Eine Standard-Matur taugt nichts

Jede Klasse schreibt andere Maturaprüfungen. Dieses Konzept ist an Gymnasien so selbstverständlich wie nach aussen kaum zu begründen. Wer erlebt, wie Lehrpersonen mit Klassen Unterrichtskultur aufbauen, weiss, dass gleichwertige Prüfungen nicht durch identische Aufgaben entstehen: Zu unterschiedlich sind die Themen, Methoden und Interessen. Denkt eine naturwissenschaftlich orientierte Klasse im Deutschunterricht über die ethische Verantwortung der Forschung nach, besucht und bespricht eine musische eine Reihe von Theaterstücken. Legt man den Klassen dieselben Fragen vor, reagieren sie unterschiedlich. Standardisierte Prüfungen erfordern standardisierten Unterricht.

Aus der Aussenperspektive stellt sich eine einfache Frage: Warum legen Bund oder Kantone die Anforderungen einer Matura nicht verbindlich fest – zumal sie zur allgemeinen Hochschulreife führt? Die Frage verweist auf die beiden Bildungsziele des Gymnasiums. Hochschulreife ist eines – das andere lautet im Maturitätsreglement so: «Im Hinblick auf ein lebenslanges Lernen grundlegende Kenntnisse zu vermitteln sowie geistige Offenheit und die Fähigkeit zum selbständigen Urteilen zu fördern.» Das Gymnasium bietet keine Ausbildung, sondern «ausgewogene und kohärente Bildung». Von diesem Ziel lenken standardisierte Prüfungen ab, wie ich aus Erfahrungen mit der aargauischen Schulhausmatur sowie International-Baccalaureate-Kursen weiss. Als Profi kann ich damit umgehen, Aufgaben mit anderen Lehrkräften abzugleichen und an zentralen Vorgaben auszurichten. Ich kann Klassen auf IB-Prüfungen vorbereiten, die in England konzipiert und in Moldawien korrigiert werden. Aber ich kann Lernende schlechter motivieren, einen engagierten Text zu verfassen, wenn meine Rolle bei der Lernbegleitung durch Standards eingeschränkt wird.

Standardisierte Prüfungen erfordern standardisierten Unterricht.

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Lernen fürs Leben: Schulklasse an einer Kantonsschule in Winterthur. Foto: Doris Fanconi

Meine Erkenntnisse decken sich mit denen, die eine Evaluation zentraler Abiturprüfungen in Deutschland dokumentiert: Der Druck zentraler Vorgaben führe zwar ausserhalb des Unterrichts zu einer «frühzeitigeren, präziseren und selbstständigeren Vorbereitung» auf die Prüfungen. Gleichzeitig nehme aber die «schulische Selbstwirksamkeit» ab und eine «ungünstigere motivationale Struktur» werde aufgebaut. Zentrale Prüfungen führen zu einem Druck auf die Lernenden, dem mit einem Rückzug aus dem Unterricht und Motivationsabfall begegnet wird. Bessere Leistungen, die Lernende kurzfristig erbringen, haben für «lebenslanges Lernen» einen langfristigen Preis.

Die Forderung, Gymnasien müssten hinreichend auf ein Studium vorbereiten, ist berechtigt. Sie ist aber nicht neu, sondern wird seit 100 Jahren immer wieder gestellt. Das bedeutet nicht, dass keine Massnahmen ergriffen werden sollten. Die Sicherung basaler Kompetenzen, die aktuell erfolgt, ist ein wichtiger Schritt. Die Forderung nach standardisierten Prüfungen ist hingegen verfehlt: Blicke über die nördliche, westliche oder östliche Grenze unseres Landes zeigen, welche Frustration zentrale Vorgaben an Gymnasien auslösen.