachkraeftepotenzial.ch abrufbar.

Hier ausgewählte Schlussfolgerungen:

  1. Die Nachwuchsförderung für Berufe mit grossem Fachkräftemangel wird mit vielen tollen Projekten gefördert. Eltern und Kinder im Alter von 6–12 Jahren sollten allerdings stärker in den Fokus dieser Bemühungen rücken.
  2. Fortschritte bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie sind zentral für die Erhöhung des Angebots an Fachkräften. Die Erwerbsanreize für Zweitverdienende sind zu tief oder sogar negativ. Der öffentliche Sektor (Abgaben, Steuern, Kinderbetreuung) ist hier stark unter Zugzwang. Aber auch die Arbeitskultur in Unternehmen ist nicht förderlich, besonders in der Industrie. Überzeugende Massnahmen wurden fast nur bei grossen Unternehmen, die Fachkräfte im internationalen Wettbewerb anwerben müssen, erfasst.
  3. Für Fachkräfte über 45 Jahren wird der Konkurrenzdruck im Arbeitsmarkt immer härter infolge des rasanten technologischen Wandels und der Reformen der Bildungslandschaft, welche vorwiegend den jüngeren Generationen zugutekamen. Damit sich ältere Fachkräfte behaupten können, müssen sie sich adäquat um- und weiterbilden können. Adäquat heisst, dass sie nur das lernen müssen, was sie noch nicht wissen. Dazu braucht es ein transparentes Verfahren für die Anerkennung von im Berufsleben erworbenen Kompetenzen bei Ausbildungsgängen. Dies ist gegenwärtig nicht üblich. Eine höhere Bereitschaft der Fachhochschulen und höheren Fachschulen der Schweiz, dieses Anliegen aufzunehmen und ihre Ausbildungsgänge modular anzubieten, wäre wünschbar.

Zynische Sprüche verändern nichts, es braucht Reformbereitschaft von allen Seiten. Die Schweiz ist ein tolles Land mit grossen Chancen für Unternehmen und Fachkräfte. Sorgen wir dafür, dass alle diese Chancen nutzen können!